Die Fähigkeit zur Erkennung des Wahren

Wie lange halten sich eigentlich Durchhalteparolen, wenn deutlich wird, dass ihre Essenz längst nicht mehr der Wirklichkeit entspricht? Wie fühlt es sich an für diejenigen, die entscheiden müssen, ob sie denen, die sie gewählt haben, weiter vertrauen sollen, wenn ihnen klar wird, dass nichts von dem, was sie tatsächlich beobachten, mit der Erzählung übereinstimmt, die ihnen täglich von neuem kredenzt wird? Das kommende Jahr wird zeigen, wie das ist, wenn die erzählte Geschichte nicht mit der gemachten Erfahrung übereinstimmt. Eine Momentaufnahme zeigt, dass das Bild, das routinemäßig immer wieder versucht wird zu erzeugen, gewaltig bröckelt.

Die demoskopischen Institute, jene Drogenschmieden für die Mandatsträger, geben zur Zeit hinlänglich Ergebnisse ihrer regelmäßigen Befragungen bekannt, die die These berechtigt erscheinen lassen, dass die Erzählung von den Werten, die die Politik dieser Republik vermeintlich leiten, gewaltig ins Schlingern geraten ist. Denn den Befragten, d.h. den Wählerinnen und Wählern ist seit langem bekannt, dass in Griechenland keine Rettungspakete für ein Land, sondern Zwangskredite für die Rettung Hasard spielender Banken in der Wirkung sind. Ihnen ist bekannt, dass in der Ukraine keine lupenreinen Demokraten im Kampf gegen Russland unterwegs sind. Ihnen ist ebenso bekannt, dass in Syrien nicht der Menschenfresser Assad der alleinige Verursacher des ganzen Leids ist, sondern auch vom Westen unterstützte Terrorgruppen. Sie wissen, dass aus ihrem Land seit Jahren diejenigen mit Waffen beliefert werden, die zu Recht als Kriegstreiber identifiziert sind. Ihnen ist bekannt, dass es bei den Freihandelsabkommen, die in der EU so holprig eingespielt werden, starke Lobbys ihre Interessen zur Geltung bringen. Und ihnen ist bekannt, dass Hillary Clinton mit ihren Aussagen sehr für die Prognose weiterer kriegerischer Handlungen in Europa und im Nahen Osten steht.

Dennoch herrscht, sowohl bei den offiziellen Sprechern der Bundesregierung als auch bei den sie unkritisch folgenden Leitmedien der Tenor vor, wir, d.h. der Westen, seien die Guten, die sich in der international sich immer mehr zuspitzenden Lage für die Werte von Demokratie und Menschenrechten einsetzten, währen der Rest der Welt dominiert wird von manischen Egoisten und grauenhaften Zeitgenossen. Kurt Tucholsky hat einmal den folgenschweren Satz formuliert, dass das einfache Volk in der Sache meistens falsch liege, vom Gefühl her aber eine beachtenswerte Fähigkeit zur Erkennung des Wahren in sich vereine. Die Ergebnisse der Demoskopen scheinen diese These zu bestätigen. Das Kartenhaus der moralgetriebenen Politik ist längst zusammengebrochen, nur im gar nicht so idyllischen Berlin ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.

Nun kann man die Schuld, was für ein schreckliches Wort in unserem Wirkungskreis, man kann die Schuld bei denen suchen, die die Akteure nicht triezen und ständig mit den Erkenntnissen konfrontieren, die längst Gemeingut sind. Es wäre ein Plädoyer mit dem Phänomen der Lügenpresse, seinerseits einem Hetzbegriff aus anderen Zeiten, die keiner mehr so haben will. Und natürlich hat das vor langer Zeit bereits eingeschlafene Staatsmonopol der Berichterstattung seine kritische Sicht sträflich vernachlässigt. Aber auch der gute Ton und die gute Atmosphäre, die immer dann noch herrscht, wenn gelogen wird, dass sich die Balken biegen, haben ihren Teil dazu beigetragen, dass viele Mandatsträger immer noch glauben, sie könnten ihre verzerrenden Märchen immer weiter erzählen, weil niemand etwas merkt. Da scheint nur noch zu helfen, die gute Stimmung bei jeder Gelegenheit zu verderben, bei der dieser Versuch unternommen wird. Nicht erst bei der Wahl, sondern bereits jetzt. Sonst sehen sich die Enttäuschten letztendlich noch mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten irrational gehandelt.

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3 Gedanken zu „Die Fähigkeit zur Erkennung des Wahren

  1. alphachamber

    In Ihrem Essay findet sich das gesamte Elend deutscher Politik.
    Die social media hat entscheidend dazu beigetragen, den Verstand und die Vernunft durch Emotionen zu ersetzen. Diese Dinge wurden von den besten Köpfen schon im 19./20. Jahrh. beschrieben; die Auswirkungen sind nun in vollem Gang: Kein Volk der Erde sägt so „kompetent“ an seinem eigenen Ast wie die Deutschen.

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