Klerikale Doppelmoral und investigativer Journalismus

Tom McCarthy. Spotlight

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ein Film über den Erfolg von investigativem Journalismus außerordentlich positive Resonanz erfahren hat. Selbstverständlich hängt das mit den skandalösen Zuständen zusammen, die aufgedeckt wurden. Dennoch spricht einiges dafür, dass die Tatsache an sich, d.h. die journalistische Attacke gegen ein regelrechte Festung des Schweigens und gegen massive Versuche aus der Stadtgesellschaft bis zum Ende geführt wurde.

Der Film Spotlight des Regisseurs Tom McCarthy zeichnet das Vorgehen eines Redaktionsteams des Boston Globe gegen die katholische Kirche in Boston. Damit ist auch schon gesagt, wieviel Courage und Entschlossenheit erforderlich waren, um ein erfolgreiches Vorgehen zu gewährleisten. Es ging historisch gesehen um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs von Kindern durch katholische Priester in großer Anzahl. In Boston, der exterritorialen Hauptstadt des erzkatholischen Irlands, in der der Pietismus und die borniertesten Moralvorstellungen, die der Katholizismus zu bieten hat, als offizielle Version des Zusammenlebens gelten.

McCarthys Film besticht durch die trockene, manchmal spröde wirkende Art, wie die Story erzählt wird. Spannung im klassischen Sinne kommt nie auf, sondern es ist eher ein Mitfiebern beim Sezieren der Zustände. Ein neuer Redaktionschef kommt zu dem Blatt und ihm fällt eine kleine Notiz im Lokalteil über den Missbrauch eines Kindes durch einen Priester auf. Er setzt ein Team darauf an und bittet, nicht nur weitere Einzelfälle zu ermitteln, sondern das System zu durchschauen. Der Film handelt von dieser Arbeit, der es tatsächlich gelingt, ein System zu dechiffrieren, ein System, wie der zuständige Bischof mit dem Problem umzugehen pflegt.

Die wahre Geschichte ereignete sich um die Jahrtausendwende. Wie im Film wurden hunderte von notorisch Kinder missbrauchenden katholischen Geistlichen in den USA und anderen Staaten ermittelt. Der Bischof von Boston vertuschte die Fälle, indem er die Priester versetzte oder beurlaubte. Eine Art interne Ermittlung fand nie statt. Wissenschaftler, die sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen auseinandersetzten, wiesen auf einen Konnex zum Zölibat hin und taxierten die Größe von sechs Prozent als die Quote von übergriffigen Priestern aus dem Gesamtbestand. In Boston waren das 87! Als die Artikelserie des Boston Globe erschien, meldeten sich noch unzählige Opfer und die Lawine kam ins Rollen. Letztendlich reagierte Rom und der Bischof von Boston wurde nach ebendort berufen. Aus dem Vatikan kamen Signale der Kenntnisnahme und das Versprechen, zu handeln. Wie, bei Beibehaltung des Zölibats, blieb allerdings schleierhaft.

Bei Spotlight handelt es sich um einen Film, der einerseits in beeindruckend unspektakulären Art und Weise zeigt, mit welchen Schwierigkeiten hartnäckiger Journalismus konfrontiert wird, vor allem, wenn er eine Wand des kollektiven Schweigens durchbrechen muss. Es ist den Produzenten zugute zu halten, dass sie nicht in die Falle liefen und wilde kriminelle Verhinderungsversuche mit absurd eingeflochtenen Sexualverwicklungen verbanden, um so etwas wie Kurzweil und Spannung zu erzeugen. Beides hat weder die historische Vorlage der Ereignisse noch das Thema selbst nötig. Dem Film gelingt es, die feinen, aber entscheidenden psychologischen Abhängigkeiten, Kämpfe und Verwerfungen, die im sozialen Umfeld der Akteure eine Rolle spielen, als das persönliche Kampffeld derer auszuweisen, die sich der Aufdeckung der Wahrheit verschrieben haben. Je unspektakulärer diese persönlichen Auseinandersetzungen zu sein scheinen, desto mehr Mut ist von den Beteiligten aufzubringen.

In einer Zeit, in der klerikale Doppelmoral nach wie vor das Dasein durchdringt und in einer Zeit, in der investigativer Journalismus eine immer schwierigere Existenz führen muss, ist der Film extrem geeignet, um sich mit beidem zu befassen.

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3 Gedanken zu „Klerikale Doppelmoral und investigativer Journalismus

  1. alphachamber

    Exzellente Critique!
    (Übrigens: ist es nicht wunderlich, dass bei all den Un-Misse-und Greueltaten und dem allgemeinem Lügengerüst der katholischen Kirche, sich die Figur des Papstes über 1600 Jahre halten konnte? Müsste sich nicht jedes aktives Mitglied, vom Priester bis zum Kardinal fühlen, wie ein Teil einer kriminellen Vereinigung? Obwohl – warum sollte eine religiöse Organisation besser sein, als eine weltliche, denn „weltlich“ sind sie ja beide…)

  2. Gunther Sosna

    „Ein neuer Redaktionschef kommt zu dem Blatt und ihm fällt eine kleine Notiz im Lokalteil …“ Diese Art Redaktionschefs ist ein Ideal, das es immer seltener gibt. Der Klick-Journalismus, die Verkaufshilfe für die Werbung, dominiert derartig, dass kaum noch einer die „kleine Notiz“ bemerkt. Redaktionen, die diesen Anspruch noch haben, dürften schon allein wegen der Kosten einer umfangreichen Recherche ein Schattendasein führen. Die Zahl der freien Journalisten, die eben nicht aus ökonomischer Notwendigkeit über die neusten Nichtigkeiten der D-Promis berichten, sondern nach den großen und schlimmen Dingen und den kleinen Grausamkeiten schauen, schwindet. Am Ende ist der Film eine schöne Erinnerung an eine tolle Zeit, in der der Journalismus eine aufklärerische Aufgabe erfüllte. Heute ist er fester Teil eines beständigen Upsell.

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