USA: Im Orkan der Expertisen

Die Reaktionen auf die Wahlen in den USA hierzulande sind lehrreich und verdeutlichen die Krise, in der sich die hiesige Politik befindet. Fangen wir mit dem an, was so alles zu registrieren war. Zunächst stellte eine Bundeskanzlerin Bedingungen, unter denen sie  bereit ist, mit dem künftigen Präsidenten der USA zusammenzuarbeiten. Das ist neu. Der Außenminister gratulierte erst gar nicht und sein Parteivorsitzender verglich den neuen Präsidenten der USA mit einem Straßenschläger. Ist nicht genau das die Art von Verrohung, über die man sich glaubt erheben zu können? Wie zivilisiert wirkten da die Aussagen von Obama und Clinton, den neuen Präsidenten zum Wohle aller Amerikaner unterstützen zu wollen. Anscheinend gelingt es dort, mit dem politischen Wechsel, den eigentlich Demokratien so an sich haben, umgehen zu können, während hier das groß-koalitionäre Konsensverhalten eine Liquidierung von Opposition und politischem Wandel bedeutet. Daher, so kann gefolgert werden, kommt der Treibstoff für außerparlamentarischen Widerstand.

Und dann war da der Hexenhammer, das große Lehrbuch der Inquisition, das die Supertoleranten und Superdemokraten sogleich aufgeschlagen hatten. Jeder, der es wagte, nicht in das allgemeine Klagen zu verfallen und sich um eine Analyse bemühte, die vielleicht auch Aspekte enthielt, die das Feindbild verwässerten, war gleich auf der Anklagebank: Frauenfeind, Politbanause, Kriegstreiber, Reichsbürger, AFD etc.. Insofern, ja, und noch einmal vielen Dank dafür, wurde doch bei einigen deutlich, wie weit es um die eigene Toleranz bestellt ist. Viele von diesen Hetzern im Namen der Toleranz gleichen den Schweinsgesichtern aus Orwells Animal Farm.

Dann fiel ein Satz im Orkan der Expertisen, der aufhorchen lassen muss. Es ging um die Frage, mit was Deutschland und Europa zu rechnen haben, wenn der neue amerikanische Präsident das durchsetze, was er im Wahlkampf gesagt habe. Das schlimmste schien eine Verständigung mit Russland zu sein, dann wäre Europa allein gelassen! Wie bitte? Eine De-Eskalation mit Russland steht nicht im Interesse Deutschlands und Europas? Peitschen Merkel und Steinmeier die NATO-Osterweiterung an? Und sind die USA den Weg nur mitgegangen? Die NATO hat übrigens in den letzten Tagen dreihunderttausend kampfbereite Soldaten an die russische Grenze gestellt. Unsere Moralisten haben es nicht einmal erwähnt, geschweige denn protestiert. Angesichts dieser Erkenntnisse werden die Wahlen 2017 für einen Erdrutsch sorgen. Hausgemacht, ohne Not und Intervention von außen.

Ein tatsächliches Szenario wurde hingegen nicht erwähnt. Es beträfe die Aussage, dass die USA keinen Schirm der militärischen Sicherheit mehr über Europa ausbreite. Hauptbetroffener wäre Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass eine solche Änderung der Politik eine zusätzliche Belastung des Bundeshaushaltes von ca. 30 bis 50 Milliarden Euro per anno bedeuten würden. Dann wäre die schöne Geschichte von der schwarzen Null schnell beendet und die sozialen Leistungen mit drastischen Kürzungen konfrontiert. Da wird es ungemütlicher in der Gesellschaft und die soziale Frage wird noch an Brisanz gewinnen. Das sind Fakten, die hinter dem ganzen Lamento bezüglich der amerikanischen Wahlen stehen. Der Ekel vor der Volksverhetzung ist immer berechtigt. Und es ist immer das eigene Verhalten, das die Glaubwürdigkeit untermauert. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich Unbequemes einmal anzuhören. Auf keinen Fall dazu gehören Leute, die noch vor wenigen Monaten gegen faule und dumme Griechen hetzten. Sie sind bereits seit langer Zeit von dem trump´schen Wahlkampfvirus infiziert. Und sie gehören zum Problem, und nicht zur Lösung.

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22 Gedanken zu „USA: Im Orkan der Expertisen

  1. guinness44

    Wo stehen denn 300.000 Soldaten an der Grenze zu Russland? Aus welchen Ländern kommen die denn Überhaupt?

    Was machen die Balten, wenn die USA sich nicht mehr darum kümmern? Nichts. Und dann?

