Bei Luigi

Nichts übt eine solche Anziehungskraft aus wie die Abende, wenn, nach Monaten der Kälte und Gräue das Grün in die Bäume schießt und die ersten Lokale ihre Gärten öffnen. Dann treibt es in unseren Breitengraden alle, die im schlummernden Besitz ihrer Lebenslust sind, abends, nach den Pflichten des Tages, nach draußen, um ein gutes Essen oder ein kühles Getränk zu genießen und sich zu versichern, dass das Leben noch etwas anderes zu bieten hat als künstliches Licht und installierte Heizungen, als schlechtes Fernsehen oder auch gute Bücher. Dem Menschen ist nach Sozialkontakten unter freiem Himmel und der Schwung, mit dem er diesem Trieb nachgeht, ist einzigartig. Im Sommer ist dieses Gefühl immer noch präsent, aber es wird begleitet von den Mühen der einen oder anderen Hitzewelle, die vor allem in der großen Stadt dann zur Plage werden kann, wenn die hohen Temperaturen Einzug in die Wohnungen genommen haben und nachts der Kampf um einen erholsamen Schlaf geführt wird und man leider unterliegt.

Erlösung folgt dann nur noch im Spätsommer, wenn die Tage noch heiß sind, die Straßen leer, weil viele Zeitgenossen noch im Urlaub und in den Ferien weilen und die Nächte so langsam andeuten, dass es auch wieder kühl werden wird. Nach der ersten Chance im explosiven Mai ist das Ende des Augusts und der Beginn des Septembers die letzte, sich noch einmal abends draußen aufzuhalten und das Leben im Freien zu genießen. Die Abende haben dann einen anderen Charakter. Im Gegensatz zum Tatendrang des Frühlings sind sie geprägt von ruhigen, beschaulichen Gesprächen, so als wolle man den vergangenen Sommer für das bisherige Leben nehmen und noch einmal in angenehmer Atmosphäre alles Revue passieren lassen. Die Leute sind ruhig und gut gelaunt und an der Art, wie sie auf den vergangenen Sommer zurück blicken, kann man sehr gut erkennen, was sie von ihrem zukünftigen Leben noch erwarten. Manche, die innerlich wissen, dass ihre verbliebenen Lebenskontingente das Stadium,der Überschaubarkeit erreicht haben, sind eher melancholisch und andere, die sich noch nicht mit solchen Gedanken auseinandersetzen, sprühen ein letztes Mal voller Initiative, indem sie planen, was im nächsten Sommer noch alles zu unternehmen ist.

Ein immer wieder eigenartiges Phänomen in unserem Viertel ist der Italiener Luigi mit seinem Restaurant. Luigis Küche zählt sicherlich zu den besseren Exemplaren ihrer Zunft, auch wenn er sich dafür immer extrem gut bezahlen lässt. Was besonders an seinem Lokal reizt, ist der wunderbare Garten, der schattig und urban ist, in dem man das Gefühl entwickeln kann, tatsächlich irgendwo in Italien zu sitzen und die Durchdringung des öffentlichen Raums mit guten Gerüchen und Lauten der Ausgelassenheit genießen zu können. Was uns jedesmal verwundert ist die Tatsache, das Luigi genau dann, wenn er als wirtschaftlich denkender Gastronom den Garten am besten nutzen könnte, sich in seine weiße Luxuslimousine mit üppiger blonder Begleitung setzt und entspannt nach Sizilien rollt. Im gesamten August hängt dann ein Schild an seinem Lokal, dass darauf verweist, dass Luigi sich darauf freut, ab dem ersten September für seine geschätzte Kundschaft wieder da sein zu dürfen.

Wenn das Wetter mitspielt, wie es treffender in unserer Sprache nicht ausgedrückt werden kann, dann ist folglich der erste September der Tag, an dem man abends zu Luigi geht, um in diesem Sommer das gute Gefühl seiner Küche und seines Gartens, aber auch des ganzen Viertels noch einmal für sich haben zu können. Denn trotz seiner etwas überpfefferten Preise treibt es Vertreterinnen und Vertreter aller in diesem Viertel lebenden Schichten in sein Lokal. Zwar fällt bei den einen, die es nicht so locker sitzen haben, die Wahl auf eine Pizza, während die anderen sich beim Entree für dünne Scheiben der Salami vom Pata Negra und einen folgenden Wolfsbarsch entscheiden. Egal, man trifft sich bei Luigi und es wird dort etwas reproduziert, was den Stadtteil so einzigartig macht: Das Nebeneinander unterschiedlicher Sozial- wie Bildungsschichten, die die Eigenheit besitzen, die Existenz der jeweils anderen in besonderem Maße zu schätzen, statt sie zu verachten.

