„Und dann stehen wir auf den Champs-Élysées“

Heute, an einem Sonntagmorgen, nach dem Sport, im Dampfbad, ertönte beim Eintreten aus den wabernden Schwaden gleich eine schrille Ansage, jetzt, so tönte es, geht es im Halbfinale nach Marseille, da wird entweder Frankreich zerlegt oder den Isländern das Licht ausgepustet, und dann stehen wir auf den Champs-Élysées und haben den Triumphbogen fest im Auge. Trotz des aufkommenden Gelächters ließ sich der Sender nicht beirren und fuhr fort, in einer Diktion, die an die alte Landserrhetorik erinnerte, seine Phantasien in den Nebel zu senden. Bei näherem hinsehen entpuppte sich der Militärstratege alle ein etwas älterer kleiner Mann mit verkniffenen eisgrauen Augen, der den Eindruck vermittelte, als stünde er mitten im Leben. Eine Episode, die sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal genießt. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Italien hat auch wieder jene Kräfte freigesetzt, die zeigen, was tief im Innern immer noch in dem kollektiven Bewusstsein steckt, selbst wenn es um nichts anderes als um ein sportliches Ereignis geht.

Die Weltmachtsphantasien sollten vielleicht einer kleinen Prüfung standhalten und auf Dilemmata hinweisen, mit denen Deutschland immer wieder zu kämpfen hat. Eine Voraussetzung, sich mit anderen zu messen ist immer die, sich seiner eigenen Mittel bewusst zu sein, bevor man sich auf einen Wettkampf einlässt. Im Hinblick auf die zurückliegenden Spiele dieser EM wären da einige taktische Varianten, die zu den bisherigen Erfolgen geführt haben. An ihnen festzuhalten, wäre eine kluge und weitsichtige Entscheidung. Sobald jedoch der Name Italiens auftaucht, scheint sich diese Erfahrung in das große Nichts aufzulösen. Gleich einer großen Wolke scheint dann nämlich regelmäßig das aufzutauchen, was selbst international nicht unzutreffend The German Angst bezeichnet wird. Dann starren die Akteure wie das Kaninchen auf die Schlange und disponieren um. Sie definieren sich und ihr Spiel im überdimensionierten Abgleich zu dem System, das die Italiener spielen.

Trotz schmerzhafter Niederlagen und Erfahrungen tat dieses diesmal auch wieder der Bundestrainer, der sich nicht beirren ließ und die Kaninchenstrategie wählte. Die Folge war ein an Melodramatik nicht zu überbietendes Spiel, das dieses eine Mal jedoch nicht in einer Niederlage endete. Sie war wahrscheinlich und setzte sich deshalb nicht durch, weil in einem aberwitzigen, weil reihenhaft fehlerhaften Elfmeterschießen auch die Italiener einen rabenschwarzen Tag erwischt hatten. Gewinnen hätten beide Teams können, verdient hätte es keines. Denn der Fußball, den sie boten, war von Taktik regelrecht zerfressen. Und wer behauptet, das Spiel hätte für die Zuschauer mehr Gehalt und Spannung gehabt als die anderen vorhergegangenen Spiele, nach denen ein Elfmeterschießen notwendig geworden war, der kam nur zu dem Schluss, weil er emotional betroffen war. Schön war das nicht, fußballerisch exzellent war es auch nicht und, wie es so schön heißt, verdient zu gewinnen hatte es auch keiner.

Aber manchmal reicht es eben, wenn zum Schluss nichts als der Erfolg steht, kalt und leblos, nachdem alle, die sich von diesem Spiel begeistern lassen, mit den Nerven völlig am Ende waren. Ja, das Viertelfinale gegen Italien war ein schlechtes Spiel mit hohem Nervenverschleißcharakter. Daraus nun den Schluss zu ziehen, irgendwer hätte geniale Einfälle gehabt, ist eine jener Täuschungen, die zerrüttete Nerven nicht selten hinterlassen. Nun geht es weiter und die Großmachtsbüchsen sind schon wieder geladen. Solange das im Dampfbad passiert, ist das völlig in Ordnung. Zu mehr besteht nun aber gar kein Anlass.

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5 Gedanken zu „„Und dann stehen wir auf den Champs-Élysées“

  1. aquasdemarco

    Ach seufz, German Angst und unser Problem alles und sei es rhetorisch sezieren zu müssen.
    Manchmal reicht es doch einfach „basta“ zu sagen, wie die Italiener.
    Ob du nun gewonnen hast oder verloren.
    Aber das können wir Deutschen nicht,Dinge einfach bei sich belassen, wie auch dieser, mein Kommentar zeigt.
    Drum mögen wir so gerne Senf.

  2. guinness44

    Ja, mei. Hauptsache weiter. wenn man sich die Diskussion in Deutschland nach dem Sieg anschaut, dann will man sich nicht vorstellen wie es nach einer Niederlage gewesen wäre.

  3. Bludgeon

    Film, Musik, Sportevents – dienen der Unterhaltung. Wir finden als so ziemlich einzige Nation IMMER den Weg, all das „perfekt“ aber leblos-langweilig zu machen. Bürokraten-Sport. Effektiv, artfiziell,aber ohne Unterhaltungswert. Das leidenschaftslos Buchhalterische setzt sich leider immer durch.

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