Linie 1

In meiner Stadt fährt die Straßenbahnlinie 1 vom Zentrum in den Norden. Sie durchläuft verschiedene, historische Arbeiterviertel, die sich sehr verändert haben. Nach dem Zentrum, gleich über den Fluss, passiert sie ein Viertel, das heute sowohl prekär als auch in hohem Maße juvenil und akademisch ist, dann kommt ein großes, traditionelles Arbeiterviertel und an der Endstation ist für viele sozial tatsächlich Endstation. Hier wohnen die Verlierer des Kampfes um das goldene Kalb, wer hier einmal gelandet ist, der kommt so schnell nirgendwo anders mehr hin. Die Stadt ist insgesamt sozial sehr durchmischt, was ihr gut tut. Auch im Süden existieren Arbeiterviertel, im Osten des Zentrums und einigen kleineren Stadtteilen residiert die Bourgeoisie.

Warum ich das erzähle? Weil die Linie 1 für mich ein Symbol für das Auseinanderdriften der Gesellschaft geworden ist. Nicht nur sozial, da gab es auch schon härtere Zeiten, aber auch und vor allem bildungsfähig, sprachlich und kommunikativ. Das Aufwachsen in unterschiedlichen Sozialmilieus war nämlich noch nie so trennscharf wie heute. Junge Menschen, die in den Residenzstraßen der Bourgeoisie groß werden, treffen nirgendwo mehr auf die, die an der Endstation der Linie 1 aufwachsen. Da wird mittlerweile schön separiert. Es existieren in den besseren Vierteln bereits Kindergärten, in denen die Eltern zu Auswahlgesprächen erscheinen müssen, da wird ihr Bildungshorizont genauso gecheckt wie ihr ethnischer Background und ihr Kontostand.

Die Kinder, die dort aufgenommen werden, lernen nicht nur sofort eine zweite, manchmal sogar eine dritte internationale Verkehrssprache, spielen Musikinstrumente und sind bereits zuhause in den Kategorien der Literatur. Manchmal korrespondiert diese hohe, frühe Bildung nicht einmal mehr mit den Grundlagen der zivilisatorischen Disziplinierung der Grundbedürfnisse, aber so ist das nun einmal. Diese Kinder werden mit der Luxuslimousine gebracht und mit dem SUV abgeholt und wenn es über die institutionell vermittelte Kommunikation noch eine weitere gibt, dann nur mit sozial analogen Exemplaren. Um es deutlich zu sagen: Noch nie wuchsen Kinder in derartig artifiziellen Labors auf und noch nie konnten sie sich in einer Stadt wie meiner dem Erfordernis entziehen, sich auch mit Vertretern anderer sozialen Gruppen und Klassen auseinandersetzen zu müssen.

Die Kinder, die an der Endstation der Linie 1 aufwachsen, entstammen zumeist Verhältnissen, die von einer feigen Gesellschaft, die das Elend nicht mehr beim Namen nennt, als prekär bezeichnet werden. Um es deutlich zu sagen: es handelt sich um arme Leute, die zumeist von Gelegenheitsjobs und staatlichen Zuwendungen leben. Oft leben sie bei Alleinerziehenden, für die der Spagat zwischen Kindeserziehung und Broterwerb nicht einfach ist. Und sie verbringen viel Zeit auf der Straße. Dort lernen sie vieles, was nützlich ist, aber auch manches, was ihnen das Leben noch schwerer machen kann. Ihre Sprache ist vom Dialekt gefärbt und vom Jargon durchdrungen.

Die beiden beschriebenen Lebenswelten und ihre gesellschaftliche Inszenierung haben zur Folge, dass die Kinder und Jugendlichen aus beiden Milieus wohl nicht mehr miteinander kommunizieren können. Bei der Schilderung dieser dramatischen Verhältnisse, die zu einer grundlegenden, nicht zu überbrückenden Verwerfung in der Zukunft führen wird, ernte ich immer wieder ungläubige Blicke. Letztendlich ist es eine Frage, die vielen Optimisten die Sicherheit nimmt. Es ist die, ob sie glauben, dass die Kinder aus den edlen Welten, wenn sie im Zentrum die Linie 1 bestiegen, jemals unbeschadet an der Endstation ankämen. Das bringt dann doch viele zum Nachdenken.

