USA: Hysterie noch untertrieben

Die Reaktion auf den Wahlausgang in den USA mit Hysterie zu bezeichnen, ist wahrscheinlich noch gemäßigt. Ein brachialer Aufschrei erschüttert die deutschen Medien und die sozialen Netzwerke und es scheint, als wäre Adolf Hitler persönlich der Gruft entstiegen und hätte sich als neuer amerikanischer Präsident verkleidet. Ehrlich gesagt, was mich mehr entsetzt, ist die Wirkung der hierzulande gezielt eingesetzten Meinungsmache, die brillant zu funktionieren scheint. Was alles in Europa und an seinen Grenzen wurde hier in den letzten Jahren hingenommen, ohne dass die jetzigen Entsetzer auch nur einen Ton von sich gegeben hätten? Schweigen herrschte bei Aggressionen und Ungerechtigkeiten, kriegerischer Handlung, Waffenhandel, Pauperisierung und jetzt, plötzlich, wird dieses Schweigen durchbrochen von hellem Entsetzen.

Die Furcht, die da mitschwingt, hat ihre Ursachen. Sie hat damit zu tun, dass es jetzt ernst werden könnte. Dass jetzt Deutschland, das völkerrechtlich eigentlich gar nicht existiert, erstmal durch einen Vertrag erwachsen werden muss und kräftig, sehr kräftig zahlen muss für Leistungen, die bis dato vom Vormund USA getragen wurden. Da muss entschieden werden, a) wohin das Land eigentlich will und b) wer die Kosten für welche Entscheidung tragen muss. Dafür die USA bzw. das Wahlverhalten der amerikanischen Bevölkerung verantwortlich zu machen, ist pubertär, mehr nicht.

Und, was ist in den USA geschehen? Eine Mehrheit der Wählerschaft hat sich abgewendet von der gesamten politischen Klasse, eine Mehrheit hat sich abgewendet von der Auslagerung der Wertschöpfung im Rahmen der Globalisierung und eine Mehrheit hat sich abgewendet, wie schon einmal, nach der Ära Bill Clintons, von der Neoinquisition der Political Correctness und der mit ihr verbundenen Arroganz. Das sind keine schlechten Nachrichten, weil die Symbolfigur dieser Welt voller Niederlagen und Verwerfungen für einen Großteil der Bevölkerung keine Mehrheit bekommen hat. Die schlechte Nachricht ist die, dass der positive, kritische Impuls zugunsten eines anderen Zeitgenossen ausfiel, der bis dato durch barbarisches Verhalten glänzte.

Noch einmal: wer die hiesigen Reaktionen betrachtet, wird, wie bei den zurückliegenden Wahlen hierzulande, beobachten können, dass keine Lehren daraus gezogen werden. Alles, das gesamte Ensemble derer, die sich auf der moralisch richtigen Seite wähnen, werden so weiter machen wie bisher, weil sie nicht bereit sind, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Das ist die Misere! Denn wer nicht lernen will und nur noch dogmatisch und apologetisch durch die Welt zieht, wird nicht selten von einem noch größeren Dogma erschlagen. Die Zeichen, dass sich die Zukunft hier so gestalten wird, wie sie sich jetzt in den USA gebärdet, stehen nicht schlecht. Dank der ewigen Besserwisserei und des moralischen Überlegenheitsgefühls.

Und wir werden sehen, wie der Antiamerikanismus sich zu neuen Höhen aufschwingt, wie sie herabsehen auf ein Land, das an der wahrscheinlich höchsten Schwelle der Modernität steht und mit welchen Widrigkeiten und Ängsten es aufgrund dessen zu kämpfen hat. Das ist nachvollziehbar und schon einmal gar kein Grund, sich darüber zu mokieren. Vor allem aus einem Land, das es im letzten Jahrhundert auf über 60 Jahre Diktatur gebracht hat. Eine im einen Fall von den USA, im anderen von den vier Siegermächten befreite Puppenstube, der beim Gedanken an die eigene Volljährigkeit Angst und Bange wird. Wer nicht lernen will wird fühlen. Und wer nur fühlt, hat keinen Verstand!

