Fakten zur neuen Rolle Deutschlands

Jörg Kronauer. Allzeit bereit. Die neue deutsche Weltpolitik und ihre Stützen

Das Wort, das neue Deutschland müsse gemäß seiner wirtschaftlich überragenden Rolle mehr Verantwortung in Europa und in der Welt übernehmen, steht schon lange im Raum. Bis in die höchsten Staatsämter wird diese Einsicht wie Forderung wiederholt wie ein Mantra. Schließlich nutzte Bundespräsident Gauck am 3. Oktober des Jahres 2013 die Bühne, um es noch einmal allen deutlich zu machen: Deutschland muss Profil zeigen. Wenn jedoch klar ist, dass sich die Rolle des Landes ändern muss, stellt sich natürlich die Frage, wie das alles aussehen und wohin es schließlich führen soll. Und wer bei dieser sicherlich heiklen Frage nicht nur mit einem Bauchgefühl Antworten finden will, der muss sich den Fakten widmen.

Der in London lebende Soziologe und Journalist Jörg Kronauer hat dankenswerterweise über einen längeren Zeitraum die relevanten Fakten gesichtet und das Ergebnis seiner Untersuchung in einem lesbaren Buch aufbereitet. Unter dem Titel „Allzeit bereit. Die neue deutsche Weltpolitik und ihre Stützen“ hat Kronauer den Kurswechsel der deutschen Außenpolitik unter verschiedenen Aspekten untersucht. Die von ihm gewählte Gliederung ist einerseits recht plausibel und profan, andererseits birgt sie für viele Leserinnen und Leser auch Überraschungen, weil dadurch deutlich wird, dass bei der Bestimmung der deutschen Außenpolitik bestimmte Faktoren eine Rolle spielen, die sicherlich viele in diesem Ausmaß nicht vermutet hätten.

„Allzeit bereit“ ist insgesamt in fünf Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel befasst sich mit dem Ruf nach Führung und seiner Kommunikation innerhalb der Entscheidungseliten. Dieser eher politisch strategischen Betrachtung folgt (Kapitel 2) die Dokumentation des Weges Deutschlands innerhalb der EU zum alleinigen Dominator. Dabei wird deutlich, wie sehr die Politik der EU von deutschen Wirtschaftsinteressen beherrscht wird und wie sehr das politische Personal aus Berlin es mittlerweile gewöhnt ist, in Oberlehrermanier die Chefs souveräner Staaten auf Linie zu bringen. Vor allem Finanzminister Schäuble wird als Zumutung ohne Vergleich erlebt. Die Dokumentation widerlegt sehr sachlich die sich immer wieder haltende These von den deutschen Zahlmeistern in der EU.

Das dritte Kapitel analysiert die Interessen der deutschen Wirtschaft und gibt eine exzellente Übersicht der Bestimmung von Politik aus den Interessen der Wirtschaft heraus. Sehr, wenn nicht gar das beindruckendste Kapitel ist die Betrachtung der Think Tanks, Stiftungen, Verbände und Kulturinstitutionen, die alle an der jeweilig eigenen Front für die deutsche Dominanz werben. Das endet mit dem direkten Einfluss auf die Politiker, beginnt aber bereits bei der Produktion von Meinung in Presse und Medien. Die Mitgliederlisten bestimmter Think Tanks, vor allem die amerikanischer und folglich anti-russischer Herkunft lesen sich wie das Who Is Who der Big Shots aus den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten.

Das fünfte und letzte Kapitel wiederum befasst sich mit den Fallbeispielen des angemahnten wie bereits vollzogenen Rollenwechsels der Bundesrepublik Deutschland. Dort geht es vornehmlich um die Regionen Ost- und Südosteuropa, den Mittleren Osten, Afrika, Lateinamerika und Südostasien. Gerade anhand der Beispiele wird deutlich, dass die neue Rolle sehr viel mit den wirtschaftlichen Interessen und einer aggressiveren Sicherung ihrer Ziele zu tun hat und andererseits zwischen einem Kurs der Unabhängigkeit oder einer stählernen Allianz mit den USA die endgültige Orientierung noch nicht vorbei ist.

Wer es genau wissen will, der lese „Allzeit bereit“ von Jürgen Kronauer. Die vielen Fakten ermüden zuweilen, aber sie sind eine Wohltat im Vergleich zu den vielen dogmatischen Thesen, die im Äther stehen.

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2 Gedanken zu „Fakten zur neuen Rolle Deutschlands

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