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9 Gedanken zu „Linie 1

  1. Bludgeon

    Die „ungläubigen Blicke“, die du da am Schluss erwähnst, sind totsicher nur gespielt. Ich kenne dieses Phänomen aus eigener Erfahrung bei anderen Themen. Das ist das Vogel Strauß Prinzip: Kopf in den Sand. Was ich nicht sehe, ist nicht da. „Et is noch ümmeor juhtjejaoange.“
    Da wird ignoriert, oder zweckoptimiert herumgelogen, dass sich die Balken biegen … das ist auch ein Trend der Zeit oder vielleicht eine Frage des Alterns: Zum Schluss will man ja seine Ruhe haben – also muss einfach alles schön sein. So tickten ja auch die alten Säcke von Wandlitz dereinst.
    Dann preist man auch das Märchen von der Ganztagsschule so dermaßen wider alles Erleben! Damit die kleinen Assis nicht über Stunden in den Bushaltestellen abhängen, gammeln se nu halt zusammen mit den privilegierteren Klassenkameraden in Schulhofnähe im „Mittagsband“ schon mal „vor“: Freizeitklau statt Anleitung zu sinnvoller Freizeitgestaltung soll’s nun bringen.
    Wir brauchen wieder das alte Ladenschlussgesetz, damit Familienleben wieder möglich wird. DIese auswuchernden Überstunden offiziell nur halbtagsbeschäftigter Mütter muss ein Ende haben. Außerdem muss natürlich investiert werden in solche Kampagnen: Junge Eltern Handy aus – redet mal wieder mit euerm Kind! (wie neulich in der ZEIT beschrieben) usw.

  2. aquasdemarco

    An dem Ende unserer Strassenbahn 1 ist nichts, davor Krankenhaus und Friedhof, am Anfang steht eine grosse Schule, in der fast alle Schüler einen Imigrationshintergrund haben.
    Etwas weiter ist eine Waldorfschule, die Kinder kommen von weit her, aus den Speckgürteln, wenige fahren mit der 1

  3. autopict

    Ich komme recht regelmäßig in ganz unterschiedliche Stadtteile der Großstadt in meiner Nähe, und da fällt mir eben ähnliches zunehmend auf. Da gibt es die teuren Nobelviertel und die Problemstadtteile. Und überall wird gebaut. Im einen Teil extrem teurer Wohnungsbau, aber qualitativ eben auch nicht überragend, im anderen Viertel einigermaßen aktueller Geschosswohnungsbau, teils sogar ruhiger gelegen. Aber wer zieht da hin? Das ist doch vorgegeben? Und wenn ich Investor wäre, würde ich dort investieren? Da kommen dann Fragen auf, deren Antworten ich eben auch nicht hören möchte. Sind das gewachsene Probleme oder ist das die Folge der aus dem Ruder gelaufenen Stadtplanung? Weil, wie das Haus eine Fassade hat, hat auch das Stadtbild eine Fassade, die etwas versteckt oder eben nur täuscht. Da bleibt manches auf der Strecke. Hätte man überhaupt eine Chance dies zu ändern und wenn dann klappt dies nur langfristig oder sind die jeweiligen Bewohner vielleicht gar nicht interessiert? Vielleicht ist die Integration keine Frage des Migrationshintergrundes sondern eine Frage des Bildungshintergrundes? Was auffällt, im Nobelviertel sieht man wenig Menschen auf der Straße, im Problemviertel viele, die meisten starren nonstop auf ihr Mobiltelefon in der einen Hand, in der anderen Hand eine Plastiktasche, ein Kinderwagen oder sonst was. Im Nobelviertel erfolgt die Erziehung in aufeinander abgestimmten Events, die Straße kennen Kinder nur durch die Fensterscheiben des Autos, im Problemviertel hängt man auf der Straße ab und setzt sich durch.
    Ein wenig wehre ich ich mich immer gegen dieses SUV-Gehabe (nein, ich fahre keinen). Unabhängig vom Auto werden Kinder gerne mit eben diesem in Kiga und Schule gefahren und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, manche sind sogar nachvollziehbar.
    Naja, da gäbe es noch vieles zu sagen, ich verweise mal wieder auf Carpenters ‚Die Klapperschlange‘ und ‚Soylent Green‘.
    Alles nur HokusPokusWahrsagerei möchte man meinen.

