Sandmännchen oder Red Herring?

Der Erzählung nach kam abends das Sandmännchen und streute mit fürsorglicher Güte den noch aufgeregten Kindern eine Prise des Sandes, welchen es in einem Sack auf dem Rücken trug, in die Augen. Dabei erzählte es eine Gute-Nacht-Geschichte, in der es keine Aufregung mehr gab, ganz im Gegenteil, sie hatte den Charakter eines schönen Traums, in dem nichts Schlimmes vorkam, sondern sich vieles widerspiegelte, was sich Kinderseelen wünschten. Das Ergebnis war ein sanfter Schlaf, fernab der aufregenden Welt. Selbst die verbal-homöopathische Betäubung, die sich in diesem Ritual zeigte, war das Zeichen einer heilen Welt. Diese existierte nie. Aber was wäre die Sozialisation des Menschen ohne ritualisierte Formen der Illusion?

Warum ich das erzähle? Weil mir kürzlich jemand sagte, das Phänomen Donald Trump wäre eine Erscheinung wie das Sandmännchen. Mit dem Bösen, das mit diesem Mann assoziiert werde, würden die Menschen hier, fernab der USA, wieder einmal eingeschläfert und davon abgehalten, die Augen offen zu halten und zu sehen, was hier alles im Argen liegt und womit man sich besser beschäftige als mit Donald Trump. So ganz Unrecht hatte der Mann nicht, auch wenn der Vergleich gewaltig hinkt. Denn ob Trump, oder Erdogan, oder Putin, oder Assad, die große Aufmerksamkeit, die diese Menschen und ihr Tun genießen, sie hat sicherlich etwas damit zu tun, die eigenen Umstände unausgesprochen zu beschönigen und von eigenen Defiziten abzulenken. Insofern dient die mediale Ekstase, mit der über die Bösewichter dieser Welt berichtet wird, den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Aber, und das ist der Unterschied zum Bild und Narrativ des Sandmännchens, die Sicht wird getrübt, aber nicht das Einschlafen ist das Ziel, sondern es wird mit Angst und Schrecken gearbeitet, vielleicht auch, um Aggressionen zu erzeugen.

Es ist nicht zu unterschätzen, dass die Deutung des Bekannten, von dem ich berichtete, keine Einzelepisode darstellt. Immer mehr Menschen kommen zu dem Schluss, dass der Aufmerksamkeitsfokus sich auf Dinge richtet, die weit weg von dem sind, was die eigenen Einflussmöglichkeiten betrifft. Und die Reaktion vieler, die auf dieses Spiel anspringen und es mitmachen, zeigt, dass es etwas beinhaltet, das einerseits befriedigt, anderseits aber kaum praktische Folgen für das eigene Handeln hat. Bei allem, was da verbal an Entrüstung über den Tisch geht, ist daher zu hinterfragen, ob die Radikalität dann noch gegeben wäre, wenn es Spitz auf Knopf im eignen Lebensbereich geht. Zu oft ist zu beobachten, dass die über Verhältnisse oder Personen in der Ferne richtenden so aufrechten Demokraten im Alltag jede Schmähung und Demütigung schlucken wie die frommen Lämmer. Auf sie zu setzen, wenn es einmal wirklich um die Menschenrechte im eigenen Land ginge, bei dem die Skrupellosen direkt vor der Haustür stehen, halte ich für eine fatale Spekulation.

Da das Bild des Sandmännchens nicht ganz stimmig ist, sollte die Technik der Desinformation vernünftiger Weise mit einem anderen Begriff belegt werden. Im Angelsächsischen existiert der Begriff des Red Herrings, also des Roten Herings, der ziemlich genau die Ablenkungsmanöver beschreibt, mit denen wir es zunehmend zu tun haben. Wir sollten ihn häufiger verwenden, weil er mehr auf die Notwendigkeit der Korrektur deutet als auf das bloße Einschläfern. Wer merkt, dass er bewusst auf eine falsche Fährte gesetzt wird, der verspürt sofort das Bedürfnis, dem Manöver auf die Schliche zu kommen.

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