Systemrelevanz und Eigeninteresse

Der Begriff „System“ ist im Deutschen in hohem Maße kontaminiert. War es doch seit der klassischen deutschen Philosophie ein unbedingtes Muss, gleich ein ganzes, in sich abgestimmtes System begründen zu müssen, um sich der Anerkennung sicher zu sein. Spätestens seit den Tagen Kants und Schellings, Fichtes und Hegels ist es Pflicht, ein ganzes Haus der Erkenntnis zu bauen, auch wenn es nur um einen im Tageslauf winzigen Aspekt gehen mag. Das Momentum des großen Systems schwebt über allem und es gibt wahrscheinlich kaum ein Volk, das sich dem so verpflichtet fühlt wie die deutsche Kohorte, die bis in die entlegensten Winkel ihrer Bürokratie die Kohäsion des großen Systems spüren will. Nichts könnte dem angelsächsischen Pragmatismus ferner stehen als die Systemophilie der teutonischen Denker.

Eine kurze Episode gab es, da war dann alles anders. Da wurde die Demokratie als Staatsform mit dem Begriff System gleichgesetzt und die Kritik an diesem politischen Gebilde nannte sich fortan Systemkritik. Vieles an der Kritik, mal von rechts und mal von links geäußert, hatte sicherlich Substanz, nur ein Gegenmodell, das die Fehler aufhob, war nirgends zu sehen als in den Köpfen derer, die nicht wussten, was sie wollten, aber die sich sicher waren, was sie nicht wollten. Die nihilistische Prämisse der Systemkritik führte bekanntlich in die Katastrophe.

So ist es kein Wunder, dass seitdem der nahezu erotische Drang zum Gesamtsystem nur im Unterbewusstsein vieler Zeitgenossen existiert, während der offene, transparente Diskurs das Konstrukt neuer Systeme eher meidet. Und so kam es, dass mit der soziologischen Systemtheorie, die erst Jahrzehnte nach der Katastrophe den Versuch machte, das System als Ding in seiner Gesetzmäßigkeit zu analysieren, eine andere Disziplin erschien, die sich systemische Beratung nannte und therapeutischen Ursprung hatte.

Warum das alles? Weil es illustriert, dass das manische Streben nach Ganzheitlichkeit eine lange Tradition in diesem Land hat, dass das para-religiöse Verhältnis zum „System“ seine rationale Durchdringung verhindert, dass das metaphysische Verhältnis zum System in die Katastrophe führt, dass selbst destruktive Gebilde mit dem Signum der Systemrelevanz überleben und dass eine Regenerierung der Geschädigten nur in einem therapeutischen Rahmen geschehen kann. Das ist genug, um einen anderen Umgang mit „Systemen“ zu begründen.

Der berühmte Satz des chinesischen Reformers Deng Hsiao Ping, ihm sei egal, ob eine Katze schwarz oder weiß sei, Hauptsache, sie fange Mäuse, ist ein nahezu königliches Angebot des Pragmatismus, durch einfache Betrachtungsweisen das Seichte und Metaphysische der Systemrhetorik zu entzaubern. Analog dazu helfen die Fragetechniken, derer sich immer wieder Bertolt Brecht bediente, wenn er dem System der Herrschaft den Garaus machen wollte. Wer hat welches Interesse? Wem nützt es, wenn etwas ist, wie es ist? Wem geht es schlecht? Wer will nicht, dass sich die Verhältnisse ändern?

Das alles sind banale Fragen, aber ihre Banalität dokumentiert die noch größere Banalität des Systems, des schlechten Systems natürlich, denn es gibt auch gute. Das schlechte System kann nur aufrechterhalten werden mit ungeheurem Aufwand. Mit Aufwand der Steuerung, mit Aufwand von Kommunikation, mit Gewalt. Dem gegenüber steht die einfache, aber viel bestechendere Plattform der eigenen Interessen, die nicht belastet sind von Systemrationalität. Auf diese Interessen zu hören, hat etwas berauschend Befreiendes.

 

 

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Ein Gedanke zu „Systemrelevanz und Eigeninteresse

  1. gkazakou

    nun ja, das eigene Interesse ist sicher ein brauchbarer Wegweiser für mich als Einzelner und meinen Clan, aber seine Durchsetzung hat Auswirkungen auf andere, die ihrerseits ….etc pp. Insofern ist mein Handeln oder Unterlassen systemrelevant, und es ist ganz gut, sich dessen bewusst zu sein. In dem Land, in dem ich lebe (GR), ist dies Denken nicht existent, das Ergebnis ist Chaos, das in niemandes Interesse liegt und alle aufregt. Beispiel: der Müllplatz, der von jedem Bürger gespeist, aber von keinem geräumt wird. Seit hier die sog. Linke herrscht, nehmen eben auch die öffentlich-rechtlichen Müllarbeiter glücklich ihr Eigeninteresse wahr….

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