Zum Finale: Flaschenpost in der Spree

Die Verstörung ist groß. Auch unter jenen, die Noch-Präsident Obama stets ein gutes Zeugnis ausgestellt hatten. Groß waren seine Pläne gewesen, als er vor acht Jahren mit einer fulminanten Unterstützung ins Weiße Haus gewählt wurde. Die Herausforderungen waren nicht von schlechten Eltern: Da lag ein Land nach dem Finanzdebakel ziemlich in Trümmern, die Immobilienblase war geplatzt, die Arbeitslosenquote schoss in die Höhe, massenweise wurden Menschen aus Häusern vertrieben, deren Hypotheken sie nicht mehr bedienen konnten, das Land hatte, was die Ökologie anbetraf, wichtige Jahre verschlafen, die Gesundheitsversorgung war mehr denn je ein Privileg für die reicheren Amerikaner, und die USA waren als Weltpolizist an ihre Grenzen gestossen. Obama wollte das alles ändern. Gelungen ist ihm einiges. Doch er ist auch grandios gescheitert. Nun, eher Tage als Wochen vor seiner Abdankung, scheint ihn ein Trauma zu Taten zu treiben, die sein Land beschädigen, aber nichts an seinen Optionen ändern werden.

Ja, die Gesundheitsreform war ein Jahrhundertwerk, ja, die Durchbrechung des Monopols der Ostküstendynastien in den höchsten Ämtern des Staates war ein beachtlicher, mit zahlreichen Opfern errungener Erfolg. Die Neudefinition der Weltmacht Nr. 1 jedoch ist nicht zustande gekommen. Zwar haben sich die USA vor allem militärisch aus einigen Konflikten herausgehalten, dafür jedoch auf eine Karte gesetzt, die verheerende Folgen mit sich brachte. Die militärische, ja terroristische Verfolgung der eigenen Interessen durch Drohneneinsätze und die Unterstützung von kriminellen Schergen wie im Falle Syriens haben die USA zwar keine eigene Soldaten, aber in hohem Maße Einfluß gekostet. Das Desaster par excellence spielte sich in den letzten Tagen des Kampfes um Aleppo ab. Die USA mussten mitansehen, wie die eigenen Terrorzöglinge in die Enge getrieben und ausgetrocknet wurden. Da nützte auch kein moralischer Shitstorm in den Vereinten Nationen etwas. Der Meister der Rhetorik hatte sich militärstrategisch böse verspekuliert.

Was bleibt, die Frage, die immer dann gestellt wird, wenn eine Periode sich dem Ende neigt, ist ein fader Geschmack bei allen, die von der Größe träumen, aber nicht den ungeheuren Preis zahlen wollen, den diese erfordert. Wie tief muss ein Welthegemon gesunken sein, wenn er noch einmal nach Berlin reist und Angela Merkel sein Testament verstohlen in die Hände drückt. Deutschland, ausgerechnet Deutschland, soll im Geiste des freien Westens den Ballermann aus ihrem Jacket ziehen und dem Russen unter die Nase halten. Der Aufmarsch an Russlands Grenzen war auch so eine Eskapade, die nicht zu Ende gedacht wurde. Wer, wenn nicht die USA, sollte die verspottete Kontinentalmacht in die Knie zwingen? Da mussten schon große Schwärmer ins Spiel kommen, die sich eine solche Rolle zuweisen ließen. Merkel, von der Leyen und Gauck als Kampfansagen an den neuen Zaren im Kreml? Wie möchten sie sich sehen, später einmal, im Museum der deutschen Geschichte? Vieles spricht für die berühmten Fußnoten.

Obama selbst reiste, nachdem er seine bedeutsame Flaschenpost in die Spree geworfen hatte, zurück nach Hause und ließ noch einmal die Sau raus. Israel offen zu attackieren hinterlässt dort böse Spuren, egal was der Nachfolger auch machen wird und russische Diplomaten auszuweisen ist ein Fakt, dem sich Trump nur schwer wird postum widersetzen können. Doch auch das wird als leidliche Regelverletzung in einer Fußnote enden. Alles verändern zu wollen und zänkisch zu enden, das ist ein schweres Los.

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Ein Gedanke zu „Zum Finale: Flaschenpost in der Spree

  1. almabu

    Ich habe Obamas Rede an der Siegessäule in Berlin verfolgt, als Merkel ihn als Wahlkämpfer nicht vor das Brandenburger Tor ließ. Ich war enttäuscht und reduzierte meine Erwartungen an den künftigen US-Präsidenten sogleich. Trotzdem gelang es ihm, mich regelmäßig neu zu enttäuschen. Guantanamo und die Drohnenmorde in aller Welt ohne Gerichtsverfahren aber auch das seltsame Märchen über das Ende von Osama Bin Laden, der NATO-Aufmarsch in Osteuropa an der Grenze Russlands, die permanente Provokation Putins, jetzt zum Schluß auch Israels, nachdem er jahrelang vor Netanyahu gekuscht hatte, all dies bestätigte mein (Vor-)Urteil über Obama. Daß wir jetzt mit Trump eine Wundertüte als Nachfolger bekommen macht die Sache nicht besser…

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