Zersetzung

Es handelt sich um ein Wort, das heute gar nicht mehr gebräuchlich ist. Dabei ist damit zu rechnen, dass es sich wieder in den Vordergrund schieben wird, weil erneut Verhältnisse hervorgebracht werden, die die Technik, die sich dahinter verbirgt, von vielen für angebracht gehalten wird. Und es ist ein Wort, dass typisch Deutsch ist und kaum direkt in eine andere Sprache übersetzt werden kann. Es handelt sich um die Zersetzung. Sie wurde zu einem durchaus gebräuchlichen Begriff in der politischen Terminologie, nachdem sich das in der DDR operierende Ministerium für Staatssicherheit seiner bemächtigt und mit einer Reihe von Vorgehensweisen unterlegt hat.

Mit Zersetzung war das Unternehmen gemeint, den politischen Gegner zu demoralisieren, seine Kreise zu destabilisieren und bei ihm eine mentale Krise hervorzubringen. Die Mittel, die dazu führten, war nicht der offene Kampf, sondern die gezielte Desinformation, die nicht verfolgbare Irreführung und die heimliche Denunziation. Bei der Zersetzung handelte es sich um ein ebenso subtiles wie perfides Mittel der politischen Auseinandersetzung. Es handelte sich um geheimdienstliche Tätigkeiten, die eher die Moral der Gegenseite denn seine physische Infrastruktur zum Ziel hatte. Die Zersetzung war ein komplementäres Mittel im Kampf gegen den Feind.

Mit dem Niedergang der DDR und der Auflösung seiner Staatsorgane wurde auch das Mittel der Zersetzung zunächst zu einem historischen Phänomen. Der Kalte Krieg galt als zu Ende und die perfiden Mittel der Geheimdienste wurden zunächst durch Diplomatie ersetzt. Eine Entwicklung, die immer die Friedensbildung begünstigt und als ein Indikator für das Verhältnis zwischen den Staaten angesehen werden kann. Wer Diplomatie betreibt, hat anscheinend den Willen, auch unterschiedliche Auffassungen in einer allgemein verträglichen Auffassung zu erörtern und auf zivilisatorische Art und Weise zwischenstaatlichen Dissens in einen akzeptierten Modus vivendi münden zu lassen. Sind erst einmal die Geheimdienste unterwegs, ist das Vertrauen in die friedlichen Lösungsmöglichkeiten signifikant gesunken und ein Vorstadium der kriegerischen Auseinandersetzung ist betreten.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht der Begriff der Zersetzung wieder auf und wird somit zu einer Zustandsbeschreibung der neuen weltpolitischen Verhältnisse. Und es sind nicht Putins Trolle, die als Erben des Kalten Krieges zumindest im Westen gehandelt werden, die den Begriff der Zersetzung reaktivieren, sondern es ist eine Stimme aus dem Westen, die dem Osten vorwirft, eine Renaissance der Zersetzung zu betreiben.

Dabei ist das Setting ein Indiz an sich. Es handelt sich um den Deutschen Journalisten Jochen Bittner, seinerseits Redakteur der Zeit und natürlich Mitglied eines amerikanischen Think Tanks, der ausgerechnet in der International New York Times an der These weiter spinnt, die Russen hätten durch Internet-Attacken den US-amerikanischen Wahlkampf manipuliert und es sei zu erwarten, dass im Jahr 2017 mit der bevorstehenden Bundestagswahl die Russen wiederum durch das reaktivierte Mittel der Zersetzung versuchen würden, Angela Merkel zu demontieren. Noch sind die erhobenen Vorwürfe, die vor allem aus dem Lager der unterlegenen Demokraten kommen, nicht belegt, da wird von einem Deutschen der nächste Stein auf das argumentative Gebäude gesetzt.

Im Jargon des Machtspieles ist ein solches Vorgehen das Mittel der Eskalation. Eine Form von Eskalation, die aus der Sphäre der Propaganda stammt, denn sie setzt weniger auf Fakten denn auf Behauptungen und sie versucht in starkem Maße, Ängste zu erzeugen und somit zu emotionalisieren. Zersetzung, Propaganda, Eskalation, zumindest die Sprache, die die gegenwärtigen Zustände beschreibt oder beschreiben will, ist Anlass zu großer Sorge.

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4 Gedanken zu „Zersetzung

  1. NEUE DEBATTE

    Gute Beschreibung. An der Stelle, wo das „Mittel der Zersetzung zunächst zu einem historischen Phänomen“ wird, kann man sich gut darauf verständigen, dass es im Giftschrank eingelagert wurde, um es nun wieder wirken zu lassen. Das erscheint bei der jetzigen Situation zumindest so.

  2. aquasdemarco

    Ich denke es gibt auch russische, israelische, chinesische etc. thinktanks.
    Diese vermischen sich mit denen der Wirtschaft und Finanzindustrie.
    Russland ist da nicht nur Opfer, der Fall der angeblichen Vergewaltigung und die Idee von Russlanddeutschen, in meiner Stadt eine Bürgerwehr zu gründen war real.
    Eine Form der Zersetzung.
    Das waren russische Medien am Ball.
    Ich finde dein Posting sehr sinnig, mich hat es beinahe nur in eine Richtung zerstreut, bis mir auffiel, Zerstreuung wird von vielen genutzt, auch ErdoG lernt es gerade.

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