Reise ohne Kompass

Es handelt es sich nicht nur um eine pädagogische Dimension. Sie reicht bis in die Psychologie und, wenn die Idee zu Ende gedacht wird, bis in die Politik. Es handelt sich um die Frage, die klassisch in der Erziehung gestellt wird und die herausfinden will, welche Faktoren es sind, die ein erfolgreiches Leben ausmachen. Die Diskussion um das, was wir jungen Menschen mitgeben wollen für eine erfolgreiche Zukunft, sie ist nach dem PISA-Schock kurz aufgeflammt, aber letztendlich schien sie niemanden zu interessieren. Da ging es viel mehr um die Besitzstände der Lobbys, über den Zweck von Schule wurde kaum geredet. PISA entpuppte sich als ein erschreckendes Symptom für den mentalen Zustand der Gesellschaft. Sie war, wie an vielen anderen Punkten, nicht in der Lage, positiv das zu formulieren, was sie wollte. Wer es versuchte, wurde kollektiv gemobbt. Man unterhielt sich lieber über Ausstattungen und Details statt über die große Idee.

Dabei ist es nicht schwer, sich auf die Grundideen einer humanistisch definierten Erziehung zu fokussieren, denn seit der Antike existieren wunderbare Ausführungen darüber und der Test, die Probe aufs Exempel, kann jeden Tag in jeder Situation gemacht werden. Die Menschen, die im Alltag auffallen, weil sie leistungsfähig und erfolgreich sind, sie kann man untersuchen auf die Faktoren, die dazu führen. Das Auge dafür lässt sich ohne Schwierigkeiten entwickeln. Und die Ideen liegen in den Annalen. Wenn Gesellschaften keinen Konsens mehr darüber erzielen, was sie eigentlich den Zukunftsgenerationen mitgeben wollen, dann befinden sie sich in einer tiefen mentalen Krise, der die richtige, existenzielle bald folgen wird. Denn sie haben selbst kein Bild mehr von der Zukunft.

Dabei sind die Grundlagen einer humanistisch definierten humanen Existenz sehr schnell zusammengefasst. Menschen, die zumindest über die Anlage verfügen, ein erfolgreiches Leben zu führen, haben so etwas wie einen inneren Kompass. Es heißt, über das erworbene Wissen und die konkret erworbenen Fertigkeiten haben Sie eine Vorstellung davon, in welche Richtung sie sich bewegen oder was sie erreichen wollen. Und diese eigene Perspektive für die Zukunft wird gestützt durch eine Haltung, die gespeist wird von Werten, die dem Individuum wichtig sind. Was sich aus dieser Kombination von Richtung und Haltung entwickelt, ist das, was allgemein als ethisches Handeln bezeichnet wird. Es geht um die vier Faktoren Wissen, Können, Strategie und Werte. Der Konsens darüber kommt nicht mehr zustande und die Perspektive, die daraus resultiert, ist alles andere als überzeugend.

Die vielleicht böse anmutende Transponierung dieser Ausführungen in die Welt der Politik verdeutlicht die Dramatik, die gerade in diesen Tagen deutlich wird. Erfolgreiche zukunftsfähige Politik benötigt, ebenso wie jedes Individuum, Wissen und Können, eine Strategie und eine Haltung, mit der diese Strategie umgesetzt werden soll. Es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, ob die fehlende Strategie und die nicht existierende Haltung die Aneinanderreihung von Krisenphänomenen selbst produziert hat oder ob diese Krisen jede Form von Strategie und Haltung verdrängt haben. Wichtig scheint die Erkenntnis zu sein, dass ein Fortbestehen des Gemeinwesens nur möglich ist, wenn die Politik, die es repräsentiert und gestaltet, sich dieser Notwendigkeiten bewusst ist. Es muss Konsens hergestellt werden über die Richtung, und es muss getragen werden mit der entsprechenden Haltung. Die Vorstellung der Bundesregierung angesichts der internationalen Konflikte und Krisen ist aus dieser Perspektive ein Desaster. Anlass genug, um die Diskussion für die Zukunft zu beginnen.

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5 Gedanken zu „Reise ohne Kompass

  1. Pingback: Reise ohne Kompass | form7 – Andreas Große

  2. user unknown

    Ich finde immer mehr Gefallen an der Idee, dass es viel mehr auf die Methoden ankommt, wie man seine Ziele erreichen will, als auf die Ziele. Also etwa auf Transparenz, Mitbestimmung, Aufklärung, Gewaltverzicht, evidenzgeleitetes Handeln – die richtigen Ziele ergeben sich allerdings dann einerseits daraus – andererseits sind diese Tugenden natürlich selbst wieder als Ziele formulierbar.

  3. vfalle

    Der Beitrag gefällt mir.
    Ich gehe davon aus, dass mit „erfolgreichen Menschen“ nicht unbedingt finanziell erfolgreiche Menschen gemeint sind.

    Ich glaube auch nicht, dass eine „Weltregierung der Megabrains“, wie sie Sibylle Berg in ihrer aktuellen Kolumne bei SpOn darstellt, eine Lösung wäre. Siehe: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/statt-volksentscheiden-silicon-valley-bitte-uebernehmen-kolumne-a-1103060.html

    Tatsächlich scheint die Bildung der Schlüssel zu allem zu sein. Wir brauchen wieder mehr Menschen die Spaß daran haben selbst zu denken und das nicht irgendwelchen scheinbar erfolgreichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte überlassen.
    Die Welt ist bunt und Gemeinwohl entsteht durch viele Puzzleteile. Einzelne genieale Persönlichkeiten und deren Ideen werden uns da kaum weiter bringen. Jede(r) Einzelne ist gefragt.

    Wir sollten dazu für viele Richtungen offen sein, statt uns „einzu-norden“. Vielleicht braucht es da auch andere Hilfmittel als einen Kompass. 😉

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