Eine Visite im Kalten Krieg

Steven Spielberg. Bridge of Spies – Der Unterhändler

Dass man sich in Hollywood des Kalten Krieges erinnert, mag in den sich mehr und mehr zuspitzenden Szenarien der alten Kontrahenten USA und Russland kein Wunder sein. Wenn sich ein Steven Spielberg der Sache annimmt, kann man sich jedoch beruhigenderweise sicher sein, dass daraus kein die Klischees bedienender Schwarz-Weiß-Film entsteht, in dem das Gute in Washington und das Böse in Moskau beheimatet ist. In dem 2015 erschienenen Film Bridge of Spies – Der Unterhändler geht es, wie es im Titel bereits anklingt, um den Austausch von gefangenen Spionen bzw. wichtigen Informationsträgern der jeweils anderen Seite.

Der Handlungsrahmen, dessen Kenntnis das Erlebnis der Betrachtung in keiner Weise trüben wird, ist recht simpel und dokumentiert bereits gerade damit, wie brisant die Zeiten waren, die da thematisiert werden. Ein russischer Spion wird in den USA verhaftet und ein renommierter Anwalt aus einer Kanzlei, die sich vornehmlich mit Versicherungsfällen beschäftigt, wird von den amerikanischen Behörden gefragt, ob sie die Verteidigung des Delinquenten übernehmen will. Die Wahl fällt auf einen Schadensspezialisten namens Donovan, der von Tom Hanks dargestellt wird. Dessen Steckbrief ist einfach beschrieben: amerikanischer Mittelstand, Glaube an die Verfassung und das Gute im Menschen. Donovan wird sich schnell der Absurdität der Situation bewusst, denn einerseits wurde er engagiert, um der Öffentlichkeit einen ordentlichen Prozess vorweisen zu können, andererseits muss er mit ansehen, dass niemand einen ordentlichen Prozess wünscht. Schnell wird der seriöse Anwalt Donovan zum vermeintlichen Querulanten und zu einer öffentlich gehassten Person.

Der russischen Spion, und das ist ein Verdienst des Anwalts, wird nicht zum Tode verurteilt, sondern bekommt eine dreißigjährige Haft. Das Kalkül, das sich der Richter nach einem Dialog mit Donovan zueigen gemacht hat, bezieht sich auf die vielleicht auftauchende Möglichkeit eines Austausches, sollte die Sowjetunion selber amerikanischer Agenten habhaft werden. Und das geschieht schneller als gedacht, als ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug mit neuem Aufnahmeequipment über sowjetischem Hoheitsgebiet abgeschossen und der Pilot, der sich retten kann, gefangen genommen wird. Da tritt der amerikanische Geheimdienst wieder an den Anwalt heran und beauftragt ihn, selbstverständlich ohne offizielles Mandat, nach Ost-Berlin zu gehen und mit den Russen über einen Austausch zu verhandeln.

Der Film entwickelt sich zu einer Zeit- wie Charakterstudie der handelnden Personen und Parteien. Sehr differenziert werden die immer kurz greifenden Motive der amerikanischen Seite dargestellt und ein Bild gezeichnet von den verwinkelt wirkenden Motivationszügen der Russen wie der Deutschen. Da geht es nicht nur um einen Deal, da geht es auch um Protokoll und Reputation, da geht es um lässliche wie unbedingt zu vermeidende Gesten. Und da geht es um Diplomatie jenseits des Protokolls, die das heute handelnde Personal kaum noch zu kennen scheint. Hanks stellt diesen Anwalt als weich und naiv wirkend, aber ungemein hartnäckig dar und das Personal, dass sowohl die russische wie die deutsche Seite spielt, hat zumeist einen deutschen Paß, was vielleicht daran liegt, dass es bis heute in Hollywood nur zur Darstellung der totalitären Welt engagiert wird. Letztendlich kommt es kurz nach dem Bau der Mauer zu einem Austausch auf der bis heute im Volksmund als Agentenbrücke bezeichneten Glienicker Brücke.

Das Gefühl, das der über zwei Stunden dauernde, völlig ohne Action konzipierte und niemals langweilige Film hinterlässt, ist eine tief eingeritzte Nachdenklichkeit. Über Gut und Böse, und über die Widersprüchlichkeit der Welt. Deshalb ist er sehr zu empfehlen.

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Ein Gedanke zu „Eine Visite im Kalten Krieg

  1. guinness44

    Ich hatte mich wirklich auf den Film gefreut. Fand ihn aber langweilig. Deine Beschreibung ist insoweit treffend.

    Der russische Spion war meiner Meinung nach der beste Charakter. Besonders auf die Frage von Hanks, ob er denn gar nicht nervös sei?

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