Das deutsche Wesen und die Frage der Haltung

Endlich, endlich kommt ein Mächtiger, zumindest ehemals Mächtiger daher und bringt noch kurz vor dem Advent die frohe Botschaft ins Land der Weltmeister. Jetzt, so die gesalbten Worte des himmlischen Vertreters, jetzt kommt es auf Euch an. Ihr seid die Auserkorenen, die übrig bleiben in dem ganzen Unrat von missratenen Ländern mit ihren verrunzelten, behäbigen, eigensüchtigen und engstirnigen Regierungen, Ihr seid es, die das goldene Zeug haben, um den ganzen Karrenvor dem immerwährenden Dreck zu bewahren. Eure Kanzlerin, so rief er den staunenden Vasallen zu, die muss die Welt jetzt retten, so spricht der Bote aus dem westlichsten Abendland, denn bei mir zuhause herrschen Messer und Mord und niemand weiß, wie das noch ausgehen wird. Ihr, so der engelsgleiche an der Kanzlerin Volk, Ihr müsst die Welt jetzt retten, denn ohne Euch, da geht es in das Verhängnis, da lässt die ganze Welt alle Hoffnung fahren.

Geschichte wiederholt sich nicht. Und trotzdem kehren bestimmte Muster immer wieder zurück. Bei dem Mantra „Nie wieder!“, das Deutschland Jahrzehnte nach dem Krieg immer wieder einübte, da waren die Verschwörerkreise gemeint, die sich irgendwo im Schlosskeller trafen, um einen Putsch von Rechts zu planen, durchzuführen und den Boden für einen neuen Führer zu bereiten. Wer hätte jemals gedacht, dass die Inszenierung der deutschen internationalen Sonderrolle mit größtmöglicher Macht inszeniert werden würde von allen, die als Kinder noch auf dem Arm derer weilten, die das „Nie wieder!“ in die überfüllten Hallen riefen? Jetzt, endlich, nach dem Besuch Obamas, ist er gesellschaftsfähig. Der Anspruch auf die Weltherrschaft. Zunächst einmal moralisch, versteht sich.

Zeitgleich zum letzten, heilbringenden Besuch von Obama in Berlin, dichtete Jakob Augstein im Spiegel eine Kolumne, in der er mit der Wahl Trumps in den USA das Zeitalter des Faschismus für eröffnet erklärte. Damit war klar, dass, wenn dort das Böse an sich wieder an der Macht ist, es einer Form des Anti-Faschismus gleichkommt, wenn Deutschland denn globalen Anspruch auf politische Korrektheit für sich reklamiert. Damit hat die Nation, die die schlimmste und grausamste Form des Faschismus jemals auf die Straße gebracht hat, mit einer genialen Drehung einen Rollenwechsel vollzogen. Von der Dramaturgie her ist das klug und wunderbar gemacht. Von der politischen und moralischen Haltung her ist es an Verkommenheit nicht zu überbieten.

Bereits jetzt ist zu merken, dass die Nachlassverwalter des freien Westens jetzt in Syrien und in der Ukraine für Ordnung sorgen werden, um das zu vollbringen, was dieser, ja Sie hören richtig, was dieser Weichling Obama verbockt hat und was unter George W. niemals passiert wäre. Jetzt bekommen es Russland und Assad in Syrien und Russland alleine in der Ukraine mal, zumindest in der Rhetorik, so richtig besorgt. Da soll der neue transatlantische Faschist mal sehen, was er in den Augen der neuen Lenker Germanistans für eine Pussy ist, wenn er von Mäßigung der USA und mehr Verständigung mit Russland spricht.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Jetzt haben wir es zurück. Ohne braune Uniformen und ohne Marschmusike. Und der ganze Rattenschwanz von Claqueuren ist im Lager derer, die ein bisschen Bildung genossen haben, wesentlich größer als bei der historischen Vorlage. Mehr als alles andere wird deutlich: Wir leben in einem Zeitalter der Haltung!

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8 Gedanken zu „Das deutsche Wesen und die Frage der Haltung

  1. aquasdemarco

    Also zumindest in deinem Kopf ist er zurück.
    Unsere Welt entsteht in unseren Köpfen.
    Gestern spielte Arminia gegen Heidenheim. Neuer Trainer, alte Fans.
    Durch einen Fehlpass ging Heidenheim in Führung, auf der Tribüne begann das Meckern. Ach Scheiße, lasst uns positiv denken und aufhören die Mannschaft nieder zu quatschen, sagte ich zu meinen Kumpels.
    Haben wir gemacht m, hatten Spaß und, ach ja, Arminia hat 2:1 gewinnen.
    In diesem Sinne einen positiv gestimmtes WE.
    Du gehörst ja auch mit zum Verein.

  2. Bludgeon

    Obama ist der amerikanische Gorbatschow: Angetreten mit groooooßen Zielen, abgetreten als Sonntagsredner eines Reiches im Untergang.
    Nach Gorby kam Jelzin und Chaosjahre für die Russen. Nach Obama kommt – wir werden seh’n.
    Die Russlandfrage seh ich wieder ein bissl optimistischer. Trumps Sicherheitsgeneral ist ja gerade wegen einsichtsvoller Kompromissbereitschaft in Richtung Moskau von der alten Regierung gegangen worden.
    Der Stolti von der NATO und die hannöversche JeanneShark lammentieren erst mal und appellieren an verpflichtende Werte, sie verraten aber nicht – welche.
    Ohne Amis geht da nix. Das bissl Fremdenlegion kann nicht überall sein. Gott sei Dank.
    Remember Friedenserziehung!

  3. gkazakou

    Als deutsch-griechische Doppelstaatlerin habe gleich ein doppeltes Obama-Abschiedsgeschenk zu verkraften: „NATO schützt das heilige demokratische Erbe durch Deutschland“.
    Da bleibt mir nur zu warnen „Traut den Obamern nicht, auch wenn sie Geschenke bringen“ – ein geflügeltes Wort seit den Tagen des Trojanischen Pferdes.

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