Zeit für den Underground

Ob es gleich als eine Gesetzmäßigkeit gelten kann, dass das Genre des Undergrounds auftaucht, wenn ganze Welten einstürzen, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass sich eine Gegenwelt herausbildet, die der sich in einer tiefen Krise befindlichen Behaglichkeit des herrschenden die Zunge provozierend herausstreckt. Der Underground der 1970iger Jahre war ein einziger Affront gegen das Gesetzte, und die Akteure scherten sich nicht darum, ob noch irgend eine Ordnung ihr Leben beeinträchtigen könnte. Sie machten ihr Ding, Pfiffen auf die codifizierten Sanktionen und erlebten dadurch eine Freiheit, die heute unvorstellbar ist. Plötzlich war alles möglich und nichts war mehr heilig. Das Interessante daran war, dass viele Erscheinungen des Underground weder ins Destruktive noch ins Obszöne abglitten. Der Underground suchte nach einem Gegenentwurf, und kam dabei nicht um die Ironie des Herrschenden herum. Die Dokumente dieses historischen Undergrounds belegen, das Genre hatte Esprit und Witz.

Letzteres entwickelte sich aus der Kritik an dem real Erlebten, an den einstürzenden Dogmen und den schlecht gespielten Rollen. Damals ging es um bürgerliche Doppelmoral, den Kalten Krieg, den Schah von Persien, den Vietnamkrieg und die Provinzialität der Politik. So furchtbar das alles klingen mag, aber es war eine sehr heile Welt verglichen mit den Abstürzen, die seit Jahren im Hier und Heute zuhause sind. Da war eine Weltfinanzkrise, da platzten Immobilien- und Kreditblasen, da ging es immer mehr Ländern an den Kragen, da wurden gewählte Regierungen destabilisiert und Diktaturen gepimpt, da würde mit Verbrechern koaliert und Kriegstreiber mit Waffen versorgt, da herrschte das Standrecht. Und in einem Land, das mitten im Geschehen liegt und das an vielen dieser irrsinnigen, widersprüchlichen Manövern teilnahm, da beherrschten die Gesellschaft Themen, die mit all dem nichts zu tun hatten. Böse Zungen benennen den Wandel und bringen ihn auf das Dreigestirn von Laktoseintoleranz, Veganismus und Helene Fischer.

Wenn die Zustände so sind, wie sie sind, dann lässt sich das falsche Leben nur noch im Underground ertragen. Denn wer in der Gesellschaft steht noch für das, was sie als Modell für sich reklamiert? So wie es aussieht, nur noch der Gegenentwurf. Es ist immer ein Indiz für kritische Zustände, wenn bestimmte Begriffe inflationär fallen. Im Moment ist Wertegemeinschaft so ein Terminus, der ausgerechnet von denen ständig benutzt wird, die alles dafür getan haben, um Schwindelzustände zu produzieren. Eines ihrer großen Vergehen ist die politische Billigung doppelter Standards, die Moralisteninquisition schlechthin. Wenn die Werte an billiges Zweckdenken gekettet sind, haben sie ihre Unschuld verloren. Jede Reaktion, ob auf die Ereignisse in der Türkei, auf einen Amoklauf im eigenen Land oder auf einen Anschlag im benachbarten Frankreich, und das Ausbleiben jeglicher Reaktionen auf noch weitaus schlimmere Ereignisse im Rest der Welt zeigen den doppelten Boden, auf dem agiert wird. Hinzu kommt die Maßlosigkeit, mit der der eigene zweckbestimmte Standard bedient und der vermeintlich unnütze ignoriert wird.

Es ist nötig, sich über soviel Dreistigkeit und Ignoranz zu erregen, und es nötig, diese Erregung politisch zu organisieren. Es ist wahrscheinlich, dass sich aus der geschilderten Unglaubwürdigkeit und Maßlosigkeit ein Gegenentwurf etabliert, der jenseits der direkten politischen Aktion und Einflussnahme spielen wird. Die ersten Phänomene sind schon vernehmbar und ganz im Trend könnte die neue Bewegung Underground2 genant werden. Cool bleiben, witzig sein und sein Ding machen. Jenseits der etablierten, und jenseits der gentrifizierten Langeweile.

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5 Gedanken zu „Zeit für den Underground

  1. Nitya

    Guten Morgen,lieber Gerd!

    Underground, was für ein heimatlicher Klang. Herzlichen Dank, dass du heute sein Lied gesungen hast!

  2. gkazakou

    bei „Underground“ denke ich eher an Kustoritsas Film gleichen Namens. Und das heißt: wie ein heroischer Maulwurf unter der Erde leben und sich was vormachen. Und wenn man dann die Nase raussteckt aus seinem Underground, wundert man sich und versteht die Welt nicht mehr. Ein fantastischer Film übrigens, in Deutschland kam er schlecht an, verständlicher Weise.

  3. Bludgeon

    Yes-yees-yeeeees….scheinbar verstehen nur wir Alten…. aber moment, da fällt mir der Heller ein: Das Leben-das Leben ist eine Lehre, die man hat, wenn man’s nicht mehr gebrauchen kann, und ich hab das Leben satt….(Naja, der letzte Teilsatz trifft NICHT zu, aber sooooonst?!

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