Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville, Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch den demaskierten amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte.

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens in den Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier.

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstandenen Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alt organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali!

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10 Gedanken zu „Ali

  1. SätzeundSchätze

    Nicht alles, was er tat, war durchdacht … ja, das stimmt. Aber: Er war auch im Undurchdachten die personifizierte Aufrichtigkeit – und das fehlt heute sehr.

  2. autopict

    Ja es war eine andere Zeit. Eine Zeit mit 3 nicht im Dauerbetrieb gesendeten Programmen, mit dem Glauben an die Ehrlichkeit im Sport, in welcher der Sport eines Menschen nicht nur Fassade war, in welcher Politiker noch lebenserfahrene Menschen waren (lassen wir mal die braunen Reste in den Nischen und daneben außer Acht) und wir noch klar unterscheiden könnten zwischen gut und böse, schwarz und weiß, Rot- und Blauland. Manchmal wünsche ich sie mir auch zurück, diese Zeit, die mir nicht alles sagt was ich eigentlich nicht wissen will, die bei großen Taten noch Bewunderung statt Misstrauen zurücklässt und die meine Mediennaivität im Guten hofiert. Es war wohl das WYSISYG-Zeitalter. Es müsste dem Hütchenspiel weichen. Schön geschrieben!

  3. Lena Riess

    Auch wenn er nicht ganz überraschend kam, so ist die Nachricht von Alis Tod eine sehr traurige. Als Kind, beeinflusst durch das Elternhaus, war man für den Fighter Frazier (der hatte ja so was Berti-Vogts-mässiges). Als man zu verstehen begann, wurde Ali ein so grosses Vorbild. Danke für Deinen schönen Nachruf.

  4. almabu

    Ich habe das sehr ähnlich erlebt. Die meisten Reaktionäre und Duckmäuser wollten seinen Untergang sehen. Die Jugend stand fast geschlossen hinter ihm. Er zeigte, daß es beim Boxen um mehr als rohe, nackte Gewalt ging und bei Ali-Kämpfen oft, nicht immer, der Schnellere, der Klügere, der Taktiker gewann. Aber schon damals wurde man durch Medien manipuliert. Es gab auch Kämpfe, die eigentlich keine waren, denn da war Ali nicht nur der Schnellere, der Klügere, sondern dazu auch noch der Größere und der Stärkere. Wer dabei zu Ali hielt sah zu, wie ein Opfer von „unserem Helden“ verprügelt wurde und wie der Größte darauf achtete, es nicht vor der vorausgesagten Runde umzuhauen! Aus meiner heutigen Sicht rückbetrachtet war diese Zeit erheblich härter und Gewalt im Alltag, aber auch zwischen uniformierter Staatsmacht und demonstrierendem Jungbürger deutlich stärker verbreitet als man es sich heute vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Auf den Superstar Ali wurden Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen projiziert, die ihn förmlich zum Außerirdischen machte. Er hat gesundheitlich einen hohen Preis bezahlt und hat jetzt seine Ruhe…

  5. almabu

    Ali wird am kommenden Freitag den 10. Juni in seiner Heimatstadt Louisville, Kentucky beigesetzt werden. Diese Beisetzung wird öffentlich sein. Die Trauerrede soll Bill Clinton halten. Hillary wird gewiss anwesend sein. Damit dürften die Weichen gestellt sein, für ein Wahlkampfspektakel um die Stimmen der Schwarzen bei der kommenden Präsidentschaftswahl in den USA. Das US-Establishment schlägt posthum zurück… zum Kotzen!

  6. almabu

    Erdogan durfte bei Mohammad Alis Begräbnisfeier nicht der Allergrößte sein und reiste vorzeitig ab!

    Der Sultan hatte beschlossen nach Louisville, Kentucky, USA zu reisen um dem Größten die letzte Ehre zu erweisen.

    Er wollte ein Stück Stoff von der Kaaba in Mekka auf den Sarg des Boxers legen, was ihm verweigert wurde.

    Andere Quellen berichten, ihm sei es verwehrt worden einige Koran-Verse vor Ort zu lesen.

    Dann standen sich zusätzlich US- und türkische Geheimdienstler im Weg.

    Vor seiner Ankunft in den USA war Erdogan von der Rednerliste gestrichen worden, weil es nicht genug Zeit gäbe.

    Durch seine vorzeitige Abreise ergibt sich nicht die (unerwünschte?) Begegnung mit amtierenden (Obama), ehemaligen (Clinton) und/oder künftigen (Hillary Clinton) US-Präsidenten vor Ort.

    Irgendwie dumm gelaufen für den Sultan?

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    http://www.hurriyetdailynews.com/turkeys-erdogan-cuts-us-trip-short-without-attending-muhammad-ali-burial.aspx?pageID=238&nID=100320&NewsCatID=338

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