Die Zukunft begraben?

Geduld ist eine Größe, die von Individuum zu Individuum und von Gesellschaft zu Gesellschaft variiert. Und Geduld ist eine Qualität, die sich direkt aus dem Verhältnis der Handelnden zur Zeit bestimmen lässt. Wer keine Zeit hat, ist auch nicht geduldig und wer geduldig ist, der ist bereit, von seinem Zeitkontingent etwas herzugeben. Das Verhältnis von Geduld und Zeit hat sich mit dem, was allgemein das Entwicklungstempo genannt wird, dramatisch verändert. Gesellschaften, um genauer zu sein Ihre Geschäftsprozesse, sind schneller geworden. Heute existieren routinemäßige Untersuchungen über die Geschwindigkeiten von Gesellschaften. Genommen werden die wesentlichen Prozesse, die das Funktionieren einer Gesellschaft bestimmen und es wird gemessen, wie lange die jeweiligen Organe durchschnittlich brauchen, um deinen solchen Prozess abzuschließen. Das reicht von der Reisedauer zwischen Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Herstellung und Verteilung von Grundnahrungsmitteln bis zu einem Gesetzgebungsverfahren.

Der Westen hat mit der Aufklärung für sich und den Rest der Welt eine Bewegung ins Leben gerufen, die vieles verändert hat, deren letztendliche Konsequenz aber noch nicht abzusehen ist. Die bürgerliche Revolution hat unter dem hier zu betrachtenden Aspekt zwei wesentliche Resultate gezeitigt. Sie hat mit der Öffnung der Gesellschaft für die Resultate der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung die Tür zu Industrialisierung und Konkurrenz geöffnet und sie hat durch die Individualisierung die Entwicklungsdimension einer Gesellschaft auf die Lebenszeitbetrachtung einzelner Generationen reduziert. Beides trug zur Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse wie zu einer Reduzierung der Geduld bei.

Das westliche Individuum ist aufgrund dieser Entwicklung zu Überzeugungen gekommen, die nicht überall in der Welt und in anderen Kulturkreisen gegriffen haben. Die Erwartung, Freiheit und Glück in der eigenen Biographie erreichen zu können, hat in Anbetracht des eigenen Anteils zu einer Jagd geführt, die als Formulierung, dem Recht auf die Jagd nach Glück, sogar expressis verbis Eingang in die amerikanische Verfassung gefunden hat. Die Folge ist für die allgemeine, längere Perspektive der Gesellschaft fatal: aus Heroismus, der Bereitschaft des Individuums, sich für die Sache der Allgemeinheit aufzuopfern, wurde Hedonismus, in seiner heutigen Form Konsum und Luxus des Einzelnen im Jetzt. Auch für die Politik hat das Konsequenzen. Mit Zielrichtungen wie Nation oder Gerechtigkeit sind keine Wahlen mehr zu gewinnen. Es geht um Wohlstand und Sicherung.

In den so genannten kollektivistischen Gesellschaften, die mehrheitlich in Asien leben und allen voran China, hat diese Individualisierung nicht stattgefunden und dort spielt sie auch keine Rolle. Dort heißt es auch nicht Freiheit und Glück, sondern Reichtum und Glück. Wobei der Reichtum durchaus immaterieller Natur sein kann. Insgesamt weist der Kollektivismus ein anderes Verhältnis zu Zeit und Geduld auf. Der zeitliche wie geographische Horizont der Betrachtung ist weiter gefasst und die Bedeutung der einzelnen Teile bei der Betrachtung des Ganzen ist weitaus geringer als im Westen.

Als im Dezember 1997 das Handover von Hongkong zurück an China stattfand, hatten sich die Briten vorher vertraglich den Sonderstatus von Hongkong als Freihandels- und Rechtsraum von der Volksrepublik China für einen Zeitraum von 50 Jahren vertraglich zusichern lassen. Für westliche Verhältnisse schien das ein großer Zeitraum zu sein. Kürzlich erzählte mir ein Honkong-Chinese, 19 Jahre seien bereits verstrichen. Schauen wir mal, räsonierte er lächelnd und entspannt, was 2047 passieren wird. Eine Betrachtungsweise, die so im Westen gar nicht mehr stattfindet. Die Zukunft scheint begraben zu sein.

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