Der Iwan ist wieder da

In einem der unzähligen Ohrwürmer Udo Lindenbergs hieß es, „in fünfzehn Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm“. Das war zu jener Zeit, als Europa und Deutschland noch tief gespalten waren. Mitten durch Deutschland und Berlin ging eine wehrhafte Grenze, die Menschen waren durch Gewalt geteilt. Auf beiden Seiten waren die Streitkräfte der Kontrahenten im Kampf um die Weltmacht. Hier, im Westen, rasselten die amerikanischen, drüben im Osten, die russischen Waffen. Hatte der deutsche Osten sich mächtig umstellen müssen, was das ausländische Feindbild anbetraf, so war es im Westen etwas leichter. Der Russe, so hieß es, wurde im Osten zum Freund und im Westen blieb er das Untier, auf dessen Wirkung schon Hitler und Goebbels gesetzt hatten. Die Bedrohung, die vom Iwan ausging, war im Westen überall und so mancher Familienvater machte sich nach dem dritten Doornkaat den Spaß, seinen anti-autoritär degenerierten Kindern gar mit dem Iwan zu drohen. Denn wenn der käme, so die schlürfende Logik, dann würde schon so etwas wie Ordnung hergestellt. Auch Feindbilder erzeugen anti-autoritäre Reflexe, selbst bei jenen, denen die Ordnung heilig ist.

Mit der kurzen Zeit zwischen dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Kalten Krieg im Jahr 1990 setzte ein europäisches Tauwetter ein, das gerade einmal vier Jahre anhielt. Deutschland war vereint, die Russen galten als europäische Hoffnungsträger und vor uns lag ein Jahrhundert der Versöhnung. Dann, 1994, unter der Regierung des Demokraten Bill Clinton, begann die NATO sich an der russischen Grenze, genauer gesagt an der polnisch-russischen, zu platzieren und Stück für Stück den Geist der Versöhnung zu unterminieren. Aus den großen russischen Europäern wurden innerhalb weniger Jahre wieder die kulturlosen, aus der NS-Propaganda bekannten, bolschewistischen Untermenschen und einer massiven Bedrohung. Der böse Iwan war zurück, bevor er sich hatte etwas erholen können.

Im Jahr 2014 war es nahezu vollbracht, das Abschneiden Russlands vom Rest Europas. Vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer waren in allen russischen Grenzstaaten NATO-Truppen oder NATO-Raketen stationiert, mit Ausnahme von Georgien und der Ukraine. In Georgien hatte es militärisch einen Rückschlag gegeben und politisch konnte keine befürwortende Geste gesendet werden und in der Ukraine tobte ein von westlichen Geheimdiensten angezettelter Umbau der Gesellschaft, der mit einer NATO-Mitgliedschaft einhergehen sollte. Der mittlerweile in allen Medien personifizierte Beelzebub heißt nicht Iwan, sondern Wladimir Putin und ist dennoch ein Russe. Die ganze Komposition unterscheidet sich nicht von der Produktion vorheriger, historischer Feindbilder, mit denen Russland in Europa kommuniziert wurde. Was dabei auffällt, stört, und die Produzenten ihrerseits diskreditiert ist die Funktion dessen, was sie dort treiben.

Unabhängig von historischen Tatsachen ist die Herstellung des Feindbildes vom verschlagenen, unberechenbaren, barbarischen und skrupellosen Russen bis heute immer der erste Schritt einer westlichen Invasion nach Russland gewesen. In den beiden großen Fällen der beiden Weilkriege mit bekanntem Ausgang für Deutschland. Die Kriege mit Russland führten in verheerende Niederlagen, von denen sich die Nation bis heute nicht erholt hat. Die neuerliche Arbeit an einem solchen Feindbild grenzt an die Frivolität, einem schuldhaft Geschädigten zu raten, das Gleiche, was ihn in den Ruin geworfen hat, gleich noch einmal zu probieren, weil es so schön war. Ein solcher Rat jedoch rechtfertigt nur ein Feindbild: Das gegenüber dem Ratgeber, dem nicht zu helfen ist, weil er anderes im Schilde führt und dem das Handwerk gelegt werden muss, weil seine Agenda die des Verderbens ist.

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2 Gedanken zu „Der Iwan ist wieder da

  1. Nitya

    „Ein solcher Rat jedoch rechtfertigt nur ein Feindbild: Das gegenüber dem Ratgeber, dem nicht zu helfen ist, weil er anderes im Schilde führt und dem das Handwerk gelegt werden muss, weil seine Agenda die des Verderbens ist.“

    Lieber Gerd,

    ich küsse mal wieder deine Füße, auch wenn sie gerade nicht frisch gewaschen sein sollten. 😉

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