Als ich die Straße überquerte und Luigis Lokal bereits im Auge hatte, das übrigens einen eigenen Namen hat, der hier keine Rolle spielen soll, konnte ich feststellen, dass der Garten voll besetzt war. Zum Glück war mein Freund Willy, mit dem ich mich verabredet hatte, früh genug dort gewesen, saß an einem Tisch und winkte mir. Luigi begrüßte uns überschwänglich, aber auch sichtlich gestresst. Er hatte, nach dem Monat in Sizilien, entweder noch nicht zu einem strammen Arbeitsrhythmus zurückgefunden oder nicht mit einem solchen Andrang gerechnet.So hielten wir ihn nicht lange durch unsere Konversation von der Arbeit ab und lasen aufmerksam die besonderen, auf Schiefertafeln geschriebenen Angebote des Tages. Willy und ich hatten uns schnell entschieden, er wählte Antipasto mit Pata Negra, ich roten und weißen rohen Thunfisch, beim Hauptgang wollten wir beide eine Lammhaxe, die auf der Tafel stand. Luigi bedeutete uns, die Haxen seien noch nicht so weit, wir müssten verstehen, das sei heute sein erster Tag und die müssten noch schmoren. Wir sahen uns bedeutungsvoll an, weil wir die Erklärung beim besten Willen nicht verstanden und bestellten etwas anderes, was auf der regulären Karte stand.

Während wir uns der Vorspeise widmeten, erschien meine Frau, die, vom Yoga kommend, Pasta bestellte, diese längst nicht kontemplativ verspeiste und uns wieder alleine ließ, da sie um unser folgendes Zigarrenritual wusste. Zeitgleich tauchte noch eine Gesellschaft auf, die den einzigen noch nicht besetzten Tisch reserviert hatte. Offensichtlich handelte es sich um ein Elternpaar, das zusammen mit dem erwachsenen Sohn und dessen Freundin unterwegs war. Vater und Mutter wirkten respektabel, hatten etwas patronesk Mediterranes an sich, das allerdings mehr auf den Balkan wies als auf Italien. Der Sohn wirkte wie die in unserer Stadt nicht selten geglückte Symbiose aus seiner originären Provenienz und der sehr bodenständigen, robusten Qualität der Straße. Das wurde durch sein Äußeres noch unterstrichen. Er verfügte über eine bullige Figur, die, begünstigt durch die hohen Temperaturen und die damit verbundene Kleidung von kurzer Hose und knappen mit T-Shirt, durch zahlreiche Tätowierungen unterstrichen und verziert wurde. Seine Braut hingegen wirkte puppenhaft und ausstaffiert, wankte ein wenig unsicher auf ihren Pfennigabsätzen und stellte dabei ein gefrorenes Lächeln zur Schau.

Als sich die Gesellschaft setzte, begrüßten sich Luigi und Sohn wie leibliche Brüder, während der ornamentierte Kraftprotz lautstark herumtönte, die italienische Küche sei die beste und er kenne alles. Sein Vater, ebenfalls bullig, etwas vom Alter und Genuss gezeichnet, aber durchaus noch einflussreich und mächtig wirkend, sah seinen Sohn dabei etwas verächtlich an, während die Mutter mit schweifendem Blick für das Barbarische ihres Sohnes um Verzeihung bat.

Willy und ich resümierten derweil den Sommer, der mal kühl und verregnet und mal von außergewöhnlichen Hitzeperioden gekennzeichnet gewesen war und insofern dem Bild der letzten Jahre glich. Letztendlich war es keine gute Saison für eine Zigarre am Abend gewesen, denn bei Regen machte es keinen Spaß und bei drückender Hitze schon gar nicht. Umso schöner sollte der Ablauf dieses abends werden. Als Luigi, nun mit Schweißperlen auf der Stirn, uns den Hauptgang brachte, viel uns zum ersten Mal ein Paar an einem Nachbartisch auf, weil die Frau, die wie eine verhärmte Lehrerin, die dem Veganismus nahesteht wirkte, immer wieder aufstand und mit Luigi sprach. Luigis Physiognomie war zu entnehmen, dass er sich anstrengen musste, um höflich zu bleiben. Es schien sich um Instruktionen darüber zu handeln, wie das von ihr bestellte Essen zubereitet werden sollte und welche Zutaten auf jeden Fall vermieden werden sollten. Ihr Begleiter, der prima vista gar nicht zu ihr passte, weil er eher wie ein harter, sportiver Outdoortracker wirkte, saß unbeteiligt am Tisch und machte zu allem ein freundliches Gesicht.

Was mich beruhigte war die Mimik zweier Damen, ihrerseits sommerlich elegant und stilvoll gekleidet, die das Auftreten der Instruktorin amüsiert und dezent ironisch verfolgten. Vor deren Tisch lag ein deutscher Pinscher, genauer gesagt eine deutsche Pinscherhündin, die Luigi treu ergeben, wenn nicht gar verfallen, weil sie schlicht von Luigi durch kulinarische Schnipsel bestochen war. Die Dame, die den Hund ihr eigen nannte, nahm es wissend hin und sprach wie von einer Bühne in den Garten, Luigi wisse, wie er sich Frauen zugeneigt mache. Diese Bemerkung ließ uns wiederum schmunzeln und verschaffte uns einen Stimmungswechsel, weil wir uns gerade über das leidige Thema der EU unterhielten. Das korrespondierte nicht mit der guten Qualität des Essens, das sich dem Ende neigte und nun durch einen Espresso abgeschlossen werden würde.