 

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22 Gedanken zu „USA: Hysterie noch untertrieben

    1. gkazakou

      Das trifft ins Schwarze. Ich wollte es grad auch rebloggen – aber deine LeserInnen sind auch meine, liebe Arabella, und du warst schneller 😉

  1. aquasdemarco

    Als Tony Blair und Herr Schrödet an die Macht kam, smart, mit ein sozialen Touch und neo liberale Wirtschaftspolitik durchsetzten, wie es die Konservativen Kräfte nie hätten gestalten können, wunderten sich die Menschen im Nachhinein.
    Vielleicht ist es diesmal ein konservativer, populistischer Millionär, welcher dieser neo liberalen, globalisierten Wirtschaft ihre menschlichen Grenzen zeigt.
    Es wäre ein Treppenwitz, aber ein verdammt guter😉

  2. nandalya

    Du hast mehr oder weniger, den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur bei der Modernität sehe ich Japan weiter vorn. 😉 Krass finde ich die Reaktion einiger (linker) Medien, die nun umdenken oder die USA zum „Reich des Bösen“ erklären müssen. Krass finde ich, dass die EU keine Beobachter, kein Team in der Nähe Trumps hatte und nun kalt erwischt worden ist von seinem Sieg. Das zeigt mir nur wieder wie überflüssig Brüssel ist.

    Trump mag ein Populist sein. Gut, das waren Reagan und George W. Bush auch. Etwas anders vielleicht und weniger offen. Eine Mehrheit der WählerInnen in den USA hat sich für Trump entschieden. Das muss man nicht gutheißen, aber man sollte es akzeptieren. Auch eine Frau Merkel und ihre Marionettenregierung.

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  4. sunflower22a

    I am somewhat puzzled by „Dass jetzt Deutschland, das völkerrechtlich eigentlich gar nicht existiert“ – are you a Reichsbuerger? or what do you mean?

  5. autopict

    Das Entsetzen ist verständlich, es kann an einer Person festgemacht werden. Nicht an einer Nation. Eigentlich ganz erstaunlich. Manchmal funktioniert das mit der Nation, manchmal mit der Religion, und fast immer mit der Person.

    Dass Deutschland völkerrechtlich nicht existiert, ist so nicht ganz korrekt. Es ist eine Sichtweise von mehreren, soweit ich das verstehe. Jeder nimmt sich da immer das Zuckerle, das er braucht.
    Jedoch heißt es im Art. 20 GG:
    (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
    (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
    (3) …
    (4) …
    Das war zwar anfangs nur Text auf Papier, da erst 1955 mit den Pariser Verträgen einige Einschränkungen aufgehoben wurden – eben außer dem Thema der Wiedervereinigung bzw. des nixht existierenden Friedensvertrages.
    Faktisch kann wohl der 2+4 Vertrag, also zur Wiedervereinigung, als Grundlage der endgültigen Souveränität Deutschlands gesehen werden, auch wenn es nach wie vor keinen Friedensvertrag gibt.
    Es sei noch auf die kleine Anfrage der Linken verwiesen, hier die Antwort:
    http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/040/1804076.pdf
    Zitiert am Schluss:
    „Das Bundesverfassungsgericht hat in ständiger Rechtsprechung festgestellt, dass das Völkerrechtssubjekt „Deutsches Reich“ nicht untergegangen und die Bundesrepublik Deutschland nicht sein Rechtsnachfolger, sondern mit ihm als Völkerrechtssubjekt identisch ist (BVerfGE 36, S.1, 16; vgl. auch BVerfGE 77, S.137, 155).“

    Es wäre eben jetzt schön, die Bundesregierung würde dies auch mal bei der Umsetzung mancher Politik berücksichtigen, und nicht den alten Vorgaben hinterherspringen. Die Chance wäre jetzt da, die Vorlage auch. Aber da sind wir wieder beim Zuckerle.

  6. meertau

    Ich war den ganzen Tag schon auf Ihren Kommentar gespannt.
    Da ich zu den Entsetzten gehören, bin ich froh, hier mal wieder die Perspektive zurecht gerückt zu bekommen!
    Merci.

  7. Bludgeon

    Was wäre im Falle einer Präsidentin Hillu besser gewesen? Die Amis hatten die Wahl zwischen Pest und Thyphus. Den Typhus kannten sie schon, also wählten sie die Pest. Wer weiß, vielleicht entpuppt sie sich als Pockenepidemie, wo man vllt. mit ein paar Narben davon kommt.
    Die langen Gesichter der geballten internationalen Polit-Prominenz heute früh waren’s schon mal wert.
    Zur genaueren Analyse wart ich erst mal ab.