    Wie hätte der Text denn ausgesehen, wenn Merkel einfach gratuliert hätte?

      1. user unknown

        Die Aussage

        Die NATO hat übrigens in den letzten Tagen dreihunderttausend kampfbereite Soldaten an die russische Grenze gestellt.

        wird durch den Stern-TV-Beitrag aber nicht gedeckt. In diesem heißt es erst, dass man mit Hochduck daran arbeite (und der Beitrag ist 2 Tage alt), dass es derzeit 6 Monate dauern würde, eine solche Truppe zusammenzustellen, und man sich jetzt in Planungen befinde, damit es in Zukunft schneller ginge. Dass man es dann auch gleich täte wird nicht mehr behauptet.
        Dabei bezieht man sich auf Aussagen der Daily-Mail, m.W. auch ein ziemliches Revolverblatt. Da bin ich aber nicht zietierfähig – Hörensagen aus der Erinnerung.

  2. alphachamber

    Die Reaktionen in Deutschland um und nach der Wahl zeichnen sich aus, durch verblüffende Ignoranz, Selbstüberschätzung und totalem Verkennen der Situation.
    Die würdelosen und ungelehrten statements sind umso peinlicher, als die angeblich so „blöden Amis“ noch rechtzeitig die Gefahr eines Clinton-Sieges erkannten – zu einer Zeit, in der sich von der untersten Schmierenkomödie der „heute-Show“ bis zur Kanzlerin, man noch über Trumps Frisur Schulhofwitze riss.
    Bedeutet dies, dass ein heimgeschulter Farmbursche aus Jerkwater, Indiana, einen besseren Außenminister machte als unser Mr. Stonemeier? In den USist immer noch alles möglich, hier ist immer noch alles unmöglich.

    1. Achim Spengler

      Ungelehrte und würdelose Statements, hm. Die Debatte hier überschlägt sich dagegen vor Überkomplexität der Ursachenforschung. Totales Verkennen der Situation, hm. Belastbare Erkenntnisse liefern insbesondere Sie hier tonnenweise ab. Keine Ahnung, woher Sie Ihren Zerrspiegel nehmen. Klingt mir ein wenig angehaucht aus der AFD Ecke. Ein bisschen Lügenpressenschelte macht sich immer gut. Wer im Clinton Sieg eine größere Gefahr behauptet, der ist wahrlich ein größerer Schmierenkomödiant, als die von ihm Beleidigten.

      1. alphachamber

        Mr. Spengler,
        „We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep“

        Hm, vielleicht ging Ihr Verständnis über die USA ja nur „lost in translation“ 🙂

  3. user unknown

    Es wird ja noch viel gegrübelt, was er von seinen Wahlkampfaussagen umsetzen will und kann, und was nur das übliche Theater war. Was hat nicht Obama alles versprochen?

    Allerdings wird er wohl einiges angehen müssen, was er angekündigt hat. Sicher werden ihm Geheimdienste, Militär und Wirtschaft seine Grenzen da aufzeigen, wo er deren Interessen zu verletzen droht. Aber wieso sollte er Obamacare nicht zurückdrehen? Dafür hätte ich den Amerikanern eine Clintonperiode gewünscht, damit sich das setzen kann. Ansonsten sah ich bei ihr wenig anheimelndes, außer einer besseren Berechenbarkeit und den gepflegteren Umgangssitten.

    Das diplomatische Geschick unserer Hauskasper finde ich dementsprechend auch unterirdisch. Dem Hotdog Trump hätte es sicher gefallen, wenn sie gesagt hätten, „Wir wollten Dich nicht, aber jetzt sehen wir uns an, wie Du in der Praxis bist, und zu, das beste draus zu machen“. Nicht verlogen, ganz wie Trump es mag, eine klare Botschaft an hiesige Wähler, aber die Tür öffnend, denn an den USA wird man die nächsten 4 oder 8 Jahre nicht vorbeikommen.

    Ja, 8 Jahre, Bei Reagen habe ich an 4 geglaubt, bei Bush 2, bei Obama befürchtet – wieso soll ich meine Fehler wiederholen?

  4. Achim Spengler

    It’s Not the Economy, stupid. Es ist der Rassismus, die Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, die Homophobie, die evangelikale Bigotterie etc. Wenn der Ku Klux Klan zur Wahlentscheidung Beifall klatscht, dann möge man mir verzeihen, wenn ich dazu sage, Amerika, du bist ein Arschloch. Der revanchistische whitelash, der schmerbaeuchige, waffenstrotzende, all die weissen, hasserfüllten Fratzen. Nicht das Fressen kam hier vor der Moral, sondern der Hass auf alles, was nicht weiss, männlich, hetero und selbsternannter son and daughter of God‘ s own Country ist.

