Von Schüssen, die nach hinten losgehen

Nach einer Phase relativer Ruhe folgt ein Stadium rascher Veränderung. Nach der Amtsübernahme Donald Trumps nimmt die Entwicklung der internationalen Beziehungen Fahrt auf. Und noch ehe sich jemand im Lager der EU versah, stand Großbritannien an der Seite des neuen US-Präsidenten. Da war nicht mehr allzu viel zu verspüren von einer Anti-Russland-Front. Im Ton gerade für britische Verhältnisse sehr gemäßigt, wurde von der Notwendigkeit der NATO schwadroniert, aber da hatten sich zwei alte Alliierte wiedergefunden, die es nicht so sehr mit der europäischen Idee haben. Was nicht verwundern sollte, bei den USA schon gar nicht und bei Großbritannien sowieso nicht. Letzteres hat sich nie als Teil Euroas gesehen, alles andere war Camouflage. Allerdings teilen die beiden neuen Partner eine Schwäche: sie hatten bewußt die Wertschöpfung im eigenen Land den Bach heruntergehen lassen zugunsten einer Rotlicht-Finanzwirtschaft. Da wird die wirtschaftliche Konsolidierung sehr spannend.

Und dann der Kontakt Trumps zu Putin! Nach dem, was bekannt wurde, haben sich die beiden Herren sehr schnell auf eine zeitnahe Liquidierung des IS geeinigt. Das ist gut so, gut für Syrien wie die Welt. Und wenn das heißt, dass die USA in Zukunft aufhören wollen, Terrorgruppen zu unterstützen, um eine wie auch immer geartete Agenda des Regimewechsels in fremden Ländern zu verfolgen, dann ist das auch eine gute Nachricht. Es heißt, wachsam zu sein, bei allem, was sich tut!

Es sieht so aus, als ob die deutsche Position, bzw. die Position der Bundesregierung, die auf Konfrontation mit Russland setzt, eine wäre, die sich bereits isoliert hat. Die interventionistische Politik gegenüber der Ukraine, die als Akt der Aggression bezeichnet werden muss, scheint in der Trump-Administration keine Zukunft mehr zu haben. Die Demission vor allem von Frau Nuland hat da ein deutliches Zeichen gesetzt. Das Junktim von EU und NATO, welches die deutsche Seite im Falle der Ukraine mitgetragenen hat, scheint sich als Rohrkrepierer herauszustellen. Es hat die Kriegsgefahr signifikant gesteigert. Aber sie ist das Resultat einer Politik, die den Kontinent Europa ohne Russland denkt. Das war schon einmal anders und muss nicht gleich bedeuten, die russischen Verhältnisse zu beschönigen. Aber Russland als Faktor einer Friedensordnung zu ignorieren, ein solches Kalkül stammt aus den Häusern amerikanischer Falken und Weltzerstörer, die die europäische Geschichte ignorieren. Denn niemand, der bei klarem Verstand ist und die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt, käme ohne Fremdeinwirkung auf eine solche Spekulation.

Was in diesem Kontext immer wieder und immer sehr laut zu vernehmen ist, das ist der Appell an die eigenen Werte. Einmal abgesehen davon, dass bei einer Befragung in den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten nach den zentralen Werten sehr unterschiedliche Resultate kämen, aufgrund derer so mancher Moral-Hardliner aus dem grünen Mutterland zu den Waffen riefe, sollte die neueste Entwicklung wieder einmal zur Demut mahnen. Da melden sich türkische NATO-Offiziere in Deutschland und bitten um politisches Asyl, da sie nach dem vermeintlichen Putschversuch im NATO-Partnerland Türkei auf den Listen stehen und befürchten, bei Auslieferung an das dortige Regime gefoltert und im Hinterhof verscharrt zu werden. Warum, so die einfache Frage, warum spricht da aus dem Regierungslager niemand von Werten, auf die wir alle so stolz sind? Manche Schüsse, so kann man folgern, gehen auch nach hinten los. Im Moment sind es eine ganze Menge.

Advertisements

5 Gedanken zu „Von Schüssen, die nach hinten losgehen

  1. aquasdemarco

    Menschen aus einigen islamischen Ländern die Einreise in die USA zu verweigern, erscheint mit kein guter Plan zu sein Extremismus zu verhindern.
    Der Schuss geht womöglich nicht nur nach hinten los.

  2. almabu

    Wenn es das Ziel sein sollte Deutschland in eine ähnliche Isolation wie vor den beiden Weltkriegen zu treiben, dann sind wir diesem Ziel bereits näher gekommen. Dazu meine zugegebenermaßen subjektive Einschätzung:

    Deutschland / USA = verschlechtert!
    Deutschland / UK = verschlechtert!
    Deutschland / Russland = verschlechtert!
    Deutschland / China = verschlechtert!
    Deutschland / EU = verschlechtert!
    Deutschland / Türkei = verschlechtert!
    ––––––
    Deutschland / Frankreich = bisher wohl unverändert, aber wohl nur bis zu den Wahlen im Nachbarland im kommenden Mai? Derzeit ist François Hollande eine „lahme Ente“, ein Präsident auf Abruf. Gewänne Marine Le Pen gäbe es sowieso Ärger, aber auch ein konservativer oder (hoffnungsloser Optimist) auch ein Sozialistischer Präsident müsste sich erst einmal zur Profilierung etwas von Merkels Schürzenzipfel lösen, sprich sich zurückziehen…

    Es scheint, Frau Merkel hat den Schuss nicht gehört?

    1. lawgunsandfreedom

      Sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg dienten dazu, Deutschland klein zu halten und zu verhindern, daß Deutschland und Russland zusammenarbeiten. Da gibt es genügend Aussagen von Churchhill, Roosevelt und – aktuell – von George Friedman/Stratfor. Leider ist das keine Verschwörungstheorie, so absurd das für so manchen klingen mag, sondern aus offiziell anerkannten Quellen bestens belegt.

      Es gibt nichts, was die USA und GB mehr fürchten, als ein wirtschaftlich starkes Deutschland, das auf den Rohstoffreichtum von Russland zugreifen kann. Getrennt glaubt man, mit den beiden Ländern fertig zu werden.

      1. almabu

        Den „Kirchenhügel“ (Churchhill) kenne ich nicht, aber das ist eine allgemein bekannte Theorie. Allerdings funktioniert Welthandel nicht einseitig und ein Deutschland mit Industrie und Rohstoffen wäre ohne entsprechende potente, solvente Abnehmer auch nicht funktionabel. Das ist ja auch eine der Schwächen dieser ganzen nationalistischen Argumentationen…

      2. lawgunsandfreedom

        Sorry, Vertipper. Kommt gelegentlich mal vor.

        Sicher hast Du recht. Aber da denken die Nationalisten nicht drüber nach – die ungezügelten Internationalisten allerdings auch nicht.

        Letztendlich egal – in ein paar Millionen Jahren interessiert das keinen mehr ^-^

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.