Sicherheit und Freiheit

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren!“ Das immer wieder verwendete Zitat ist von einem, der es wissen musste und der in vor allem deutschen Geschichtsbüchern auf seinen Erfindergeist reduzierte wird. Benjamin Franklin musste es wissen. Franklin war vor allem eines: Er war Revolutionär und Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit. Er hatte Jahre in London gelebt und gesehen, was und wie das Empire seine Macht organisierte, er hatte bei den Mühen, eine amerikanische Unabhängigkeitsbewegung zu organisieren, in Boston und Philadelphia gelernt, wie schwierig es ist, unter großem Druck Koalitionen zu bilden, die für ein politisches Programm standen und er hatte jahrelang, auf die Widersprüche zwischen den Ancien Regimes Frankreich und England setzend, in Paris gelebt und beim Adel dafür geworben, die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung gegen das britische Königreich zu unterstützen. Schließlich brachte er Schiffe mit Waffen für das neue Amerika und auch noch freiwillige junge Offiziere mit nach Hause, die nicht nur in Amerika erfolgreich für die Freiheit kämpften, sondern die Revolution mit zurück nach Frankreich brachten. Aus Dankbarkeit dafür ließen die Franzosen in Paris eine überdimensionale Skulptur schmieden, die als La Liberté die Reise in die neue Welt antrat und heute so bedeutungsgleich vor den Ufern New Yorks als Liberty steht.

Benjamin Franklin, der guten Gewissens als einer der entscheidenden Architekten der bürgerlichen Revolution gelten kann, wusste genau, wovon er sprach, wenn er den Freiheitsgedanken mit dem der Sicherheit assoziierte. Denn neben der offenen, von grundsätzlich anderen Interessen geleiteten Opposition gegen die Freiheit existiert eine andere, schleichende, der Freiheit vielleicht sogar innewohnende Gefahr. Es ist die Unsicherheit, die aus der Idee der Freiheit per es entsteht. Freiheit bedeutet gleichzeitig auch immer Risiko. Wer sich anbindet, sichert und schützt, der ist gegen das Risiko gewappnet. Wer das nicht macht, hat mehr Bewegungsfreiheit, erhöht jedoch auch das Risiko bei entstehender Gefahr. Es ist also durchaus nicht unüblich, dass Menschen, die die Freiheit lieben, ebenso große Angst vor ihr haben, weil sie das Risiko nicht abschätzen können oder für sehr groß halten.

Der Satz von Benjamin Franklin ist wahrscheinlich der politisch aktuellste, bei allem, womit sich die bürgerlichen Gesellschaften des Westens und denen, die seit der Implosion der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West-Konfliktes dazukamen, auseinander setzen. Der Genuss von Freiheit hat einen Preis. Und der Preis wurde mit den Ereignissen des 11. September dramatisch höher, weil er in den USA, der Blaupause für die bürgerliche Revolution in Europa, die Sicherheit derartig zu bedrohen schien wie nie zuvor seit der Unabhängigkeit.

Seitdem betonten die Politiker diesseits und jenseits des Atlantiks immer wieder, wir ließen uns unsere Freiheit nicht nehmen, doch die Idee der Sicherheit ist seitdem auf dem Vormarsch und die Bewegung hat die Freiheit grausam zurecht gestutzt. Betrachtet man die Bundesrepublik Deutschland, dann hat der Sicherheitswahn zuungunsten einer Befähigung zum freiheitlichen Leben exzessive Formen angenommen. Das reicht von Notfallplänen gegen Terrorismus bis zu Leibesvisitationen beim Eintritt auf den Weihnachtsmarkt, das geht von einer Explosion gesetzlicher Bestimmungen zur Sicherheit bis zum Fahrradhelm. Getoppt wird das nur noch von den Bestimmungen der EU-Bürokratie, die sich bis zum Grillhandschuh vorgekämpft hat.

Die Freiheit hat schweren Schaden genommen. Und der Schaden, der angerichtet wurde, entstammt mehr der Unfähigkeit, mit ihr und den ihr innewohnenden Risiken umzugehen, als der realen Bedrohung von außen. Machen wir uns bewusst, dass die die wildesten Vertreter der Sicherheit die größten Feinde der Freiheit sind.

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5 Gedanken zu „Sicherheit und Freiheit

  1. fredoo

    >>>Machen wir uns bewusst, dass die die wildesten Vertreter der Sicherheit die größten Feinde der Freiheit sind.<<
    und machen wir uns bewusst , dass diese Vertreter der Sicherheit vor allem die Sicherheit ihrer eigenen Herrschaft mit Sicherheit meinen …
    und das genau diese Sicherheit das Ende der Freiheit zu neuer ( und möglicherweise besserer ) Entwicklung sein kann , ja sein muss .

  2. Bludgeon

    Nunja, Freiheit – ein wohlschmeckender Pudding, den man nicht an die Wand nageln kann, wenn man bloß nicht immer die anderen, die nichts davon hatten, die leergefressenen Schüsselchen waschen sollten – wenn die dann protestieren und den Geschirrspüler durch die Gegend schmeißen – huch! ist die Freiheit in Gefahr.

    Ich mag Danzers genialen Song: Vor ein paar Tagen ging ich in den Zoo…
    Aber ich seh auch, dass das was gegenwärtig passiert die Quittung ist für „freiheitliches Wirtschaften“ der einen zum dauerhaften Schaden der anderen.

    Wer jahrzentelang Armut exportiert – der darf sich nicht wundern, wenn es zu Re-Importen kommt. (Die Anstalt; ZDF; 2016)

  3. alphachamber

    Es scheinen ein paar Dinge durcheinandergeraten zu sein, mit der Freiheit:
    Die Französischen Revolution war zunächst eine Sache des politischenn Systems, nicht der Freiheit (A. de Tocqueville). „Liberte, Egalite, Fraternite“ entstand in der 2. Republik.
    911 und weitere Attacken waren keine unprovozierten Angriffe auf unser unbeflecktes, freiheitliches Dasein, sondern sind Resultate mutwilliger Schüsse ins Wespennest. Vergessen wir nicht: „we drew first blood“.
    Wer denkt, dass die (über Jahre hinweg) Millionen Muslime in D. sich alle neutral verhalten werden, sollte nochmals in der Geschichte lesen.
    Freiheit hat sehr w e n i g mit praktischer Sicherheit zu tun. Fragen Sie einen Gefängnisinsassen. Fragen Sie Bewohner fast aller Befestigungsanlagen der Geschichte. Freiheit entsteht aus einem „starken Staat“, Dieser bildet sich aus aus der Gesellschaft als eine Interessengemeinschaft. Mit „Interessen“ sei gemeint, die Wesensgleichheit, Gemeinsamkeit der nationalen Werte, Kultur und Traditionen – nicht aus Miltär und Polizeikommandos.
    HG aus Phnom Penh

  4. almabu

    Exportexzesse, ob nun Lebensmittel, Autos oder Waffen, mindern die Chancen der örtlichen Wirtschaft und damit der lokalen Erwerbsabhängigen. Ab einem gewissen Punkt ist das faktisch eine Aggression. Dies mit erzwungenem Wachstum zu verbinden ist letztlich eine Todesspirale!

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