    1. user unknown

      all die weissen, hasserfüllten Fratzen.

      Ich finde solche Töne nicht hilfreich. Weder sind alle Trumpwähler weiß, noch alle Weißen, bzw. sehr hell hellbraunen, Trumpwähler.

      der Hass auf alles, was nicht weiss, männlich, hetero

      Es waren auch offizielle, mexikanische Migranten unter seinen Wählern. Es waren mehr Männer, aber nicht ausschließlich Männer. Und es gab auch Homosexuelle, die Frau Clinton lieber verhindern wollten als Trump.

      Wenn man sich selbst solch primitiver Zuschreibungen bedient, wie will man dann gegen die Vorurteile der Gegenseite argumentieren. Auch der immer wieder geäußerte Vorwurf des Frauenhasses trifft die Sache m.E. nicht und dann schalten viele Leser/Hörer gleich ab.

      Wem die Arbeit der Begriffsuche zu schwer ist, wer lieber grob ins Ungefähre wütet, als gezielt zu treffen, mit dem fällt es mir schwer mich auf eine Seite zu stellen und genau daran krankt auch ein zu großer Teil der Linken. Männlicher, heterosexueller Frauenhasser – wer da keinen Widerspruch entdeckt muss auch die ganzen Frauen für Idioten halten, die mit diesen Männern ja unbestritten zusammen sind.

      Und wer so argumentiert, dem traut man keine Analyse zu – das ist, wie wenn mir einer kommt mit links-grün-versiffter Lügenpresse, da erwarte ich dann auch kein rationales Argument mehr.

      Die abwertenden Äußerungen Trumps gegenüber Frauen müssen etwas anderes ausdrücken als Hass. Tatsächlich bin ich aber in einem Jahr Vorwahlkampf und Wahlkampf eigentlich keiner inhaltlichen Debatte begegnet, was das eigentlich genau ist, welche Funktion es hat, wieso es auf manche Leute nicht so abstoßend wirkt, wie auf mich.

      Man verurteilt es und zeigt so, auf welcher Seite man steht, und fertig. Die einen schrill, die anderen en passant, aber einer Sache auf den Grund zu gehen scheint kaum wer bereit. Man könnte schon froh sein, wenn jemand wenigstens seine Zweifel an den raschen Einordnungen äußert. Keine einfachen Antworten zu haben ist eigentlich keine Schande, aber was Gerhard mit Hetzern im Namen der Toleranz benannt hat zeigt mir, dass es nicht nur in mir gärt.

      Zu dem Phänomen gehört, glaube ich, die Angst der politisch nicht korrekten, weil die größten Angstmacher oft Extremisten sind, die durchaus wissen, dass sie aus einer Minderheitsposition agieren, aber selbst keine Angst haben, weil sie gemerkt haben, dass der Typ des stummen Mitläufers lieber schweigt und sich politisch nicht exponiert, als zu widersprechen.
      Zwar taugt die Taktik, die eigene Meinung durchzusetzen und andere zum Verstummen zu bringen, züchtet aber den autoritären Charakter – heute nur ohne Prügelstrafe. Geopfert werden dabei Tugenden, die zur Demokratie lebensnotwendig gehören: Solidarität, Zuhören, Fairness, kritisches Denken, Minderheitenschutz, friedliche, konstruktive Konfliktlösung um nur die ersten zu nennen, die mir einfallen.

      Pardon, dass es so lang geworden ist, ich breche dann ab, und bin selbst noch am Suchen.

      1. user unknown

        Danke.
        Wobei ich einer marxschen Kritik im Handgemenge, bei der es nicht mehr um Fairness geht, freilich aber noch ums Treffen, zur passenden Zeit auch etwas abgewinnen kann.
        Momente, wo man nicht diskutieren kann. Schriftlich sind diese selten.

    2. Achim Spengler

      Noch etwas in eigener Sache: mit „stupid“ ist hier keinesfalls Herr Mersmann gemeint, dessen Blog und dessen Beiträge ich mehr als nur schätze. Sollte er sich persönlich angesprochen gefühlt haben, so täte dies mir leid. An meiner Polemik habe ich ansonsten nichts zurück zu nehmen.

  5. alphachamber

    @ user unknown:
    wir hätten es zwar etwas griffiger verfasst, aber Sie haben recht.
    Spenglers geistlose Polemik wäre auf einer anderen Seite besser aufgehoben!