  4. entdeckeengland

    Lieber Gerd, das ist meiner Meinung nach eines der größten und auch am schwierigsten zu lösenden Probleme. Denn, wenn Du die Wahl hättest, auf welche Schule würdest Du Dein Kind schicken: die gutbürgerliche mit kleinen Klassen und gut ausgebildeten Lehrern oder auf die Schule im ärmeren Stadtviertel, wo die Lehrer oft überlastet sind und nicht ausreichend unterstützt werden, um die häufig größeren Herausforderungen zu überwinden? Liebe Grüße, Peggy

  5. fredoo

    Ich hatte diese Wahl gar nicht , mit einem Sohn extremster Legastenie und Diskalkulie , der dann trotz hohem IQ ( oder gar wegen ? ) nur mit viel Mühen überhaupt einen (miesen) Hauptschulabschluss hinbekam … was mich mit meinem bürgerlichen Bemühen um Unterstützung enorme Nerven ( und manchmal auch Tränen ) und diverse 10.000e an Nachhilfe kostete ( eigentlich voraussehbar vergeblich ) … und ihn in einen Klassenverband verschlug , in dem er mit einem anderen Mädel die deutsche Aufgabe der Integration von 26 anderen Kindern aus 14 Ethnien erfüllen sollte …
    Tja , was lässt sich jetzt in Rückschau dazu sagen ?
    Er hat es überlebt , hat seinen Weg trotzdem (halbwegs) gefunden .
    Wurde jedoch , trotz vielfältiger „multikulti“ Freundschaften aus dieser Zeit ( oder gar wegen ? ) zu einem großen und engagierten Kritiker dieser übermäßigen Einwanderung von zu stark konträr Fremden … er hat es tatsächlich am eigenen Leib erfahren ( wortwörtlich , solange bis er seinen athletischen Körper zur Verfügung hatte ) was es heißt , in Minderheit in einer Situation zu (über)leben , die eigentlich erstmal vertrauensvolle Geborgenheit hätte bieten müssen.

  6. oliver2punkt0

    Der Beitrag ist klasse und hart an der Realität – will heißen: genau das ist das Problem, welches irgendwann zu einem größeren Problem wird.
    Ich bin in der Großstadt aufgewachsen – untere Kante der „Mittelschicht“. Wir Kinder kannten gar keine Schichten. Wir spielten, schlägerten oder lachten – immer alles gemeinsam. In der Nachbarschaft, also ein paar Straßen weiter, lebten die ärmsten der Armen. Meine Mutter lacht noch heute, wieviele Kinder ich immer zum Essen angeschleppt habe, weil es dort zuhause nichts gab.
    Das hat mich geprägt und dafür bin ich dankbar. Solche Erfahrungen dürften den jungen Großstädter heute fehlen. Auf dem „Land“ wo ich jetzt wohne ist es noch so wie bei mir damals. Die Schichten gibt es nur beim Hausbau und beim Auto. Auf der Straße sind die Kinder gleich.
    Danke für Deinen Artikel! Oliver 2.0

  7. almabu

    Wohl jeder von uns kennt so eine Stadt und deshalb war es ein guter dramaturgischer Kniff ihre Allgemeingültigkeit durch das Weglassen ihres Namens zu unterstreichen, hervorzuheben!

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