Teherans Unterwelt

Ramita Navai. City of Lies

Obwohl geographisch gar nicht so fern, hat sich die Millionenmetropole Teheran seit der Rückkehr des Ayatollah Khomeini im Jahr 1978 aus dem Pariser Exil sehr weit von der Wahrnehmung in Europa und der Welt entfernt. Das lag zum einen an der religiös doktrinäreren Revolution und zum anderen auch an der sehr starken Selbstbezogenheit des klassischen Westens. Zwar existierten und existieren immer wieder journalistische Berichte über das Leben in Teheran, aber entweder sind sie sehr restringiert aufgrund der strengen Zensur oder sie leuchten durch das Unwissen und die Ignoranz des Ausländers. Nun, endlich, ist ein Buch einer Perserin erschienen, die zwar im London Exil aufgewachsen ist und dort das journalistische Handwerk gelernt hat und die nach Teheran zurückgekehrt ist. Es handelt sich um die 1973 in Teheran geborene Ramita Navai.

Das Buch, das Ramita Navai 2016 veröffentlichte, trägt den Titel City of Lies. Es ist das Produkt jahrelanger, geduldiger, hoch professioneller und gefährlicher, journalistischer Arbeit. Navai hat dabei die Hauptverkehrsader der Stadt, die von Norden nach Süden Teheran durchschneidet und an der sich die verschiedenen sozialen Milieus wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen, zur Orientierung genommen. Sie hat Interviews mit Bewohnen geführt, über Monate, teils verdeckt, um die Geschichten der Befragten zu hören, zu dokumentieren und zu dechiffrieren. Und diese Geschichten, die sie in dem Buch hintereinander aufreiht wie die Milieus an der großen Straße, diese Geschichten haben es in sich und sie erzählen etwas ganz anderes, als Leser aus der Ferne vermuten.

Es sind Geschichten, die alles andere als das verströmen, was ein als autokratisch dargestelltes Regime erwarten lässt. Es sind Geschichten, die unermesslichen Reichtum und unermessliche Armut darstellen und es sind Geschichten, die dokumentieren, zu was die Menschen, egal unter welchen Bedingungen, fähig sind, im ihre Wünsche zu erfüllen oder dem Elend zu entkommen. Zwei Faktoren spielen dabei eine große Rolle, Sex und Drogen. Und in dieser Stadt, die vor Impulsivität strotzt, sind es gerade auch das Sex- wie das Drogengeschäft, obwohl illegal und von der immer wieder praktizierten Todesstrafe flankiert, genau das, in dem sich das Leben der Metropole abspielt. Entlang der großen Straße treffen sich auch die verschiedenen sozialen Milieus immer wieder beim Handel mit Sex und Drogen. Das Geschäft floriert, egal zu welcher Zeit, und das Gefängnis, in dem die Kandidatinnen und Kandidaten des Todes sitzen, hat nie über mangelnde Auslastung zu klagen.

Ramita Navai gelingt es, die einzelnen Lebensgeschichten in ihrer Authentizität brillieren zu lassen. Gleichzeitig, in dem sie sie geschickt aneinanderreiht, gelingt ihr ein Sittengemälde Teherans, das erstaunt, abschreckt und zugleich verzaubert. Die Leserinnen und Leser erhalten zum ersten Mal einen zeitgenössischen Eindruck von der Psyche der Bewohnerinnen und Bewohner Teherans, die alles andere bestätigen als die Klischees, mit denen auf dem Medienmarkt gehandelt werden. Das Buch ist ein grandioser Beitrag zum Verständnis der iranischen Gesellschaft und Politik, obwohl es dies nur am Rande thematisiert. Es sind menschliche Bedürfnisse, die besonders geformt sind durch Jahrzehnte andauernde Diktaturen, die nicht mit Khomeini begannen, aber mit ihm eine andere Richtung annahmen. Das wichtigste ist, dass es gelingt, die dort Lebenden unter einem menschlichen Aspekt zu verstehen.

Und Ramita Navai wäre keine gute Journalistin, wenn den Geschichten nicht ein Glossar folgte, das die verwendeten persischen Begriffe erklärt und eine kleine, tabellarische Geschichte des Irans angebracht wäre. Ein großartiges, unbedingt empfehlenswertes Buch!

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