Das vergebliche Streben nach Glück

Somerset Maugham, The Painted Veil

Der englische Schriftsteller W. Somerset Maugham gehört zu jener Kategorie, die bereits zu Lebzeiten nicht nur großen Erfolg hatten, sondern mit ihrem Leben das Tempo und die Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts illustrierten. Wer vermöchte denn in unseren Tagen eine Berufsbiographie zustande bringen, in der ein Medizinstudium genauso steht wie Geheimagententätigkeit und die Existenz des Erfolgsautors. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das eher möglich und Maugham steht mit dieser Vita nicht allein. Seine schriftstellerische Qualität bestand vor allem darin, im Profanen die erzählwürdige Geschichte förmlich zu riechen und daraus eine Erzählung zu machen, die durch exakte Bobachtung wie psychologische Zeichnung glänzt. Maugham selbst sah dieses Talent kritisch, weil sein Maßstab Joseph Conrad war, den er nicht erreichte. Wohl deshalb nannte er sich selbst gerne einen erstklassigen unter den zweitklassigen Schriftstellern.

The Painted Veil (Dt., Der bunte Schal, ebenfalls verfilmt) erschien im Jahr 1925 und thematisiert das Schicksal einer jungen Frau, die im kolonialen England für sich den Anspruch formuliert, eine Scheibe vom lebenswerten Kuchen abzubekommen. Zeitlich liegt The Painted Veil weit hinter Anna Karenina und Madame Bovary und deshalb hat diese Erzählung auch kaum noch Anspruch auf das Revolutionäre, das in der Darstellung eines Frauenschicksals der genannten Romane zu finden war. Was allerdings nichts darüber sagt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der 20iger Jahre im kolonialen England nicht doch den Stoff lieferten, um die Ausweglosigkeit der emanzipatorischen Individualisierung der Frau aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen zu veranschaulichen.

Die Handlung spielt in England, Hongkong und in der chinesischen Provinz, es handelt sich um eine aus sozialem Aufstiegskalkül geschlossene Ehe, in der der Anspruch auf Liebe nicht eingelöst wird, es handelt sich um Betrug aus Enttäuschung und Suche nach Glück und es handelt sich um den Versuch, Demütigung durch berufliches Engagement zu kompensieren. Auf dieser Abstraktionsebene ist das dann keine alte Klamotte aus den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern hoch aktuell. Denn das Streben nach Freiheit und Glück kollidiert immer noch brutal mit den Bedingungen, in denen wir uns als Individuen wiederfinden, nur die geschlechterspezifische Benachteiligung scheint sich zum Nachteil beider noch verschoben zu haben…

Somerset Maugham gelingt es mit seiner so vom Beobachtungsauge geschulten Sprache, die Welt der Hauptfigur zu beleuchten und die inneren Konflikte deutlich zu machen. Die Lektüre, die Geduld abverlangt, weil die Handlung nicht auf den schnellen Plot aus ist, gewährt Einblicke in das soziale Gefüge der englischen Klassen, in die kolonialen Expat-Kreise in Hongkong, in das Elend der chinesischen Provinz sowie in die Weltabgewandtheit von christlichen Missionaren oder chinesischen Gelehrten. Die Gleichzeitigkeit dieser Welten sind das Exquisite an den kolonisierten Tropen und die Welt, in der sich die europäischen Akteure dort tummeln, hat mit dem Festgefügten  traditionell Geprägten der europäischen Heimat nichts gemein.

Der Fokus jedoch liegt auf dem Innenleben der jungen Frau aus bescheiden bürgerlichen Kreisen, die sich nach Liebe und Anerkennung sehnt und die durch ihre eigenen Höllen gehen muss, um mit der Erkenntnis alleine zurück zu bleiben, dass es vielleicht der Generation ihrer Tochter vorbehalten bleibt, das ausleben zu können, was ihr verwehrt war. Eine immer noch moderne Erzählung.

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