Blick zurück im Zorn? Nur ganz kurz!

Madonna wird überall zitiert. Im Hinblick auf das Jahr 2016. Es solle sich endlich verpissen, meinte sie. Und diese Formulierung stößt allenthalben auf große Begeisterung. Madonna hatte es auf die vielen Todesfälle ihrer Branche bezogen und dabei Worte gewählt, die sie in ihrer Jugend in Detroits Arbeitermilieu gewählt haben mag. Wenn sie die Äußerung jedoch auf alles bezöge, was sich 2016 ereignet hat, dann hätte ihr viel zitierter italienischer Vater ihr wahrscheinlich den Hintern versohlt. Denn Defätismus, den konnte sich die Arbeiterklasse nie leisten.

Und das trifft für alle zu, die eine Vorstellung von der Zukunft haben, in der sie selbst eine Rolle spielen. Wer in Depression verfällt, weil sich Dinge nicht so entwickelt haben wie prognostiziert, sollte sich die Frage stellen, wie gefestigt das eigene Bild von der Zukunft ist. Und das ist keine Aufforderung zu einer neuen religiösen Sicht, sondern sehr diesseitig formuliert die Überzeugung, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und dass Verhältnisse, die dem Interesse vieler widersprechen, auch geändert werden können.

Bei der Betrachtung dessen, was in den letzten 12 Monaten hinter uns liegt, sollte auffallen, dass der negative Zungenschlag gerade aus den Medien kommt, die sich auf die Seite einer Politik geschlagen haben, die keine Zukunft hat. Und tatsächlich, die Verfolgung einer Europapolitik des „Weiter so!“ ist ins Stocken geraten, die militärische und ökonomische Integration der Ukraine in den Westen ist fehlgeschlagen, der Flüchtlingsdeal mit der Neodiktatur Türkei steht, allerdings auf brüchigen Füßen, die politische Befriedung von Europas Süden ist im Großen und Ganzen misslungen und es stehen 2017 in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland Wahlen an, die manches verändern können. Der Krieg in Syrien um die Gasroute von Katar nach Europa wurde verloren und das militärische Abenteuer von Afghanistan stellt sich als kapitaler Fehler heraus. Jeder, der eine solche Politik zu verantworten hat, bekommt eine zwischenzeitliche Depression, aber das ist nicht das Problem derer, die für eine andere Politik eintreten.

Da fällt mir eine Episode ein, deren Geist für vieles gilt: Ein Amtsnachfolger fragte seinen Vorgänger, der als ein Inbegriff des Gelingens und der guten Führung galt, ihm einen Rat zu geben, um so souverän werden zu können wie er. Ohne mit der Wimper zu zucken antwortete der: Fälle Entscheidungen, mache Fehler, hol dir die Schläge ab und mache weiter. Nur aus Fehlern kannst du lernen und nur dein Wille ist der Garant dafür, dass du dich durchsetzt und Erfolg hast! Und genau so kann es nur funktionieren, das Suchen nach einer anderen und dann das Betreiben einer neuen Politik. Das zwar verständliche, aber nichts bringende Verharren in der passiven Beobachtung führt zu nichts. Am Ende steht ein alles erdrückender Skeptizismus, der die Welt nicht verändern wird.

Es geht auch darum, die Erfahrung derer zu bündeln, die nicht unbefleckt sind von den Versuchen in der Politik. Sie haben wichtige Erfahrungen, die denen fehlen, die sich vielleicht zum ersten Mal gegen den Wagen werfen, der wieder einmal alles zu überholen droht. Denn gewiss ist, dass die Profiteure von der Entstaatlichung, von der Entmachtung der Politik und von der nie da gewesenen Ausbeutung des Planeten den Wagen weiter rollen lassen werden ohne Skrupel und ohne moralische Bedenken. Da darf ein Blick zurück im Zorn erlaubt sein, aber nur ganz kurz, denn die ganze Kraft muss der Zukunft gehören, und die liegt, für alle, die es noch nicht wissen, immer vor dem Jetzt!

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8 Gedanken zu „Blick zurück im Zorn? Nur ganz kurz!

  1. alphachamber

    Das haben Sie wieder sehr gut geschrieben, Herr Mersmann.
    Nur hier ist ein Problem:

    „…Sie haben wichtige Erfahrungen, die denen fehlen, die sich vielleicht zum ersten Mal gegen den Wagen werfen…“

    Es gibt einen Unterschied zwischen dem Sammeln von stets neuen Erfahrungen, und dem fortwährenden Weiderholen von immer der gleichen „Erfahrung“. Ich fürchte, unsere Regierung (und öffentlichen Persönlichkeiten) fallen in die letzte Kategorie – das unterbindet die Hoffnung.
    Ein gesundes und harmonisches 2017!

    1. nektutir

      auch dazu gibt’s ein schönes zitat: „wisst ihr, was die definition von wahnsinn ist? das wiederholen des immer gleichen verhaltens verbunden mit der hoffnung auf ein anderes ergebnis.“

  2. entdeckeengland

    Ein schöner „Schlachtruf “ für das neue Jahr. Ich fürchte, eine der größten Schwächen unserer Gesellschaft ist die Angst vor Fehlern und das lähmt viele, konsequente Entscheidungen zu treffen. Herzliche Grüße aus Dubai, wo die Welt für diesen Augenblick etwas sonniger scheint, Peggy

  3. vfalle

    Danke für den Appell.
    Tatsächlich kann uns die Vergangenheit lediglich dabei helfen, wiederkehrende Muster und Fehler zu vermeiden. Wer die Zukunft gestalten möchte, der sollte tatsächlich nach vorne schauen.

    Ich nehme an, Du meinst die Sängerin Madonna.
    Detroit ist für mich übrigens das Sinnbild einer gespaltenen Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die Türme der Konzernzentrale eines mächtigen Automobilherstellers und etwas abseits gibt es verfallene Häuserzeilen. Dazwischen stehen brennende Blechtonnen an denen sich Menschen die Hände wärmen. (Das kannte ich zuvor nur aus Kinofilmen.) Unter den großen Türmen der Stadt gibt es eine Laufstrecke, damit diejenigen, die Abends in Downtown-Detroit bleiben, nicht raus auf die Straße müssen. Das ist meine Erinnerung an Detroit.

    Es gibt also einiges, was sich besser machen lässt als in der Vergangenheit. In diesem Sinne: Alles Gute für 2017

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