  6. gkazakou

    Danke für diesen Beitrag. Ich wünschte mir, in dieser ganzen Diskussion um die amerikanischen Wahlen würde langsam die Schlammschlacht beendet werden und mehr auf die Inhalte geschaut, die da zur Debatte standen und deren Umrisse sich allmählich im konkreten politischen Handeln verdeutlichen werden. Voraussetzung für solche Klärungen ist eine Entemotionalisierung der Debatte.
    Was mich als Europäerin besonders interessiert, ist die Positionierung der amerikanischen Regierung in den Konfliktzonen der Welt und vor allem gegenüber Russland und Syrien, der Kurdenfrage und der Beziehung zu Saudi-Arabien. Wie positionieren sich die USA in den laufenden Zypernverhandlungen, wie gegenüber Türkei und Griechenland, darüberhinaus auch interessiert mich die Rolle, die die USA den internationalen Organen IWF, Weltbank, UNO usw zuordnen. Das sind meine Themen, und nicht, ob Obamacare gut oder schlecht, ob ein Zaun oder eine Mauer gegen Mexiko humaner, ob Trump homophil oder mysogyn, Mann oder Frau ist. Das mag die Amerikaner interessieren, mich nicht.
    In der deutschen Debatte wünschte ich mir mehr Klarheit, wer von einem neuen Marsch auf Moskau träumt – und nun enttäuscht ist, weil er es so bequem fand, seinen Träumen im Windschatten der „Schutzmacht“ nachzuhängen. Ich wüsste gern, ob Deutschland die polnische Hoffnung, ein Stück von Ukraine „zurückzubekommen“, unterstützen wird, ob Deutschland Verständnis zeigt für die Hoffnungen der Türkei, sich ein Stück Irak und Syrien einzuverleiben – und wie sich diese Unterstützung ohne die USA realisieren lässt. Und vieles vieles mehr wüsste ich gern. Alles läuft auf die Frage hinaus: Welche Kräfte in Deutschland sind warum enttäuscht, weil die USA drohen, weniger interventionistisch zu werden?

  7. Reactionär

    »Freiheit ist immer die der Andersdenkenden.« Das Zitat wird Rosa Luxemburg zugeschrieben, einer Ikone der Linken. Ich hab’s schon zu DDR-Zeiten nicht gemocht, weil es, obwohl oft gebraucht, nie mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen war. Heute ist der Zustand deshalb schlechter als damals, weil die Kommunisten wenigstens zugaben parteiisch zu sein.

    Hier heuchelt man Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit, gar Toleranz und doch ist nichts davon vorhanden. Man ist etwas subtiler bei der Machtausübung, aber das Ergebnis ist dasselbe. Wer in der DDR nicht spurte, dessen soziale Existenz endete auf einem Lastkahn voller Phosphat, den er mit anderen Leidensgenossen mit einer Schippe in der Hand zu entladen hatte. Das ging damals wie heute ohne Urteil oder offiziellen Vorgang. Nur weil die Macht es so wollte.

    Heute wird der Arbeitgeber, der Vermieter oder der Freundeskreis darüber »informiert« ob man den Querulanten in seiner Nähe weiter dulden will. Wenn das nichts fruchtet, wird das Auto abgefackelt, die Fassaden beschmiert oder die Kinder in der Schule geschnitten. Von den Vorwürfen, man sei ein Rassist, ein Sexist, ein Nazi oder wie die sonst alle heißen, ganz zu schweigen.

    Das mit Trump geht tiefer als alles, was ich hier zu lesen bekomme. Man wird die Leute nicht mehr einkriegen, weil sie nicht mehr wollen. Jedenfalls ich nicht. Dazu ist mein Leben zu kurz. Eine Enttäuschung reicht. Mehr verlorene Zeit kann ich mir nicht leisten.

    Das ist kein Alarmsignal, es ist die Abkehr von einem System, das viel Pathos verströmte und fast nichts davon hielt. Wenn Trump nicht hält, was er sagte, zieht die Karawane weiter. Der ist kein Messias, sondern nur einer, der die Wut geschickt kanalisierte. Der Westen kann froh sein, dass es ein Oligarch ist und kein begnadeter Redner, der zum Lebensunterhalt Postkarten malen muss. Das wäre die nächste Option.

  8. almabu

    Hier steht viel Richtiges, deshalb nur ganz kurz: In kritischen Zeiten Emotionen runterfahren und kühlen Kopf bewahren hat bisher immer funktioniert!

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