Aleppo: Die Perversion der Entrüstung

Wer ist schon für den Krieg? Und wer findet Gefallen daran, dass die Zivilbevölkerung besonders unter ihm leidet? Die Berichterstattung über die Leiden von Aleppo setzt an dieser weit und zu Recht verbreiteten Haltung an. Sie zeigt die weinenden Frauen, die verstümmelten Kinder und die gebrochenen Männer. Wem sollte es nicht das Herz zerreißen? Oder anders herum, was ist das für ein Mensch, der da nicht tief berührt ist und sich empört gegen diejenigen, die für dieses Leid verantwortlich sind?

Und genau an diesem Punkt bricht die innere Logik derer, die da berichten. Sie stellen das Debakel um die Menschen in Aleppo, stellvertretend für alle anderen in Syrien, als eine Geschichte dar, die vor eineinhalb Jahren einsetzte, als die bösen Russen dem Tyrannen Assad militärisch zur Hilfe eilten. Der Krieg in Syrien dauert nur schon ein wenig länger, genau genommen fünf Jahre, er begann, als der so genannte arabische Frühling ausbrach. Da sahen auch viele Syrer ihre Chance, aus einem autokratischen Land eine Demokratie zu machen, oder zumindest eine Gesellschaft mit mehr Freiheit und Toleranz.

Das Pech der syrischen Opposition war es, dass die Gelegenheit, etwas zu verändern, auch von den USA, denen Assad ein zu unsicherer Kantonist war im Spiel um Pipelines und Öl, so gesehen wurde. Deswegen begannen die USA mit militärischen Operationen in Syrien. Und das Pech der syrischen Opposition war es, dass Hegemonialkräfte in Saudi-Arabien begannen, in für sie bewährter Weise Terrorkommandos nach Syrien zu senden, die dazu beitragen sollten, Assad zu stürzen und damit den Iran vom Mittelmeer zurück zu drängen. Und es kamen noch andere Faktoren hinzu, die alles nur noch komplexer und komplizierter machten und den Syrern, die ihr Land verbessern wollten, die Totenfratze vor das Gesicht hielten.

Es ging weder den USA noch dem Rest der NATO jemals um die Interessen derer, die damit begonnen hatten, gegen Assad zu opponieren. Sonst wären nicht tonnenweise Bomben gefallen, sonst hätte man den IS nicht unterstützt. Von 2011 bis heute haben die USA mehr als 20.000 Luftangriffe auf syrisches Gebiet gefahren. Und noch 2015, als man in Washington Aleppo als den Ort der Entscheidungsschlacht gegen Assad erklärte, warfen US-Flugzeuge ihre Bomben gezielt auf Kraftwerke und Wasserwerke in Aleppo, um das Leben lahm zu legen und Seuchenverbreitung zu begünstigen. Davon war nichts zu sehen oder zu hören in den Medien, es gab keine Sondersitzungen des Weltsicherheitsrates, in denen die Taten verabscheut wurden und die Verletzung der Menschenrechte beklagt wurden.

Wieder feiert die Doppelmoral fröhliche Urstände. Die Heuchelei hat ein Ausmaß angenommen, dass die Frage angebracht ist, ob man verzweifelter sein soll über die Bilder der Leidenden in Aleppo oder den Ekel gegen die frivolen Moralisten, die das Elend kalten Herzens dazu benutzen, um fleißig an einem neuen Feindbild zu arbeiten, ein Feindbild mit dem Namen Russland. Nur zur Erinnerung: Feindbilder sind dazu da, um Menschenmassen emotional gegen ein Land aufzuladen. Feindbilder zu schaffen ist eine Maßnahme der gezielten Kriegsvorbereitung.

Die besondere Perversion derer, die sich zu den besten Sendezeiten über das menschliche Leid in Aleppo beklagen, ohne die wahre Geschichte dieses Krieges zu erzählen, besteht darin, dass sie schnurstracks auf Verhältnisse hinarbeiten, die sich von den Bildern in Aleppo nicht unterscheiden. Kriegstreiber, die über das Antlitz des Krieges klagen…

 

 

Advertisements

13 Gedanken zu „Aleppo: Die Perversion der Entrüstung

  1. annatorus

    Danke, volle Zustimmung. Diese Heuchelei ist wirklich einfach nur widerlich. Mir fehlen da regelmäßig nur noch die Worte. Dabei sollte man so viel es geht darüber reden, gerade mit solchen, die es viel bequemer finden, an das Märchen vom „guten Westen“ zu glauben. Leider stößt man da meistens an Grenzen, da viele Menschen einfach irgendwann abblocken und dicht machen, die Scheuklappen aus Trotz noch fester nach innen ziehen (denn „der Westen“, das sind ja auch sie selbst, und „sie“ machen sowas nicht). Es ist zum Verzweifeln.

