Die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität

Die Bevölkerung von Sankt Petersburg und dem zwischenzeitlich identischen Leningrad hat wahrlich einiges erlebt, was weltgeschichtlichen Rang hat. Von der Oktoberrevolution und dem sie besiegelenden Sturm auf das Winterpalais bis hin zu der Belagerung im II. Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht. Bei dem erst erwähnten Ereignis ging es der Zarenfamilie an den Kragen, bei dem zweiten verhungerten mehr als eine Million Bürger der Stadt. Wenn etwas anhand der Geschichte dieser Stadt dokumentiert wird, dann, wie teuer der Preis für die historische Dimension sein kann. Es zeigt aber auch noch etwas anderes: Es gibt Orte, an denen verschiedene Welten aufeinanderprallen, an denen die Widersprüche zum Tanzen gebracht werden und immer wieder etwas Neues entsteht. Einmal zum Entsetzen aller, einmal als Hoffnungssymbol am Horizont einer düsteren Welt.

Sankt Petersburg/ Leningrad gehört dazu, denn hier war nicht nur der Bolschewismus siegreich, sondern auch die Literatur, hier spielt Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Schostakowitschs 7. Sinfonie. „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt…“  Die Uraufführung der Siebenten Sinfonie fiel in die Zeit der Belagerung der Stadt und der schlimmen Hungersnot. Die Uraufführung konnte keine dramatischeren Umstände finden als sie es tat und die sterbende, aber lebenswillige Bevölkerung lauschte den Klängen.

Wenn man so will, so wurde in Sankt Petersburg ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen, als die Matrosen sich mit den revolutionären Fabrikarbeitern vereinigten und Lenin auf dem finnischen Bahnhof aus dem Schweizer Exil zurückkam und die bedingungslose Revolution forderte. Und, gute zwanzig Jahre später, wurde ein anderes Kapitel der modernen Geschichte auch wieder beendet. Die Blockade Leningrads, die vom September 1941 bis zum Januar 1944 andauerte, war die letzte große kannibalische Handlung des deutschen Faschismus. Der Untergang der 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad war die eine, militärische Komponente, die zum Untergang des deutschen Faschismus in der Sowjetunion führte. Das Durchhaltevermögen der Bewohner Leningrads war die andere, moralische Bezwingung des Monsters.

Was passiert mit dem kollektiven Bewusstsein einer Stadt, die auf derartige Ereignisse zurückblicken kann? Haben Revolution, Hunger, Massensterben und Überleben eine Auswirkung auf das Denken und Fühlen in der heutigen Zeit? Wer diese Fragen stellt, wird sie schnell beantwortet sehen, denn die Antwort lautet Ja. Jede Stadt hat ihre Geschichte, und Städte, in denen Geschichte intensiv gelebt wurde, haben eine besondere Mentalität entwickelt, die über große historische Zeiträume wirken. Noch heute vollbringen Römer die Vereinigung von großer Geste und Improvisation, noch heute betrachten die Pariser ihre Stadt asl das eigentliche Zuhause von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch heute wähnen sich die Londoner als die Broker der ganzen Welt, noch heute feiert sich New York als gemeinsame Lebenselite. Die Liste kann unbegrenzt fortgesetzt werden, die Metropolen haben Geschichte und Charakter und beides wird gespeist durch ein kollektives Gedächtnis wie Bewusstsein.

Wer da glaubt, durch zeitgebundene Interpretationen die Kraft dieses kollektiven Bewusstseins durchbrechen zu können, der ist gewaltig auf dem Holzweg. Und wer dieses aus einer Distanz erlebt, die weit entfernt ist von dem, was diese Städte geprägt hat, der wird so manchen Unsinn glauben, aber kaum in der Lage sein, die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität zu begreifen. Letzteres wiederum ist ungemein gefährlich, weil es Naivität gegen Identität mobilisiert.

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