Den Dogmatismus der Lächerlichkeit preisgeben!

Der entscheidende Dialog in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ findet bei längst fortgeschrittener, hoch dramatischer Handlung in der Bibliothek des Klosters statt. Der blinde Jorge von Burgos, ein Vertreter des klerikalen Absolutismus und Befürworter der Inquisition, streitet sich dort mit dem vieles hinterfragenden Wandermönch aus Baskerville. Im Grunde geht es darum, ob der irdische Mensch das Recht hat, das Dogma der Kirche anzuzweifeln und es durch Fragen erläutern zu lassen. Jorge de Burgos bestreitet das vehement und geht in dem Dialog noch weiter, bevor er lieber die ungeheuer wertvolle Bibliothek und sich selbst in Flammen aufgehen lässt, als der Suche nach Wahrheit eine Chance zu geben. Ganz in der Tradition der Inquisition sagt der Dogmatiker selbst dem Lachen den Kampf an. Er ist der Überzeugung, dass das Lachen der erste Schritt ist, um die kirchlichen Dogmen zu vernichten. Und mit dieser für ihn selbst so schrecklichen Einsicht lag er goldrichtig.

Gehen wir von der Geburtsstunde der Aufklärung in unsere Tage, dann vernehmen wir aus den so vielen Aussagen über die Notwendigkeiten der Zeit immer wieder den Ratschlag, wir, als aufgeklärte Gesellschaft, sollten uns auf die Grundwerte der Aufklärung und der Demokratie besinnen. Ich gäbe alles dafür, wenn die Zustände so wären, wie sie beschrieben wären. Aber leider komme ich mir oft so vor, als säße ein Jorge de Burgos vor mir und erklärte mir, ich dürfe die Dogmen unserer modernen Gesellschaft nicht hinterfragen, sonst begäbe ich mich in die Arme der Blasphemie oder gar des Populismus. Wie soll ich schlau daraus werden, wenn es nur eine Meinung darüber geben soll, was richtig und falsch ist? Und wenn alle, die sich die Mühe machen, hinter nachweislich falschen Begründungen von politischen Entscheidungen auch Gründe dafür zu suchen, warum das so ist, als Feinde des Landes, der EU und der Menschlichkeit bezeichnet werden? Diese eine, offizielle, moralisch begründete Meinung ist allzu oft dogmatisch. Und diejenigen, die sie befragen, werden ausgegrenzt wie zu den Hochzeiten der Heiligen Inquisition.

Diese Erkenntnisse sind nun schon alt genug als dass es ein wenig langweilig wäre, sich nur über diese Zustände zu beschweren. Nehmen wir doch den Appell ernst und zerlegen die falschen Aussagen über die existierenden Verhältnisse mit dem messerscharfen Verstand der Aufklärung. Das ist eine gute Empfehlung und immer mehr Menschen nehmen sie sich zu Herzen. Wer laut denkt, macht schon den ersten Schritt. Dabei sind viele, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, mit den Methoden der modernen Inquisition sehr vertraut und können berichten, wo die Analogien sind zwischen dem, was sie in schmerzhafter Erinnerung haben und dem, was sich hier entwickelt hat. Manchmal ist alles auch ganz einfach. Wieso, so muss gefragt werden, wird ein mehrtägiger offizieller Besuch der Bundesverteidigungsministerin von der Leyen in Saudi Arabien nirgendwo erwähnt und wieso wird aus Aleppo in Form von Privatvideos berichtet, aber nicht, dass es bei der UNO eine Geheimsitzung gab, weil in Aleppo NATO-Offiziere festgenommen wurden? Aber lassen wir auch das.

Umberto Eco hat es mit der Verwundbarkeit des Dogmatikers Jorge de Burgos wunderbar auf den Punkt gebracht. Der Dogmatismus wird nicht nur mit der Analyse und mit politischen Argumenten bekämpft, sondern ihm kommt man auch mit beißendem Spott und Humor bei. Keine politische Auseinandersetzung von Bedeutung war so humorlos wie diese. Das ist ein Erfolg der Dogmatiker. Und das muss aufhören. Wir müssen sie der Lächerlichkeit preisgeben.

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6 Gedanken zu „Den Dogmatismus der Lächerlichkeit preisgeben!

  1. Nitya

    „Wir müssen sie der Lächerlichkeit preisgeben.“

    Lieber Gerd,

    ich würde es mit dem der Lächerlichkeit preisgegebenen Osho so formulieren wollen: „Sei dir selbst ein Witz, der dich ereitert.“

    Herzlichst
    Wilhelm

  2. Pingback: Sehen, hören, denken und… lachen | Schwerdtfegr (beta)

  3. Reactionär

    Der Dogmatismus ist unverwundbar. Wer erinnert sich heute noch an die Possen von Narren? Wer später an einen Umberto Eco?

    Die Gesetze Moses kann man verhöhnen. Kann man sie widerlegen? Über zweitausend Jahre haben Komödianten ihr Glück versucht. Niemand kennt ihre Namen. So werden die Grundsätze unseres Lebens auch die Aufklärung überstehen,

    Der Darwinismus ist, wie ich spöttisch anmerken darf, auf Seiten der Dogmatiker, weil sich deren Glauben aus vielen tausend Jahren Erfahrung speist. Wir gewinnen immer. In dieser oder in einer anderen Form. Ganz einfach, weil wir mehr Kinder zeugen und uns anpassen. Survival of the Fittest. Genau das ist Religon.

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