  2. meertau

    Ist es wirklich nur Heuchelei? Oder ist es nicht eher Methode?
    Irre ist ja, dass sie funktioniert und die Leute offenbar gar nichts mehr bemerken, oder sich nicht daran erinnern, was vor einigen Jahren war.

    1. gkazakou

      es IST Methode, Meertau. Das Vorzeigen von zivilen Opfern – schon die Empörung hoch. Doch langsam wird dies Spiel nicht mehr gelin

  3. fredoo

    die besondere raffinesse der manipulation ist es , dass sie ebenso (!) ihre eigene opposition erzeugt , und damit ebenfalls manipuliert !
    wer glaubt , dass das nachlassen des glaubens an „die guten absichten“ des westens , ein zeichen von schwäche der manipulation ist , irrt gewaltig …
    genau das ist eine weitere form von manipulation … raffiniert in ihrer verkleidung von „opposition“ …

  4. aschicklgruber

    „Die Welt aus den Fugen“ von P.S.L liefert hier zu dem Thema Syrien eine fundierte horizonterweitende Information ohne das hier in den westl Medien typische Schwarz-Weiß-Denken.

  5. almabu

    Sehr guter und sehr nötiger Beitrag! Diese Zusammenhänge können nicht oft genug genannt werden. Die USA kontrollieren nicht nur die Rohstoffe, sondern über die Medien auch die Gehirne vieler Menschen auf dieser Welt. Unsere Zwangsgebührenfinanzierten „Medienbeamten“ mischen da eifrig und munter in vorderster Reihe mit. Reporter, die aus Luxushotels in Nachbarländern mit aufgeregter Stimme und aufgerissenen Augen vom Krieg berichten, ungeprüfte Handyfilmchen aus unbekannter Quelle haben in den Hauptnachrichten nichts zu suchen. Diese entarten immer mehr zu Betroffenheitskommentare-Quatschbuden. Dafür sieht man dann (supertolle Idee, wirklich!) im Abgang mal den Körper, gar die Beine des Moderatorenteams. Wenn der Syrienkrieg seit 2011 über 400.000 Tote gefordert hat, wie aus verschiedenen Quellen übereinstimmend berichtet wird, dann müssen die zu Lasten derer gehen, die diesen Krieg seit mindestens 5 Jahren* angestrebt, geplant, organisiert, bewaffnet, finanziert und sogar völkerrechtswidrig mit Angriffen, ZU LANDE(!), zu Wasser und in der Luft durchgeführt haben. Es ist nicht der verstockte Diktator Assad der Hauptschuldige, sondern die USA die sich völkerrechtswidrig das Recht herausnehmen, in aller Welt „Regime-change“ zu spielen um ihre Wirtschaftsinteressen zu verfolgen. Der sicher nicht als Friedenstaube zu verortende Vier-Sterne-General der US-Armee Wesley (Kanne) Clark, während des Balkan-Krieges Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) behauptet seit Jahren, daß der Angriff u.a. auf Syrien schon seit 2007 geplant worden sei. Das mediale Propagandatheater seit dem legalen Einmarsch der Russen in Syrien ist eine Beleidigung der Intelligenz der Menschen…
    __________

  6. almabu

    Mir ist bei obigem Beitrag ein Fehler unterlaufen: DAS VIDEO von Wesley Clarks Interview stammt aus dem Jahr 2007, NICHT die Kriegsabsicht und Vorbereitung der USA. Diese ist viel älter. Wie im Video von Clark gesagt wird, lag der Plan Syrien als eines von 7(!) Ländern anzugreifen und einem Regime-Change zu unterziehen, bereits Ende September 2001 vor, keine zwei Wochen nach dem 9-11 in New York. Die USA beschäftigen sich also schon seit 15 Jahren intensiv mit Syrien!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.