Die Reise in die große, weite Welt. Eine Weihnachtsgeschichte

Was waren jene Jahre, in denen uns Selbstständigkeit und Selbstbestimmung alles galten. Wir hatten uns von allem entnabelt, was als traditionelle Struktur galt. Das Leben war schnell, voller Rausch und Phantasie und es schien keine Grenzen zu geben. Jeder Tag war ein neues Experiment, an dem kein Risiko zu groß sein konnte. Viele aus diesen Zeiten versanken in der Geschichtslosigkeit oder sie endeten auch als ganz schnöde Fossile dieser Zeit. Sie blieben plötzlich stehen und stellten sich keiner Veränderung mehr, die von außen kam. Manche hielten mit und drehten irgendwann am ganz großen Rad, und andere wiederum verglommen wie tragische Sterne. So ist das Leben, könnte gesagt werden, wenn es nicht immer auch noch andere Optionen gäbe.

Ein Ereignis jedoch, in dieser Zeit der scheinbar unbegrenzten Freiheit, war Weihnachten. Da wurden die größten Schwärmer plötzlich sentimental und fuhren zu ihren Familien, andere lachten sie aus, taten das nicht und heulten irgendwo in der Dunkelheit und versteckten sich. Manche wiederum machten einfach ihr Ding. Den Deutschen wird ein besonderes, ein sentimentales Verhältnis zu Weihnachten nachgesagt, was zweifelsohne stimmt. Was dazu beigetragen hat, weiß ich nicht, aber mir war es relativ egal. So kam es, dass ich nach einer besonders wilden Phase meines Lebens beschlossen hatte, zu Weihnachten einen alten Freund in Norddeutschland zu besuchen, um mit ihm gut zu essen, viel zu trinken und über die Perspektiven des Lebens zu schwadronieren.

Ich bestieg am Heiligen Abend einen Zug, der aus Basel kam und in Hamburg enden sollte. Ich setzte mich in ein Sechserabteil, wo bereits ein Paar, das aus der Schweiz kam, saß. Die Frau war Deutsche, wirkte mondän und erfahren und eröffnete gleich das Gespräch. Ohne Ansatz kamen wir ins Politisieren. Es war ein angeregtes Gespräch, in dem wir feststellten, dass wir viele Ansichten teilten. Der Mann, ein Schweizer, den das alles nicht sonderlich zu interessieren schien, besaß jedoch einen hinreißenden Humor, den er immer wieder an den richtigen Stellen zur Geltung kommen ließ, sodass wir das Thema wechselten und uns nicht an einem besonderen festbissen. Längst hatten die beiden eine Flasche Wein aus dem Gepäck geholt und wir tranken und rauchten.

In Frankfurt dann klopfte ein älterer Herr mit einem Cowboyhut an unsere Tür und fragte in einem englisch akzentuierten Deutsch, ob noch zwei Plätze frei seien. Wir bejahten und er trat mit sehr viel Gepäck ein, das er verstaute, bevor wir sahen, dass die zweite Person ein wesentlich jüngerer Mann war, der die gleiche Kopfbekleidung trug und, wie sich herausstellte, kein einziges Wort Deutsch sprach. Der Mann stellte sich gleich vor und erklärte, er sei ein Deutscher, der vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert sei und der nun, nach Jahrzehnten, zum ersten Mal wieder zurück in seine alte Heimat käme. Das habe er seinem Sohn, und dabei deutete er auf seinen jüngeren Begleiter, versprochen, der sehr neugierig sei zu sehen, woher sein Vater komme.

Immer wieder unterbrochen von interessierten Fragen unsererseits erzählte er aus seinem Leben. Dabei wurde erst die Flasche Wein geleert und dann zog er eine Flasche Whiskey aus seinem Gepäck. Es war eine interessante Geschichte. Hoch im Norden Deutschlands aufgewachsen, in einem dieser Käffer, in denen es außer tragischen Todesfällen und einem jährlichen Schützenfest nichts gab, kam nur die Seefahrt oder das Auswandern in ein fernes Land in Frage für einen, der seine Endbestimmung nicht in dem Umfeld, in dem er sich befand, sah. Er ging in Hamburg in die Fabrik, sparte sich das Geld für eine Schiffsreise Einfach nach Neuseeland zusammen und haute in den Sack. Über Neuseeland hatte ihm ein Matrose erzählt, den er in der Leuchtturm Bar in Hamburg kennengelernt hatte und der vom flachen Land kam wie er. Unser Mann im Abteil fuhr ein halbes Jahr mit dem Schiff, bis er dort ankam, wohin er wollte. Er arbeite in Kneipen, ging aufs Land zu einem Schafzüchter, kaufte irgendwann diesem einige ab und betrieb das gleiche Gewerbe. Er lernte eine Frau kennen, die ihn mochte. Sie bekamen diesen Sohn und sie betrieben mittlerweile eine erfolgreiche Zucht und hatten es zu bescheidenem Wohlstand gebracht

That´s my Story, schloss er und die Whiskey-Flasche kreiste. Obwohl die beiden erst vor einigen Stunden in Frankfurt gelandet waren, bemerkte er, dass sich hier ja auch so einiges geändert hätte. Dabei sah er uns bedeutungsvoll an und wir lachten. Zu unterschiedlich waren wohl die Lebensmodelle, aber es tat der durchweg positiven Atmosphäre keinen Abbruch. Nun fragte er uns und wir erzählten. Die Deutsche aus der Schweiz berichtete, dass auch sie der Enge in Deutschland entflohen sei und nun in Zürich lebe, wo sie freier atmen könne. Ihr Mann gab lachend zu, dass er in seiner aus seiner Sicht engen Schweiz geblieben sei, sein Leben aber weiter und reicher geworden sei wegen dieser Frau aus der deutschen Provinz. Und ich, ich beschrieb meinen Weg aus der Enge in eine Phase, in der ich bisweilen von der großen Weite träumte. Wir hatten riesigen Spaß und unsere Stimmung übertrug sich zum Teil sogar in die Nachbarabteile, aus denen immer mal wieder einer kam und sich auf den einzigen freien Platz setzte, um zu lauschen. Ab Köln jedoch saß dort ausschließlich der Bahnbeamte, der dafür sorgte, dass die Neuseeländer noch eine zweite Flasche Whiskey aus dem Gepäck holten. Der Sohn des Auswanderers verstand übrigens kein Wort von dem, was wir redeten, aber er wußte, worum es ging. Er verfolgte begeistert jedem Redebeitrag. Und dann erzählte uns der Vater, der Junge hätte mit ihm nach Deutschland wollen, weil er so gerne einmal aus der neuseeländischen Provinz in die richtig große weite Welt wolle.

An diesem Heiligen Abend, in diesem Zugabteil, auf dem Weg von Basel nach Hamburg, hatten wir uns allesamt entlarvt. Und das Besondere daran war, dass es keinem weh tat. Wir hatten einen Heidenspaß. Und das zu Weihnachten. Wer sollte so etwas vergessen?

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7 Gedanken zu „Die Reise in die große, weite Welt. Eine Weihnachtsgeschichte

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    ganz herzlichen Dank für diese wunderbare Weihachtsgeschichte und ein Hoch auf die große, weite Welt. Wie schön, wenn wir dabei nicht vergessen, das wir unsere innere Prvinz dabei immer im Gepäck haben. Ich trau mich jetzt fast nicht zu sagen „frohe Weihnachten“, tu’s aber trotzdem. Ein bisschen Provinz muss einfach sein.

    Herzlichst
    Wilhelm

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