Die große Drehtür des Lebens

Vicki Baum. Menschen im Hotel

Hedwig Baum wurde 1888 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Nach erfolgreichem Schulbesuch ließ sie sich als Harfenistin ausbilden. In ihrem Beruf als Musikerin hatte sie vor allem Kontrakte in Deutschland. Seit den frühen 1920iger Jahren macht sie unter dem Pseudonym Vicki Baum als Schriftstellerin von sich reden. Sie wird bis zu ihrem Tod, der sie 1960 in ihrer neuen Heimat Hollywood ereilt, zahlreiche Romane schreiben. Ihr größter Erfolg wird Menschen im Hotel werden, der 1929 in Deutschland erscheint und kurze Zeit später erst am Broadway aufgeführt und dann in Hollywood als Grand Hotel unter der Regie von Edmund Goulding mit Greta Garbo verfilmt wird. Vicki Baum wurde zu den Dreharbeiten eingeladen und siedelte auch aus politischen Gründen in die USA über. 1933 sind ihre Werke bei den verbrannten Büchern.

Menschen im Hotel ist ein Roman, der in den 1920iger Jahren in einem Nobelhotel in Berlin spielt. Vicki Baum gelingt es, ein Sittengemälde dieser berüchtigten Zwanziger Jahre mit einer beeindruckenden Präzision zu entwerfen. Indem sie einen kleinen Kreis von Menschen herausgreift, die sich aus unterschiedlichen Anlässen und mit unterschiedlichen Motiven in dem Hotel aufhält, schafft sie einen Mikrokosmos der Weimarer Republik. Die Themen, die sie durch die von ihr getroffene Auswahl an Personen zur Reflexion freigibt, sind reichhaltig und brisant. Die Psychogramme und die soziologischen Studien, die entstehen, könnten in vielem bis heute bestehen. Und, ohne es expressis verbis zu thematisieren, gelingt es Baum, soziale Existenzformen der Frau mit ihrer einhergehenden Dramatik zu platzieren.

Thematisch geht es um die in der Weimarer Republik letztendlich tödlich wirkende soziale Brisanz derer, die aus dem I. Weltkrieg zurückgekommen waren, aber nie mehr in das zivile Leben re-integriert werden konnten. Entweder handelte es sich um alte, physisch und psychisch traumatisierte Zeitgenossen, oder es waren die jungen Offiziere, die den Befehlston gewohnt waren und sich nicht mit einer Subordination im Wirtschaftsleben abfinden wollten. Dann geht es um die Progression finanzkapitalistischer Tendenzen, die sich festmacht an Unternehmensfusionen und der damit beginnenden Kartellisierung wirtschaftlichen Handelns. Ebenso erscheint eine juvenile, hübsche und begabte junge Sekretärin, die die Entfesselung der Weimarer Zeit in Bezug auf die festgeschriebenen und tradierten Rollen am signifikantesten unterstreicht. Und auf der anderen Seite geht es um den allmählichen Abstieg einer großen Ballerina, die zusammen mit ihrer gesamten Entourage die allmähliche Bedeutungslosigkeit mit Phasen der psychischen wie medikamentösen Sedierung zu kaschieren sucht.

Die große Metapher, die mehrmals in dem Roman auftaucht, ist die große Drehtür des Hotels. Sie nimmt aus Sicht der Autorin die Gewissheit aus dem Leben und seinen Erscheinungsformen. Mehrmals betont sie, dass diejenigen, die mit einer vermeintlich klären Form der sozialen Existenz durch die Drehtür das Foyer betreten, in den geschilderten Fällen sie als eine andere, gestörte oder geläutertere, vernichtete oder neu erschaffene entlarvte oder bestätigte Form des Daseins wieder verlassen.

So kann Menschen im Hotel als eine Illustration des Unberechenbaren im Leben gelesen werden, was, wie sollte es wundern, auch die Verfilmung suggeriert hat. Oder, und das ist die interessantere Variante, der Roman kann als Schauspiel der Möglichkeiten gesehen werden, in dem es mehr Verlierer als Gewinner gibt.

Der Roman ist exzellent geschrieben, scharf in der Perspektive und facettenreich in den Themen. Noch ein Stück deutscher Literatur, das sich, was den Bekanntheitsgrad anbetrifft, nie wieder von der Bücherverbrennung erholt hat.

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Ein Gedanke zu „Die große Drehtür des Lebens

  1. Bludgeon

    Menschen im Hotel gibt es doch auch mit Gerd Fröbe und Heinz Rühmann als deutschen Film aus den 50ern… auch sehr gut, wenngleich aktualisiert auf die Wirtschaftswunderverwerfungen.

    Danke für den Tipp, dass die Romanvorlage sich auf die 20er bezieht.

    Zur Entlarvung verkorxter Verhältnisse in den 20ern möchte ich noch hinweisen auf die wenig bekannten „anderen Werke“ von Erich Maria Remarque: „Der Weg zurück“ und „der schwarze Obelisk“ – sie lassen sich mit „Im Westen nichts Neues“ (als quasi Band 1) wie eine Trilogie verstehen und vor allem“ der schwarze Obelisk“ zeigt die Langlebigkeit der Probleme der Frontrückkehrer.

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