Längst war am Nachbartisch aufgetragen worden. Der tadelnde Vater hatte sich aufs Telefonieren zurückgezogen und sah aus, als dirigiere er Containerflotten im Frachthafen von Rotterdam, während die Begleitung des Sohnes immer noch gleichbleibend ihr Lächeln verstrahlte. Nur Mutter und Sohn steckten über einer Riesenschale Muscheln die Köpfe zusammen und unterhielten sich lautstark. Die wesentlichen Botschaften sendete allerdings der Sohn, und die Satzfragmente bestanden immer wieder in der Aussage, Mutti, du kennst mich doch, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Diese Aussage führte zur Kontinuität des Lächelns der Freundin, einem leichten Zucken der Augenbraue des Vaters und zu einem wohlwollenden Schmatzen der Mutter beim Auslutschen der Muscheln.

Als der Espresso an unseren Tisch kam, schnitten wir unsere Zigarren an und entzündeten sie. Voll im Genuss der ersten Züge vernahmen wir dann große Aufregung in unserem Rücken und ehe wir uns orientieren konnten lief die Lehrerin mit der schlechten Körperhaltung, ihren Teller in Händen haltend, kopfschüttelnd und den Backpacker im Schlepptau an uns vorüber und bekam vom konsternierten Luigi einen gerate frei gewordenen Tisch auf der anderen Seite zugewiesen. Als wir Luigi fragend ansahen murmelte er etwas von unter freiem Himmel und alles sei in Ordnung.

Die Episode ließ uns in einen kurzen Kulturpessimismus verfallen, der allerdings nicht lange anhielt, weil, so unser Resümee, das Leben zu kurz sei, um sich intensiv mit Engstirnigkeit und Hysterie zu befassen. Dieses harsche Urteil wurde bestätigt, als ich beobachten konnte, wie die vermeintliche Lehrerin es völlig entspannt hinnahm, dass ihr Backpacker sich nach dem Essen eine Zigarette drehte und sie beim späteren Rauchen immer wieder anblies.

So langsam leerte sich das Lokal, die beiden Damen mit der Pinscherhündin verabschiedeten sich, ohne dass es Luigi versäumte hätte, die Abhängigkeit des Tieres von ihm nicht noch einmal zu intensivieren, der Mustersohn versicherte seiner Mutti ein letztes Mal seine Zuverlässigkeit und schon waren wir bis auf einen Tisch auf der anderen Seite des Eingangs die einzigen Verbliebenen. Dieser Tisch wuchs durch ein ständiges Kommen immer neuer Gäste an. Es wurde lauter und lauter. Immer wieder kamen vor allem neue Frauen hinzu, die, wie der Volksmund so sagt, in ihren besten Jahren waren. Alle waren spärlich wie modisch gekleidet, alle fielen bei der Begrüßung Luigi um den Hals als sei er die Liebe ihres Lebens und alle rauchten eine Zigarette nach der anderen. Sie orderten Wein wie Champagner in Flaschen, die Luigi in Eiskübeln an den Tisch schaffte. Dort wurde es immer ausgelassener, die eine berichtet über die wilden Partys in Südfrankreich, die andere, wie sie zu Hause unter dem Solarium eingeschlafen sei. Dann fuhr quietschend ein Wagen vor und vier Männer stiegen aus, einer sprang an den Zaun vom Garten und schrie, jetzt ginge es wieder los, ein anderer, als er am Tisch angekommen war, verkündete mit piepsender Stimme, er habe heute schon drei Ibuprophen 600 und fünf Grippostad eingeworfen, jetzt helfe nur noch Champagner.

Willy und ich redeten wenig, wie immer bei der Zigarre, es ist das Wohltuende, sich einem Genuss zu widmen und dennoch die Sinne empfänglich zu machen für die Aufnahme anderer Eindrücke. Wir kamen sehr schnell zu der Einsicht, dass unser Viertel so, wie wir es heute bei Luigi wieder einmal erlebt hatten, trotz und wegen aller Schrägheiten das war, wofür wir es liebten. Nachdem Luigi zum Abschied den finalen Grappa gebracht hatte und wir uns zufrieden vom Tisch erhoben, schien es bei der übrig gebliebenen Gesellschaft erst richtig los zu gehen.

Als wir uns vor dem Lokal verabschiedeten versicherten wir uns, dass mehr Gelassenheit und Toleranz dem Leben gut täten. Ein besseres Resümee für einen solchen Abend konnte es nicht geben. Auch da waren wir uns einig.

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6 Gedanken zu „Bei Luigi

    1. Michael G. Symolka

      nun .- man macht sie frauen geneigt, nicht zugeneigt,…..auch wenn es ein hund ist….und ein viel hätte auffallend ein fiel sein müssen…..ansonsten nette stimmung….gibt es den wirklich….die zigarrenallüre ist etwas elitär – gepfeffert ist besser als versalzen….,.

  1. fredoo

    wenn ich beim lesen genussvoll gemütlich die beine ausstrecken kann , und die geschilderte szenerie einfach nur genieße , hat sich der autor ein feines lob verdient …

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