Neue Inquisitoren

Was geschieht, wenn ein einigermaßen aufgeklärter Mensch mit einer Meinung konfrontiert wird, die er selbst nicht teilt? Zunächst versucht er, die Kernaussage zu identifizieren. Dann rekonstruiert er den Gedankengang, der zu dieser Aussage geführt hat. Und wenn er – oder natürlich in allen Fällen sie – verstanden hat, wie diese Meinung gemeint und wie sie entstanden ist, dann formuliert der aufgeklärte Mensch eine Replik. Die Replik bezieht sich auf Genese und Struktur der zu kritisierenden Meinung und versucht, sie im Kern zu widerlegen oder auf Brüche in ihrer Genese zu verweisen. Sollte aus dieser Replik eine Interaktion entstehen, dann ist ein interessanter Diskurs zu erwarten. Voraussetzung für eine solche Interaktion ist allerdings, dass es sich bei beiden Seiten um aufgeklärte Menschen handelt.

Ist die eine Seite dagegen nicht aufgeklärt, sondern eher emotional, apologetisch oder dogmatisch, dann wird die eigene Position wiederholt. Und ist aus dem eigenen Gedankengang an Substanz nicht mehr herauszuholen als die bloße Wiederholung, dann gesellt sich sehr schnell noch die Verunglimpfung des Gegenübers hinzu. Derlei Gesprächsentwicklung entgleitet dann sehr schnell in eine destruktive Atmosphäre. Es geht nicht mehr um eine konsensfähige, nachvollziehbare Position, sondern um Rechthaberei auf der einen Seite und die Diskriminierung auf der anderen.

Bei Betrachtung der Art und Weise, wie gegenwärtig sowohl die Politik wie die offiziellen Medien mit Kritik an den von ihnen vertretenen Positionen umgehen, dann wird sehr schnell deutlich, dass wir uns in keinem Diskurs mehr befinden, bei dem es um richtige, oder auch gute Positionen ginge, sondern um Rechthaberei und Diskriminierung. Die Beispiele dafür liefern leider nicht diejenigen, die die Handelnden kritisieren, sondern die Kritisierten selber. Diejenigen, die den Kurs der Regierung in der Ukraine kritisierten und tatsächlich viele gute Argumente anführten, wurden schlicht zu Russland- oder Putin-Verstehern erklärt, und schon erschien es überflüssig, sich noch mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen. Analog verhielt und verhält es sich mit der Kritik an der Europapolitik der Regierung, die viele Felder des gutgründigen Dissenses mit sich brachte, angefangen bei der Bankenrettung, weiter gehend über die bürokratische Zentralisierung und endend bei den Erweiterungsmaßnahmen ohne politische Qualitätssicherung. Alle, die sich damit ernsthaft auseinandersetzten, waren sehr schnell als Europa-Hasser identifiziert, mit deren Argumenten sich niemand mehr ernsthaft auseinandersetzen musste.

Das Herausstehlen aus einer Kontroverse, in der es jeweils um vieles geht, hat sicherlich etwas zu tun mit der Einführung inquisitorischer Denkweisen. Dieses Phänomen entstand nicht über Nacht, sondern es reifte in den Kreisen, die Politik nicht als das Spiel unterschiedlicher Interessen begriff, sondern sie als eine Konkurrenz moralischer Kategorien umdeutete. Mit dem Kanon dessen, was allgemein als political correctness bezeichnet werden kann, wurde ein moderner Hexenhammer etabliert, der es ermöglichte, sich nicht mehr mit den Inhalten von Kritik auseinandersetzen zu müssen, sondern der bei der Form ihrer Äußerung bereits stehen bleiben und Todesurteile aussprechen konnte. Insofern befindet sich die den gesellschaftlichen Diskurs führende Klasse rhetorisch wie bewusstseinsmäßig in einem Stadium mittelalterlicher Inquisition.

Der logische Schluss kann nur lauten, alle Hebel in Bewegung setzen zu müssen, um aufklärerischem Denken neue Foren zu geben und dem zeitgenössischen Obskurantismus Paroli bieten zu können. Das ist ein langer Weg, der viele Frustrationen mit sich bringen wird. Aber, das haben historische Vorlagen bereits an Erkenntnis geliefert, nach dem Dunkel kommt das Licht.

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6 Gedanken zu „Neue Inquisitoren

  1. Bludgeon

    DDR deja vu – die den Gorbikurs wollten waren erstmal Randalierer …

    „Wir brauchen keine Veränderung, denn wir stehen in der Staatengemeinschaft ambesten da.“
    Von wem könnte dieser Spruch sein? Hager/SED oder Schäuble/CDU?

    „Ja, wir stehen vor Herausforderungen, aber wir bewältigen sie.“ Von Krenz oder Lammert?

  2. sunflower22a

    Leider ist das „aufklärerische Denken“ weitgehend verschwunden, weil die sogenannten „Gutmenschen“ argumentieren nicht rational sondern moralisch. Damit fängt die Verblödung an. Es geht nicht mehr um Ökonomie, sondern um Moral. Hauptsache, der Aufsichtsrat hat eine Frauenquote – aber es ist kein Skandal wenn der Aufsichtsrat 200mal mehr verdient als die einfachen Angestellten. Wer das kritisiert, wird ganz schnell genauso mit dem Hammer der political correctness erledigt wie jemand der die Elite kritisiert. Das ist ein großes Problem.

  3. monologe

    Woher kam er nur, der Wunsch nach Aufklärung, Bildung, nach klugen Leuten, nach Geistigem, der ja einmal vorhanden gewesen sein muss, wenn man von einem „Rückfall ins Mittelalter“ spricht? Ich würde so weit nicht zurückgehen. Die widerlich arrogante Menschensorte, die sich da draußen spazieren- und aufführt, deren Zeit, als sie „ihre Pistolen in jeden besseren Kopf schossen“ (Brecht), liegt noch nicht so lange zurück.

  4. NEUE DEBATTE

    „Bei Betrachtung der Art und Weise, wie gegenwärtig sowohl die Politik wie die offiziellen Medien mit Kritik an den von ihnen vertretenen Positionen umgehen, dann wird sehr schnell deutlich, dass wir uns in keinem Diskurs mehr befinden, bei dem es um richtige, oder auch gute Positionen ginge, sondern um Rechthaberei und Diskriminierung.“ Das kann auch als Teil einer Systematik interpretiert werden, die sich praktisch verselbstständigt hat durch den Zwang, zu allem und jedem eine Meinung zu haben. Aus jeder Bagatelle, entsteht vermeintliche Wichtigkeit. Ein Satz, ein Wort, eine Geste. Das reicht schon aus, damit die vermeintlichen Meinungsmacher sich auf ein Feld begeben, dass von anderen vermeintlichen Meinungsmachern bestellt wird. Daraus entwickelt sich ein Dauerk(r)ampf um die Deutungshoheit ohne Sinn, da er keine Lösungen anstrebt und auch keine Anbieten. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern nur um das Wort des Wortes willen.

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