Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

Gestern hat jemand den Nobelpreis für Literatur erhalten, der nicht nur wegen seiner Worte eine besondere Gestalt ist. Wenn jemand die Kunst des sich selbst Neuerfindens beherrscht, dann Bob Dylan. Der Slogan, der seit Jahren immer wieder in Sinnkrisen auftaucht, ist zu einem zentralen Begriff der Postmoderne geworden. Sobald die Koordinaten früherer Selbstdefinition nicht mehr greifen, sobald die Sinnhaftigkeit eines Gebildes einstürzt, sobald der Zweck der Veranstaltung nicht mehr vermittelbar ist, dann kommt der berechtigte Ruf nach Neuerfindung. Bob Dylan, um ein letztes Mal in diesem Kontext darauf zurückzukommen, hat allerdings die Chuzpe besessen, sich neu zu erfinden, wenn andere noch gar nicht bemerkt haben, dass es demnächst bröckeln könnte. Insofern gehört er zur Avantgarde of Reinvention. Aber das nur nebenbei.

Kürzlich, bei einer Veranstaltung, in der es darum ging, moderne Steuerungsphilosophien für Städte zu entwerfen, tauchte der Begriff unweigerlich wieder auf. Und, betrachtet man die Identitäten von Städten, so wie sie häufig gewachsen sind, so sind es romantisierende Retrospektiven, die wenig Potenzial aufweisen, um in die Zukunft zu blicken. Der Begriff, der der Neuerfindung am nächsten steht, was seine praktische Konsequenz anbetrifft, ist der der Strategie. Wie viele Begriffe vor ihm ist auch er durch die Trommel der Inflation gelaufen und etwas abgestumpft, aber die Idee dahinter ist dieselbe. Städte, die eine tatsächliche Strategie haben, nicht irgendein Marketingmassenprodukt der Neuzeit, sind sehr gut gerüstet, um sich neu zu erfinden. Denn die Strategie beinhaltet immer eine Heerschau der eigenen Kernkompetenzen und eine genaue Revision der schlummernden Potenziale. Wer beides zu mobilisieren in der Lage ist, vermag regelrechte Quantensprünge zu vollziehen. Nur so ist zu erklären, wie einstige Metropolen, die jahrzehntelang am Boden lagen, plötzlich wieder wie glühende Sterne an den Himmel schießen und andere dagegen nie wieder hochkommen.

Eingangs war der singende Poet erwähnt worden. Damit ist das Feld auch vorgezeichnet für das Individuum in der Moderne und was danach kam. Die eine Bestimmung, die ewig dazu ausreichte, um durch ein langes Leben zu kommen, diese eine Bestimmung reicht heute nicht mehr lange aus. Schon heute gehen Menschen in Rente, die ohne Jobhopper oder undisziplinierte Seelen zu sein, mit drei, vier oder fünf unterschiedlichen Berufsbildern ihre Existenz bestritten haben. Für sie war es eine soziale Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und zu definieren. Und auch diese Individuen konnten dabei auf ihre Kompetenzen wie Potenziale setzen. Der Mensch, der sich ändert und sich immer wieder neue Identitäten verschafft, ist der Prototyp unserer Tage. Nicht, dass es nicht auch immer noch den anderen Weg gäbe, aber der Trend spricht für den ständigen Wandel, auch beim Individuum. Nur wer sich ändert, schrieb ein anderer Barde, nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Und wenn es Individuen wie Städten so ergeht, dann sind Organisationen im Allgemeinen und politische Parteien im Besonderen davon nicht ausgeschlossen. Auch sie müssen sich immer mal wieder neu erfinden, weil die soziale Zusammensetzung und die dazu gehörigen Ausdrucksformen in der Gesellschaft ständigen Wandlungen unterzogen sind. Bei genauer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Erfordernis der Neuerfindung an vielen Dingen scheitert. Die Parteien hängen wie die letzten Romantiker an ihren Gründungsmythen, auch wenn sie de facto schon lange dafür keine praktische Verwertung mehr haben. Insofern lahmen sie den allgemeinen Trends gesellschaftlicher Veränderungen beträchtlich hinterher. Dafür werden sie von allen, die sich im Trend befinden, zunehmend verachtet. Ein Versuch, sich neu zu erfinden, wäre es allemal wert.

Advertisements