Ein kleiner Funken Glück

Jacques-Yves Henri erklärte einmal, warum die Franzosen den Hahn als Wappentier besäßen. Der Grund sei, dass es sich dabei um den Vogel handele, der noch singe, auch wenn er bereits mit beiden Füßen im Dreck stehe. Insofern boten die Bilder, die Frankreich gestern im Rahmen des EM-Auftaktes lieferte, ein Panorama, das dem entsprach. Viele Französinnen und Franzosen sind gewillt, zu singen, aber sie stehen tatsächlich mit beiden Beinen im Dreck. Die Gefahr weiterer terroristischer Angriffe auf zivile Ziele hängt wie ein Damoklesschwert über allen Aktivitäten und die wirtschaftliche Lage, in die momentan heftige soziale Kämpfe eingebettet sind, ist nicht dazu geeignet, von einer rosigen Zukunft zu sprechen.

Immer schwebt die These im Raum, der Fußball skizziere sehr gut die allgemeinen gesellschaftlichen Ströme in der Art und Weise, wie er gespielt werde. Insofern war auch der Auftritt der Equipe Tricolore gegen eine solide und konzeptionell durchaus konsistente rumänische Mannschaft ein Beleg für diese These. Das französische Team hat das Spiel erwartungsgemäß gewonnen, dabei aber große Mühen gehabt. Ein System oder gar eine Philosophie war dabei nicht erkennbar, im Grunde fuhr man auf Sicht, eine Metapher, die wir diesseits des Rheins gut aus der Politik kennen, welche allerdings für den deutschen Fußball im Gegensatz zur Politik nicht stimmt. Kompensiert wurde die Konzeptionslosigkeit auf französischer Seite durch individuelle Klasse. Und erlöst wurde das Team durch zwei heroische Interventionen eines Durchschnittsfußballers.

Eröffnungsspiele haben ihre eigene Güte. In der Regel besteht sie darin, dass alle Beteiligten hinter den großen Erwartungen zurückbleiben, weil es einfach um zu vieles geht. Niemand wagt sich so weit vor, dass es ihm zum Nachteil gelangen könnte. Danach, so heißt es, ist man im Turnier. Lassen wir die Plattitüden also so im Raum stehen und warten ab, wie es weiter geht. Das gestrige Spiel als Testat über den französischen Zustand hat dennoch seinen Reiz, weil es dokumentierte, dass es dem Land zur Zeit an einer Konsens getragenen Programmatik fehlt, mit der die Zukunft gestaltet werden soll. Ein System mit einer Brechstange Giroud wird nicht zum Erfolg führen, übrigens genauso wenig wie ein analoges mit Gomez bei Transrhenania, die Zeiten des bulligen Mittelstürmers sind bis auf die eine oder andere Nische vorbei. Die technische und taktische Brillanz einer modernen Abwehr steht dem entgegen und eine kollektiv inszenierte Flexibilität vermag die Möglichkeiten des Angriffs zu potenzieren.

Insofern war das Eröffnungsspiel gestern noch einmal ein Einblick in die Annalen des antiquierten Fußballs. Sollte das so bleiben, dann stünde Europa still, was nicht der Fall ist. Dass in der Krise gerne auf alte Rezepte zurückgegriffen wird, ist nichts Neues. Aber nur in seltenen Fällen, die eher die Ausnahme sind, hilft es auch. Gestern wurde der französische Hahn von einem in Réunion geborenen Spieler namens Dimitri Payet aus der Scheiße gerissen. Von ihm kam die Flanke zum Führungstor von Giroud und er erlöste mit einem Fernschuss die im Habitus der Grande Nation versammelte französische Öffentlichkeit nahezu mit dem Schlusspfiff. Payet, der in der letzten Saison quasi für ein Nasenwasser zu den Rohfleischfressern der britischen Insel, genauer gesagt nach West Ham United gewechselt hatte, rettete Frankreich vor der Blamage. Der Dutzendsöldner war von seinem eigenen Fortune so ergriffen, dass er weinte. Und das war wiederum Weltgeschichte. Wie oft es es so, dass keiner weiß, wie das alles kam und was das alles soll und dann ein kleiner Funken Glück im Trauma endet?

Advertisements

Ein Gedanke zu „Ein kleiner Funken Glück

  1. Bludgeon

    Wenn schon – denn schon: Fussball = Politik? Eine der alten europäischen Großmächte hat Mühe mit Rumänien klarzukommen. Das südosteuropäische Chaos bremst die „Großen“ in Zentral-und Westeuropa (fast) aus. Pyrrhussieg.

    Hähne sind mutig. Aber hirnlos. Todesmutige Selbstüberschätzer; krähen nicht nur auf dem Mist, sondern flattern auch noch lange wirr herum, wenn der Kopf längst ab ist… Assoziationen zu Frankreich … ä….ähm.

    Der Glanz der Spiele – das Elend und die Anarchie der Banllieues…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.