Lernen durch Paradoxien

Je erdrückender die Komplexität, desto größer der Wunsch nach Vereinfachung. Jede mehr vereinfacht wird, desto destruktiver werden die Szenarien. Und es dauert nicht lange, bis auch die ungelenksten Geister bald erkennen, dass der Weg der Vereinfachung nicht zielführend ist. Er folgt einem immer stärker werdenden Bedürfnis, ja, aber er führt zu keiner Lösung. Die Vereinfachung wirkt wie billiges Crack: Sofort ändert sich die Wahrnehmung, aber es dauert auch nicht lange und alles erscheint noch schlimmer als vorher. So werden Wahrnehmungsapparate zerstört und es scheint nur noch radikalere Lösungen zu geben.

Die erste, naheliegende, ist immer die beste, auch wenn sie nicht die einfachste ist. Im Falle wachsender Komplexität lautet die Lösung Eins: Sei in der Lage, die Komplexität zu beschreiben, sei in der Lage, sie auszuhalten, sei in der Lage, sie zu analysieren, sei in der Lage, die Kausalitäten zu erkennen und sei in der Lage, eventuell einen Gegenentwurf zu zeichnen. Das alles ist nicht einfach, nein, wahrscheinlich handelt es sich bei der ersten gleich um die schwierigste Option. Nur wer die Komplexität erklären kann, wird sich in ihr zurechtfinden und nur wer sich in ihr zurechtfindet, wird sie durch eine neue Ordnung auflösen können.

Die zweite Lösung wäre die bewährte, die wir alle kennen, die aber zu nichts führt. Es ist die Reduktion der Komplexität auf einen einzigen, eindimensionalen Sachverhalt und die Emotionalisierung der Wirkung. Zuweilen nennt man diese Methode auch Propaganda, weil sie am Ende immer den Weg der Verwerfung beschreibt. Da gibt es immer Schuldige und Opfer, immer hochrangige Akteure und Halbintelligenzler, immer Hass und Ressentiment. Warum die Karte der Vereinfachung bei so vielen negativen Resultaten immer noch sticht? Weil der homo sapiens ein fauler Hund ist und sich nicht um das Schicksal anderer kümmert.

Eine weitere mögliche Lösung wäre die wohl elaborierteste, aber sie setzte wahrscheinlich zu viel voraus. Nach ihr müssten nämlich nahezu alle in der Lage sein, das Geschehen zu begreifen und andere, entlegene Formen der Interpretation als Teil eines Spieles zu betrachten, das gut ausgehen wird. Bei den ständig präsenten Ängsten aller Spieler eine wohl kaum akzeptable Voraussetzung. Der Lösungsfunke wäre die paradoxe Intervention. Sie wäre, rein pädagogisch, in der Lage, anhand ihres Verlaufes zu illustrieren, worin das Wesen des Problems besteht und wie es mit einfachen Mitteln zu lösen ist. Insofern ist die paradoxe Intervention keine Lösung, sondern der Hinweis auf eine mögliche Lösung.

Kürzlich stand die Empfehlung einer paradoxen Intervention sogar in der Zeitung. Um der russischen Propaganda am besten begegnen zu können, solle man allen russischen Staatsbürgern die freie Einreise in die EU gewähren. Das ist schlau, und das lässt sich auf vieles übertragen. So könnten die 13 Prozent Zinsen, welche der IWF und die EU-Kreditinstitute aus den griechischen Krediten erhalten, auch den anderen Kunden dieser Banken gewährleistet werden. Oder man könnte über Nacht das Gesundheitswesen der Bundesrepublik privatisieren, um ein Gefühl darüber aufkommen zu lassen, wie sich das anfühlt. Analog könnte es mit Schulen gehen. Oder die Puerto Ricaner könnten ihren Staat via Volksabstimmung über Nacht zu einem souveränen eigenen Gebilde machen, und wir könnten sehen, wie die USA als Hüter des Völkerrechts damit umgingen. Analog dazu könnten Waffenlieferungen an ISIS durch NATO-Mitglieder geächtet werden. Denn die wahre Friedenspolitik ist mittlerweile zum größten Paradoxon des Westens verkommen.

Die Möglichkeiten der Paradoxien wären unendlich, die Lernfelder so groß, dass sie die Komplexität gewaltig relativierten.

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3 Gedanken zu „Lernen durch Paradoxien

  1. Anna Torus

    Zu verstehen, dass viele Sachverhalte und Probleme komplex sind, ist sehr wichtig. Allerdings dürfen wir bei aller Notwendigkeit, darauf zu achten, nicht zu vereinfachen, nicht das Einfache als solches schon diskreditieren. Denn „nichts ist einfacher als das Komplizierte“: Gerade in komplexen Strukturen steckt als Essenz oft eine einfache Wahrheit. Das Bewusstsein der Komplexität soll uns nicht davon abhalten, eine Wahrheit dort zu erkennen, wo sie wahr ist – obwohl sie einfach ist. Vorausgesetzt natürlich, wir haben uns vorher die Mühe gemacht, wirklich tief in eine Sache einzusteigen und können auch die nötigen Argumente dafür vorbringen.
    In unseren „postmodernen“ Zeiten gibt es eine Tendenz zur „Überdifferenzierung“, zur übermäßigen Zerteilung und Analyse, die gar keine Zusammenhänge mehr sehen kann oder will. Diese stellt neben dem oberflächlichen Urteil das Andere Extrem dar. Der Sinn und Zweck von Differenzierung sollte gerade, wenn auch mittelbar, sein, Verbindungen herzustellen und Verständnis zu schaffen. Eine Haltung, die mir oft begegnet, ist diese: „Das kann ja gar nicht sein, das ist zu einfach.“ – was selbst ein oberflächliches Urteil darstellt.
    Ich merke das nur an, weil manchmal bestimmte Ansätze zu Unrecht als „vereinfachend“ abgestempelt werden.

  2. monologe

    Wäre diese „Komplexität“ wahr, so wäre unwahr, dass mans im Grunde immer mit Pferdehandel zu tun hat. Womit also sonst? Aha, mit „Komplexität“. Schau wies Schwein ins Uhrwerk. Diese „Komplexität“ ist wohl in etwa das, was früher das Ende der Welt war, bevor die Erde rund wurde, das geozentrische Weltbild ausging und Amerika entdeckt wurde: das Jenseits. Aber da waren gewisse andere Völker schon weiter. Bei uns wurde es „komplex“, und es ist ja bekannt, dass man seine Komplexe pflegt. Denn was wäre man, wäre man nicht ein schwieriger Fall? Oder ist es so etwas, wie das, dem Einstein die Komplexität genommen hat, indem er sie auf eine Formel brachte E=mc²?

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