Gesellschaftliche Kohäsion

Die Frage, was die Welt zusammenhält ist vom Abstraktionsgrad vielleicht etwas anspruchsvoller. Jedoch wesentlich wichtiger, vor der kosmischen Dimension, scheint in vielen Gesellschaften, selbst in unterschiedlichen Zivilisationen, die Suche nach einer Antwort für das mentale Auseinanderdriften der Gesellschaften selbst zu sein. Was hält letztendlich Gesellschaften zusammen, was macht sie aus, die viel zitierte, aber kaum noch vernehmbare Kohäsion?

Die Symptome, die den Zerfall bezeugen, sind schnell aufgezählt. Da ist vor allem die Individualisierung, die zu dem geführt hat, was sich zynisch anhört und historisch auch wohl so etwas ist, das Post-Heroische. Warum, so die kritische Nachfrage, ist wird eigentlich etwas als Heroisch bezeichnet, das die Loyalität des Individuums zur Gemeinschaft beschreibt? Wie suizidal ist da bereits die Eigendynamik der Individualisierung, dass die existenzielle Komponente des Menschen, ein soziales Wesen zu sein, als eine Kuriosität aus dem Militärmuseum betrachtet wird? Und da ist die Kompensation des Sozialen durch den Konsumismus, der die Gestaltungskraft zerstört und die positiven Energien, die dem Erfolg durch Leistung zugrunde liegen, systematisch zerstört. Der Individualismus berauscht sich in einer strukturellen Passivität, die nichts zu erzeugen mag als Frustration.

Das Einzige, was noch zu funktionieren vermag, das sind die Schuldzuweisungen an die Gesellschaft. Genau das Gebilde, das von niemandem mehr bedient wird, diese ausgehöhlte Entität vergangener Zeiten, soll plötzlich die Ursachen geschaffen haben für die vielen Frustrationen und all die Zerstörung, die in den wenigen wachen Momenten noch wahrgenommen wird. Es ist ein klägliches Bild, das die von den ebenfalls im Zynismus versunkenen Soziologen als Hedonisten Bezeichneten abgeben. Sie scheren sich nicht um die Sache der Öffentlichkeit, das Gemeinwesen, aber sie bezichtigen das Gemeinwesen der systematischen Verschlechterung ihrer eigenen Lebensbedingungen.

Es sticht ins Auge, dass gesellschaftliche Kohäsion in diesem Spiel einen schlechten Stand haben muss. Und da der Stand schlecht ist, herrschen Erosion und zentrifugale Kräfte. Und dieser Prozess wiederum wird von den Protagonisten des Individualismus dem Gemeinwesen zugeschrieben. In der Logik nennt man so etwas eine Tautologie. Vom politischen Standpunkt her ist es einfach ein bereits großes Maß an Verkommenheit. Denn Politik ist immer die Dimension des Diskurses um das Gemeinwesen. Und bleibt sie bei dieser originären Verpflichtung, dann dürfte sie nur sprechen über die Dekadenz, die der egomanische, gefräßige Individualismus hervorgebracht hat.

Und jetzt befinden wir uns an dem Punkt, der wahrscheinlich das Wesentliche dieser Frage beschreibt: Wie kann ein Metier, das aus dem Diskurs um das Gemeinwesen geboren wurde, zu einer Branche werden, in der es legitim ist, nur noch das Partikulare zu vertreten? Es ist ein Zustand, der selbst in den beschleunigten Zerfallsphasen des römischen Imperiums nicht festzustellen war. Persönliche Bereicherung schon, aber die Res Publica, die Sache der Gemeinschaft, war die absolute Bezugsgröße einer jeden Argumentation im Senat. Wer dieses Paradigma in Frage gestellt hätte, dem hätte das Spartakistenschicksal an der Via Appia gewunken. Heute hingegen sind es Rechte des Individuums, die über dem Gemeinwohl stehen oder gar Sachzwänge.

Mit dem Einzug des Sachzwangs hat sich das politische Gemeinwesen auf jenen Tiefpunkt zubewegt, von dem aus nichts Positives hinsichtlich der Initiation von Gesellschaften mehr beschrieben werden kann. Es ergibt keinen Sinn, sich über mangelnde gesellschaftliche Kohäsion zu beklagen, wenn alle Voraussetzungen für gesellschaftlich sinnvolles und sinnstiftendes Handeln bereits ausgeräumt sind.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Gesellschaftliche Kohäsion

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.