Zum Konnex von Controlling und Autonomie

Irgendetwas stimmt nicht bei der vermeintlichen Symbiose von mehr humaner Qualität und technischer Möglichkeit. Der Wunsch, alles im Blick zu haben, was in einem Prozess auftauchen mag, führt zur Umkehrung dessen, was bezweckt ist. Ja, da steht zunächst das Ziel im Raum, menschliche Arbeit sich gestalterisch entfalten zu lassen. Das ist ein Erbe, das seit den Geburtsstunden der Aufklärung eine große Rolle spielt. Vielleicht auch deshalb, weil es der Wille des freien Menschengeschlechts war, der sich bei allen Fortschritten am wenigsten realisierte. Der Wille, frei agieren zu können, unterlag immer den Beschränkungen, die entweder die Technik oder die Zweckausrichtung vorgaben. Der Wille, frei agieren zu können, hat sich bis in unsere Tage fortgeschleppt, eben weil er nie so richtig reüssierte. Die Gründe, warum dieses so ist, sind ebenso alt wie der Wunsch selbst.

Es existieren im Wesentlichen zwei Ansätze, die sich bei der Realisierung von Freiheit immer wieder treffen. Eine Herangehensweise verschreibt sich der Überlegung, dass Freiheit etwas hoch komplex Organisiertes ist, dass nur durch eine Fortführung der hohen Komplexität gesichert werden kann und durch eine zentrale Steuerung erfolgen muss. Alles muss gesichtet und in seiner Entwicklung beobachtet werden, um Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen. Die Gewährleistung von Freiheit ist dadurch an eine archaische Form der Kontrolle gekettet. Der Widersinn sticht eigenartigerweise niemandem ins Auge. Kontrolle durch fremde Systeme und Freiheit schließen sich aus.

Die Voraussetzung von Freiheit ist die Einsicht in das Notwendige. So banal das heute klingt, so groß ist die Herausforderung, völlig frei die Freiheit zu nutzen und völlig frei auf die Freiheit zu verzichten. Dieses Vermögen, frei zu handeln, muss das Ziel sein, dem sich alle Zwecke unterordnen. Stattdessen ist die technische Sicherung der nicht vorhandenen Kompetenz das hoch verehrte Surrogat, in das alle Mühen fließen. Kontrollsysteme sind der gesellschaftliche Preis für das Versagen bei der Erziehung zur Freiheit.

Die Generierung von Kontrollsystemen erfordert hohe Investitionen, sie erhöht die Komplexität und ist damit ein wesentlicher Grund für die immer stärker werdende Tendenz zu Bürokratisierung gesellschaftlicher Prozesse. Auch wenn auf so mancher politischen Agenda seit langem der Bürokratieabbau steht, so ist die Tendenz der Aufbau neuer Bürokratien.  Denn je weniger die Fähigkeit zur Ausübung der Freiheit ausgeprägt ist, desto mehr muss eine kontrollierende Bürokratie die agierenden Menschen im Auge behalten. Es ist einer der wichtigsten Widersprüche unserer Zeit.

Die gegenwärtige Tendenz geht in die Richtung des Ausbaus der Kontrollsysteme und des Abbaus von Freiheitsrechten. Die entstehenden Bürokratien werden immer komplexer und eine Transparenz, die ihr Funktionieren entschlüsseln würde, scheint immer schwerer herstellbar zu sein. Die Entfremdung derer, die an den Kontrollapparaten arbeiten, von dem, was die Lebensbedingungen des Volkes genannt werden, wächst mit jedem Tag exponentiell. Die zunehmende Bürokratisierung, die durch das Anwachsen der Controlling-Systeme entsteht, ist ein sicheres Indiz für zunehmende Entmündigung und Entrechtung.

Eine Kehrtwende hin zu mehr Selbstbestimmung und Autonomie kann ermöglicht werden, wenn die dazu notwendigen Freiheiten eingeübt werden und der Urteilskraft der Menschen vertraut wird. Die Verlegung der Entscheidung an die Basis ist gleichbedeutend mit dem erfolgreichen Kampf gegen die Bürokratie. Das ist die entscheidende Erkenntnis. Wer Bürokratieabbau mit einer Effektivierung von Prozessen verwechselt, der hat den Zusammenhang von menschlicher Kompetenz und Freiheit nicht begriffen.

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4 Gedanken zu „Zum Konnex von Controlling und Autonomie

  1. alphachamber

    Gute, wichtige Sichtweise. Bei meinem Buch kamen mir ähnliche Gedanken. Nur:
    „…und der Urteilskraft der Menschen vertraut wird.“ Oh je!!!
    In unserem neuen Eintrag haben wir versucht den Hintergrund weiter zu proben. Die Bürokratie ist der Lakai der organisierten Macht; aber: Ohne Söldner keinen Krieg. In Umwandlung von Marx‘ Postulat könnte man sagen: „Der demokratische Humanismus ist die historische Vollendung des Faschismus.“
    Sie haben in allem recht, nur, für eine Kehrtwende braucht es Vordenker und rationale Führung – ich sehe keine; eine neuaufgelegte APO wird es äußerst schwer haben…

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Bei der Beschreibung des Defizits gebe ich Ihnen meinerseits uneingeschränkt Recht. Mir stellt sich die Frage, wie es kommen konnte, dass kein neues Politikdesign entsteht, sozial, intelletktuell wie personell.

  2. alphachamber

    Nun ja, unsere Demokratie wurde hochgelobt (und zwangsexportiert) als das „Gelbe vom Ei“ für zu lange. Es gibt Modelle z.B. von Durkheim, Lippman, der „Dritte Weg“ von Mannheim, Rawls etc.; aber alle nehmen Freiheiten weg (oder tauschen sie aus) und ignorieren das Individuum. Zuerst müssten sich die Deutschen den Kantischen Dualismus loslassen, mMn. Das System hat sich in effektive Abwehrmechanismen mutiert. Unser Wahlrecht und der Parlamentarismus ist die gesellschaftliche WMD

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