  8. Tausend

    Die Relativierung kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Es braucht keine Meinungsmache, um fassungslos zu sein, dass die Amerikaner einen hysterisch-aggressiven, respektlosen Typen als Präsidenten wollen, der bedenkliche Visionen hat (Kippen des neuen Gesundheitssystems, Mauerbau, Fremdenhass) und sich seiner eigenen Unkenntnis und politischen Unbeschriebenheit („I don’t know Putin, I don’t know Putin“) rühmt.
    Und es ist auch nicht gesagt, dass die Menschen, die sich über diese Wahl empören, zu Ereignissen im eigenen Land oder der eigenen Geschichte schweigen oder die Augen verschließen. Es ist keine Sache der Geschichte der eigenen Nation, sondern eine persönliche politische und weltanschauliche Frage. Ich bin durchaus entsetzt.

  9. vfalle

    … wer nicht lernen will …
    …der schafft sich eine eigene Welt , mit „Freunden“ die gleiches Denken.
    So lässt sich die Realität der Anderen eine Weile ausblenden.

    Meiner Meinung nach, wurden mit der US-Wahl vor allem die Lobbyisten abgestraft. (Dass Trump Lobbyismus in eigener Sache betrieb, wurde da zur Nebensache.)

    Wer das Buch „die Abwicklung“ von George Packer gelesen hat, wird sich darüber nicht wundern. Nur sollten wir in Deutschland nun die richtigen Schlüsse ziehen, damit das Wort der „Wertegemeinschaft“ nicht zur Worthülse wird.

    1. Tausend

      Ich verstehe Deine Antwort nicht: worauf sich der erste Absatz bezieht und inwiefern das, was Du sagst, einer Missbilligung des Wahlergebnisses widerspricht. Packer habe ich nicht gelesen.

      1. vfalle

        Mir ist bei Trump auch nicht wohl. Gleichzeitig ist die Wahl in den USA für mich ein deutliches Signal, dass ein „weiter so“ von einem großen Teil der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert wird. Das Wachstumsstreben an den Finanzmärkten passt mit den Erfahrungen vieler einfacher Menschen nicht mehr zusammen. Das beschrieb Packer in seinem Buch bereits 2014. Darin gibt es auch einige Portraits. U.a. von Newt Gingrich, der aktuell als Minister im Gespräch ist.

        2013 erklärte ich einem CDU-Lokalpolitiker, dass ich Angela Merkel nicht wählen kann, weil mir ihre Nähe zu einem FInanzdienstleister zu groß ist, mit dem ich schlechte Erfahrungen gesammelt habe. Er Antwortete: „Das ist doch normal. Zu Ackermann (Deutsche Bank) gab es doch auch enge Kontakte.“ Das meine ich, wenn ich sage, da haben sich einige (die nichts dazu lernen wollen) eine eigene Welt geschaffen.

        Es steht mir nicht zu, die Wahlentscheidung der Amerikaner zu Missbilligen. Das ist eine demokratische Entscheidung. Ich missbillige dagegen, das vorgehen von Lobbyisten und Politikern, die nicht bereit sind, über ihre eigene Rolle bei dieser Entwicklung nachzudenken. Und ich Missbillige die Schlammlacht, die im US-Wahlkampf betrieben wurde. Wer so polarisiert, muss sich nicht wundern, wenn das Volk danach mehr zerrissen ist, als je zuvor.

      2. Tausend

        Ja, da würde ich Dir Recht geben. Das Ganze ist vielleicht nicht so verwunderlich, wie man denkt, offenbar sogar absehbar. Auch wenn Trump nicht gewonnen hätte, wären diese Tendenzen da und hätten weitergekocht. Trotzdem missbillige ich diese Entwicklung und die Art, wie die Dinge derzeit ausgetragen werden, und ich verstehe auch die Amerikaner nicht. Demokratie ist die beste aller Staatsformen, aber das ist keine Garantie, auch da kann einiges verkehrt gehen.

  10. fredoo

    Nochmals , es gibt kein Land mit der Staatsform „Demokratie“ , schon gar nicht die USA .
    Es sind bestenfalls Republiken , die sich gewisser demokratischer Verhaltensweisen bedienen.

    Allein schon eine Wahl wie diese , in der derjenige verliert , der die (wenn auch knappe) Mehrheit der Wahlstimmen hatte , zeigt das halt nicht demokratische dieses Systems .

  11. Dr. Hartwig Maly

    „Eine Mehrheit der Wählerschaft hat sich abgewendet von der politischen Klasse […]“? Eine mutige Interpretation. Ca. 50 Prozent der Wähler haben sich für Trump entschieden bei einer Wahlbeteiligung von ca. 50 Prozent. Also ca. 25 Prozent.
    Was immer auch die Bedeutung sein mag, der 50 Prozent, die nicht gewählt haben. Eins scheint mir sicher zu sein, wir leben in einer hyperventilieremden Zeit vorschneller Analysen.

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