Märchenstunde und Alltagshorror

Keine der Zahlen überrascht noch. Keine der Meldungen stößt noch auf Unmut oder, wie oft so gerne und seicht formuliert, auf Besorgnis. Selbst Aktionen, die in schrillem Kontrast zu allen Rechtsnormen auf diesem Planeten stehen, werden hingenommen als Fakten, die nicht sonderlich beunruhigen. Da sieht es in anderen Teilen der Welt ganz anders aus. Da kommt dann schon wieder die moralische Entrüstung und das Argument, man müsse Menschenrechte oder Frauen schützen. Aber der Mechanismus ist bekannt. Hierzulande wird es moralisch, wenn interveniert werden soll. Besteht ein Pakt mit einem Diktator, bei dem das Auskommen im Großen und Ganzen stimm t, dann ist das völlig in Ordnung. Ein solcher Pakt steht mit der Türkei. Die Türkei ist in kurzer Zeit von einer formalen, fragilen, immer wieder beschädigten Demokratie zu einer brutalen Diktatur geformt worden. Anlass war ein merkwürdiger Putsch. Was folgte, waren nackter Terror, Notstandsgesetze und die Zerschlagung der freien Presse.

Damit jedoch nicht genug. Im Konflikt mit den Kurden im eigenen Land, gegen die seit einiger Zeit militärisch vorgegangen wird, deren demokratisch agierende Partei durch Inhaftierung ihrer Parlamentarier quasi liquidiert wurde, wurde eine nationale Minorität zum Anlass genommen, im Krieg um Syrien aktiv einzugreifen. Ohne Mandat. Das machen Kriegstreiber heute so. Weder hat die syrische Regierung die Türkei um Hilfe gebeten, noch haben die Vereinten Nationen etwas in dieser Art beschlossen. Die Türkei, Mitglied der NATO und somit Bündnisfall auch für die Bundesrepublik, ist auch ohne Beschluss der NATO, der allerdings keine Rechtsverbindlichkeit hätte, in Syrien einmarschiert und agiert massiv militärisch. Dabei operiert sie auch gegen die Zivilbevölkerung, sofern es sich um die kurdische handelt. Das ruft allerdings kein Entsetzen aus, da war die Behandlung von IS-Rebellen im Osten Aleppos eine humanitär weitaus wichtigere Frage.

Das Beispiel der Türkei und der Umgang einer gewählten Bundesregierung mit der dortigen Entwicklung zeigt, dass sich diese Republik mittlerweile weit von ihrem eigenen Selbstverständnis und der damit verbundenen Geschichte befindet. Alles, was nach Gründung der Republik in den Geschichtsbüchern stand und gelehrt wurde, besitzt keine Relevanz mehr, wenn es möglich ist, neue diktatorische Monster in Europa als Koalitionspartner zu sehen und nichts dagegen zu unternehmen. Un besonders gegenüber der Türkei hätte diese Republik eine besondere Verpflichtung. Historisch bot die Türkei ausgerechnet in Zeiten, als hier die Diktatur wütete, Verfolgten ein sicheres Exil. Und Türken waren es, die in den letzten vier Jahrzehnten in dieser Republik in starkem Maße zu einer wirtschaftlich beachtlichen Entwicklung beigetragen haben.

Das, was diese Bundesregierung angesichts des Flüchtlingsdeals an aktiver Duldung gegenüber der Faschisierung der türkischen Gesellschaft betreibt, ist nicht mehr mit dem Wort Appeasement zu erfassen. Indem weiterhin alle politischen, militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen gepflegt werden, wird das Einverständnis mit dem Kurs nach innen wie außen deutlich. Eigenartigerweise bezieht man sich in diesem Kontext auf diplomatische Gepflogenheiten, während im Ukraine-Konflikt diplomatische Gepflogenheiten für diese Bundesregierung keinerlei Bindung besaßen. Aber nicht nur die Regierung, sondern anscheinend die ganze Gesellschaft scheint sich nicht darum zu scheren, ob in nächster Nachbarschaft ein Terrorstaat etabliert wird oder nicht. Insofern steht die Regierung im Einklang mit großen Teilen der Gesellschaft. Die Sensibilität gegenüber der Gefahr eines neuen Faschismus scheint nicht zu existieren. Obwohl im Wahlkampf propagiert werden wird, gerade jetzt käme es darauf an. Aber nur bis zur Wahl, und nicht in Bezug auf die Türkei. So wird aus einer Märchenstunde eine neue Version des Alltagshorrors.

