Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende

Maria Schrader. Vor der Morgenröte

Es sind die letzten Kapitel in einem Leben voll von Opulenz. Opulenz von Bildung, Opulenz von bürgerlicher Lebensweise, Opulenz von politischer Katastrophe und die Opulenz eines Gegenbildes zum eigenen Leben. Maria Schraders Film Vor der Morgenröte, dessen Titel eine Zeile aus Stefan Zweigs Abschiedsbrief ist, hat die letzten Exilstationen des großen österreichischen Erzählers eingefangen. Josef Hader, der bekannt ist durch seine Fähigkeit, das Grobschlächtige und Böse darzustellen, gelingt es, den feinsinnigen Intellektuellen mit gebrochenem Herzen in eine Präsenz zu zaubern, die angesichts der Aktualität des Exilthemas angebracht ist.

Stefan Zweig gehörte sicherlich zu den Schriftstellern im Exil, die durch ihren bereits vor der nationalsozialistischen Katastrophe erlangten Weltruhm Zugänge fanden, die anderen verwehrt blieben und über Mittel verfügten, die ein halbwegs erträgliches Leben in der Fremde zu führen ermöglichten. Aber es waren wenige Privilegierte, wie noch Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, deren Exil sich so gestalten ließ, dass sie dem Metier der Schriftstellerei im Großen und Ganzen treu bleiben konnten.

Stefan Zweig, der Feinsinnige, der mehrere Sprachen sprach, der das europäische Kulturerbe mit sich herumtrug, der das ganze Arsenal der Psychoanalyse in seinem Werk zur Anwendung bringen konnte, der die Geschichte Europas immer wieder versuchte in ihren aktuellen Botschaften darzustellen, dieser Stefan Zweig gehörte nun auch zu dem großen Heer derer, die dort, wo ihre Sprache gesprochen wurde, kein Gehör mehr fanden und sich in einer Welt zurechtfinden mussten, die sich gegen das faschistische Deutschland zu formieren begann und die die Verjagten zu instrumentalisieren suchten. Genau dagegen wehrte sich Zweig, was sicherlich auch zu Enttäuschungen bei Kollegen führte. Zweig sprach aus der Ferne nicht gegen Deutschland, sondern stets für seine Vision von einem gerechten Europa. Das reichte vielen nicht.

In dem Film Vor der Morgenröte wird der Grundkonflikt des Exilanten nur sanft berührt und nimmt nicht die Dimension ein, die er in realiter hatte. Darunter leidet der Film allerdings nicht. Die Auseinandersetzung zwischen den Exilanten drehte sich immer um den Punkt, ob jetzt so etwas wie Littérature engagée an den Tag gelegt werden musste, in dem sich die Schriftsteller der Tagespolitik widmeten oder ob das zu schaffende Kunstwerk trotz des Grauen an dem Anspruch von Wahrheit und Grundsätzlichkeit zu messen sei. Zweig bleib bei letzterem und nahm dafür Anfeindungen in Kauf.

Wie ein schleichendes Gift hingegen lähmte ihn der schleichende Verlust des Erzählraumes in seinem Gedächtnis, das Bewusstsein, irgendwann nicht mehr die Sicherheit zu haben, das europäische Leben in seiner kulturellen Tiefe darstellen zu können, weil er sich nicht mehr darin befand und weil ihn dort als Stimme niemand mehr vermisste. Dieser nagende Zweifel erreichte nahezu alle, die aus dem den Untergang exportierenden und selbst untergehenden Deutschland in die Welt geschleudert wurden und die, um mit Zweigs Worten zu sprechen, die Träger des Geheimnisses des künstlerischen Schaffens waren.

Vor der Morgenröte fängt viele Momente ein, die auf den sukzessiven Verlust dieser Sicherheit hinweisen und die die Trauer vermitteln, die damit verbunden ist. Der Kontrast des üppigen, tropischen und bunten Brasiliens, der letzten Exilstationen Zweigs, zu dem Leben eines älter werdenden Mannes, der sich seiner kulturellen Wurzeln zunehmend beraubt fühlt, dieser Kontrast führte wohl zu der Hoffnungslosigkeit, die Zweig und seine Gefährtin zu dem trieben, was die kulturelle Nachwelt noch mehr demoralisierte. Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende.

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5 Gedanken zu „Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende

  1. Bludgeon

    Der kulturelle Knick jener üblen 12 Jahre war ein leider sehr vollständiger – viele Karrieren in Startposition, die keine mehr werden konnten, sind zu beklagen. Da klafft eine Lücke im 20. Jahrhundert, die Teile des 19. mit hinabriss: Da z.B. an Heyse, Spielhagen, Hollaender, Wassermann, v.Suttner nicht mehr erinnert werden durfte, verkümmerte das Traditionsbewusstsein des Anstands.

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