Armes Amerika

So geht es selbstverständlich auch. Man beginnt ein Spiel mit einer Variante, die nicht ganz koscher ist. Während der ersten Züge sieht das noch einigermaßen akzeptabel aus, aber je länger das Spiel dauert, desto verstörender wird es. Die Variante stellt sich sehr schnell als nicht akzeptabel heraus. Die Gegenseite ist ebenfalls empört, erkennt aber bald, dass sie von der schmählichen Weise des Counterparts profitieren kann. Dennoch, auch die inakzeptable Variante kann punkten und die Unterstützer dieser Nummer ordnen ihr eigenes Unwohlsein dem Zweck des Gewinnens unter. Aber immer wieder kommen Dinge zum Vorschein, für die sie sich eigentlich schämen müssten. Nicht, dass dieses Spiel eine besonders moralische Angelegenheit wäre. Es geht schließlich um Macht und Geld. Aber dennoch: jedes Spiel hat einen Codex. Und wer, je weiter das unwürdige Treiben geht, mit seinem eigenen Gewissen zu kämpfen hat, der sucht nach einem Grund, im letzten Moment noch aussteigen zu können, um nicht für das verantwortlich gemacht zu werden, was als Ergebnis auf der Tafel steht.

Die amerikanischen Republikaner haben mit der Figur des Donald Trump ein Spiel eröffnet, das eine Besonderheit mit sich bringt. Es könnte nämlich ihr letztes sein, wenn sie es nicht gewinnen. Die USA befinden sich in einer gewaltigen Transitionsphase, sozial wie demographisch, und die weißen Ostküsteneliten, für die auch Hilary Clinton steht, kämpfen ihre letzten Schlachten. Nun versuchen sie alle zu mobilisieren, die von Verlust- und Untergangsängsten geplagt oder bereits in den Schredder der Verwertungsmaschine geraten sind. Ein Teil des Mittelstandes existiert nicht mehr, auf der anderen Seite hat sich in den wertschöpfenden Sektoren der Wirtschaft und an den Universitäten, übrigens im Gegensatz zu Deutschland, die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur eine starke Gewerkschaftsorganisation und der politische Kampf dem freien Spiel der Kräfte Einhalt gebieten kann. Bernie Sanders von den Demokraten stand für diese Haltung.

Donald Trump, auf den sich die hiesigen Medien so gerne stürzen, stand von Anfang an für die nicht koschere Variante der Spieleröffnung. Dabei sollte bedacht werden, dass politisch noch weit schlimmere Prototypen bereit standen, die von ihrer politischen Programmatik Entsetzlicheres vertraten. Doch letztendlich entschieden sich die Republikaner für den Banausen, weil vieles den Anschein erweckte, dass er gut ankam und punkten konnte. Während des bisherigen Wahlkampfes hat er mit Provokationen und Dummheiten geglänzt. Sie waren furchtbar und es gab nur einen, der in den endlosen, seifigen Debatten dieser Kampfscheuche des untergehenden Republikanismus die Stirn bot. Es war der Vater des toten US-Soldaten, seinerseits Immigrant, der mit der amerikanischen Verfassung und den Menschenrechten gegen einen Schausteller zu Felde zog. Vielleicht wäre das das Format, das das Land angesichts seiner Situation brauchen würde. Aber davon ist weit entfernt.

Die Empörung, die jetzt auch aus den eigenen Reihen dem Kandidaten entgegenschlägt, weil ein Video aus dem Jahr 2005 aufgetischt wurde, in dem sich Trump als Sexist und Chauvinist gebärdet, ist reine Heuchelei. Die Distanzierung aus den republikanischen Reihen ist der Versuch, aus der ganzen Misere dieses Spielverlaufs wieder herauszukommen. Sie alle wussten vorher, wen sie da unterstützten und sie alle haben erst einmal darauf gesetzt, dass er punkten wird. Wieder einmal liefert das Land einen wunderbaren Beweis seiner Bigotterie. Die Alternative ist nicht besser. Armes Amerika.

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6 Gedanken zu „Armes Amerika

  1. Bludgeon

    Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben…. tja, der Besen läuft und läuft…wer übernimmt den Part des alten Meisters, der ihn abstellt?

    by the way, — hat nicht dieser unlängst verstorbene alte Kettenraucher aus Hamburg, um den es diesen poststalinistischen psychosektalen Personenkult immernoch gibt, St.Helmut von Haarspray, immer mal wieder getönt, wie toll doch so ein bloßes Mehrheitswahlrecht wie in USA ist, das das ewige Hinundher der beiden großen Volksparteien zementiert und Koalitionen erspart? Da kannste mal sehen, wie gut das is, dass der nicht alles durchgekriegt hat, was er gut fand.

    1. fredoo

      Nun ja … auf die Idee , dass die „Führungs“nation so weit auf den (Chauvi)-Hund kommen könnte , und die einzige Alternative eine „lets dron him“ Tussi ist , ist wohl der olle Schmidti in seinen Mentholdünsten nicht gekommen … es ist wohl tatsächliche der mögliche Gau dieses 2.Parteiensystems , wenn nur zwei völlig Inakzeptable zur Wahl stehen … Aber genau das scheint mir deutliches Symtom zu sein , für den inneren Zustand dieser „Führungs“nation , die ansonsten auch nur per Video dummdrögen Drohungsgeneräle zu bieten hat , deren IQ und vor allem EQ allein schon an der betonierten Mimik dieser erfolgreich gehirngewaschenen ScheinExistenzen von Mensch abzulesen ist . Sollten die sich auch noch als Klone erweisen … gute Nacht .

  2. sunflower22a

    Es ist wichtig zu betonen: niemand im Establishment der Republican Party wollte Trump. Niemand. Sie wollten Cruz, oder Jeb Bush, vielleicht Rubio, oder Ryan, aber keinen Außenseiter und Populisten. Das Drama der Republikaner ist, ein großer Teil ihrer Wähler laufen der Geldelite davon und finden plötzlich all die fundamentalisch-christlichen Werte nicht mehr so wichtig. Sie haben die Schnauze voll. Nie werden sie einen Cruz oder Ryan wählen, wenn Trump jetzt aufgeben würde. Sie werden auch nicht Clinton wählen, sondern gar nicht – und beim nächsten Mal sieht es ganz anders aus. Ja, die Republikaner sind am Ende. Die Democrats in 4 Jahren auch. Gut so. Was danach kommt, wissen wir alle nicht. Es kann besser werden oder schlimmer. Aber es wird nicht mehr so sein wie jetzt.

  3. NEUE DEBATTE

    Eine interessante Analyse. Es sollte erwähnt sein, dass Bernie Sanders vor allem die jungen Menschen, die die europäischen Ideen u.a. des Sozialismus als überlegenswert entdecken, mobilisiert hat, um sie dann mit seiner Clinton Empfehlung merklich vor den Kopf zu stoßen.

  4. gkazakou

    Mir fällt dazu ein, dass ein amerikanischer Präsident einst bejubelt wurde, als er sich als Berliner bezeichnete. Armes Berlin!

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