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8 Gedanken zu „Märchenstunde und Alltagshorror

  1. lawgunsandfreedom

    Verrat von Prinzipien hinten rum, während man vorne rum Menschenrechte und Rechtstreue beschwört. Die Bigotterie unserer Politiker und den Mainstream-Medien ist unübersehbar.

    BTW: Hat sich auch nur ein Politiker bei Angehörigen von Opfern der Terroranschläge in Deutschland blicken lassen? Wenigstens als Geste, daß der politischen Klasse etwas an den Leuten liegt?

  2. alphachamber

    Einige unserer Kommentatoren können Pragmatismus nicht von Vernunft unterscheiden. Die BRD ebenfalls nicht.
    Wir schrieben in einem anderen Zusammenhang, dass Kulturen sich nicht integrieren lassen – nicht mal in einer „säkulären“ Türkei. Eine islamische Demokratie gibt es nicht.

    1. Gunther Sosna

      Dass Kulturen sich nicht integrieren lassen, ist nicht nur ein Märchen, sondern völliger Unsinn. Allein die Geschichte Europas ist geprägt durch die Integration unzähliger Kulturen: Römer, Byzantiner, Abbasiden, Fatimiden, Ziriden, Mongolen, … Alle haben durch ihre Kultur die europäische beeinflusst. In Granada, auf Malta, in Ungarn usw. ist das noch immer zu erkennen. Ungeachtet ist die Integration von einzelnen Menschen eine schwierige Aufgabe. Da spielt der kulturelle Hintergrund eine Rolle, aber vor allem auch Bildung, Sozialisierung, Sprache etc. pp. „Eine islamische Demokratie gibt es nicht.“ Das mag so sein, wenn die Vorstellung identisch sein würde, was eine Demokratie überhaupt ist. In den Bereichen der politischen Rechte und der bürgerlichen Freiheiten finden sich ja selbst in Europa teilweise erhebliche Unterschiede. Insofern ist es als nur eine Frage des Blickwinkels, was werthaft ist und was nicht.

      1. alphachamber

        @ Herr Sosna:

        Wenn grau die Integration von weiß und schwarz ist, haben Sie sicher recht. Aber das wäre kein Unsinn, sondern Blödsinn.

        Die Kernwerte der Demokratie werden wohl allgemein verstanden – von denen die um sie kämpfen und denen die sie zu verhindern suchen.

  3. almabu

    Aber ganz egoistisch möchte ich feststellen, daß ein Deutschland mit Millionen Mitbürgern aus einem demokratischen, stabilen, gemeinsame Werte-teilenden Nachbarland annähernd gleicher Einwohnerzahl (80+ Mio!) mir entschieden lieber wäre, als wenn dieses Nachbarland eine von bürgerkriegsähnlichen Zuständen zerissene und überdies nach außen kriegführende Diktatur eines willkürlichen, korrupten Familienclans wäre mit unabsehbaren Risiken und Folgen für Deutschland. Ich würde mich einfach sicherer, wohler fühlen. So, das musste jetzt mal gesagt werden!

    1. alphachamber

      Werter Herr Sosna,
      ja, das wäre es, denn wir sind nicht die Autoren dieses Blogs. Eine „substanzielle Replik zur europäischen Kulturentwicklung“ zu Ihrem Kommentar passte kaum in ein Antwort-Fenster – wobei „substanziell“ im Auge des Lesers liegt.

      Hier haben wir uns ausführlicher zu diesem Thema geäußert:
      https://huaxinghui.wordpress.com/2015/08/07/kultur-hindernis-zur-menschlichkeit/
      https://huaxinghui.wordpress.com/2015/03/03/verdienen-die-deutschen-eine-nation/
      Sie sind auf unserem Blog herzlich willkommen.

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