Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit

Es existiert ein böses Wort von Adorno über den Jazz, in dem er das transportierte Gefühl dieser Musikform als das Sich-Delektieren der Schwarzen mit der eigenen Unzulänglichkeit bezeichnet. Das Zitat zeigt zweierlei. Zum einen, dass es sich bei Adorno um ein Exemplar des elitären Bürgertums gehandelt hat und er exklusiv in den Kategorien desselben gedacht hat und zum anderen, dass es in der Betrachtung solcher Zitate eine Historizität geben muss. Wenn diese Erkenntnis nicht mehr zählt, dann sind die Zeiten düster. Denn wenn nicht mehr historisiert werden kann, d.h. wenn es nicht mehr zulässig ist, etwas innerhalb der Maßstäbe der zu betrachtenden Zeit eine Weile gelten zu lassen, dann herrscht das Dogma und das Amöbenhafte. Menschen ohne Geschichte sind gattungsgeschichtlich hirnlose Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.

Doch zurück zu der Formulierung Adornos. Mit ihr dokumentierte er auch seine epistemologischen Grenzen, denn wenn ein Genre aufzeigt, dass die Kunstgeschichte nicht mit dem Bürgertum an ihr Ende gelangt ist, dann ist es der Jazz. Er war und ist die urbane Befreiung vom ruralen Kolonialismus und die Formgebung industrieller Kakophonie. Das hat Adorno nicht begriffen, weil ihm etwas unterlaufen ist, was ihm ansonsten in seiner Musiksoziologie nicht passiert ist: er hat sich mit den Texten begnügt, ohne die tonalen Folgen zu studieren. Aber damit lassen wir es auch bewenden.

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit jedoch ist als Formulierung an sich genial, weil sie etwas beschreibt, das durchaus als ein im kantischen Sinne Unaufgeklärtes gelten kann. Denn, bei Betrachtung heutiger stereotyper Verhaltensmuster ist das in der adornoschen Formulierung Getroffene keine Seltenheit. Immer wieder ist dieser Sachverhalt anzutreffen. Individuen oder Menschengruppen finden zusammen, beschreiben sich und ihre Rolle in einem Prozess und stellen fest, dass sie in diesem Prozess zu Recht keine souveränen Subjekte, sondern manövrierte Objekte sind. Und, das ist das Fatale, sie ergötzen sich sogar daran. Der Status des Unaufgeklärten Selbst erscheint als etwas Lust Spendendes, als ein Zustand des Genusses. Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit entpuppt sich als das Ergebnis umfassender Entmündigung.

Eine Eskalation zum Schlechteren ist schlichtweg nie ausgeschlossen. Und so verwundert es kaum, dass das Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit von denen, die politische Prozesse gestalten sollen, auch noch aufgenommen wird wie eine willkommene Einladung, um Trost zu spenden. Das ist frivol und unaufrichtig, weil es das bewusste Handeln von Menschen als gesellschaftlichem Akt nicht mehr vorauszusetzen gewillt ist. Da wird es schwierig, noch weitere Abstufungen zu finden. Es mutet an, wie eine prä-humane Phase der Existenz.

Die Koketterie mit der eigenen Unzulänglichkeit mit Empathie eliminieren zu wollen, ist der Versuch, Verweigerung durch Zuwendung zu therapieren. Zumindest spricht sehr viel dafür, dass es sinnvoller ist, die negativen Folgen von Unmündigkeit aufzuzeigen, als die mit ihr korrelierenden Belohnungssysteme hervorzuheben. Es ist sinnvoller, Forderungen an die Unzulänglichen zu stellen, als sie von einem Leben in Selbstbestimmung abzuschirmen und ihnen den Müßiggang der Bevormundung als erstrebenswertes Ziel zu suggerieren. Es heißt, dass das von Kant formulierte Heraustreten aus der selbst verantworteten Unmündigkeit nur durch eine Forderung an das Subjekt gewährleistet werden kann. Und nicht durch Sympathie für das Opfer. Das klingt banal, ist jedoch die Essenz von Befreiung!

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6 Gedanken zu „Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit

  1. gerhard

    Wirft bei mir die Frage auf: Kann man das auch für den Punk so stehen lassen (zumindest für die „ernstzunehmenden“ Spielarten der siebziger Jahre) ?

  2. user unknown

    Ich kann hier kein „gefällt mir“ geben. Ich verstehe Adornos Kritik nicht. Ich kenne auch nur das davon, was in der Dialektik der Aufklärung steht und sein Polkaaper¢u. Es ist mir fundamental fremd und ich kann damit leben, dass es wahrscheinlich meine Unzulänglichkeit ist, die hier tiefere Einsichten vereitelt.
    Mein Fluchtweg, auf dem ich Adorno nicht umrennen muss, ist, dass ich nur begrenzte Zeit habe, mich mit der Welt zu beschäftigen, und ich mich anderen Fragen mit mehr Aussicht auf Erkenntnis widmen kann.
    Vor dem Kommitee des Zentralrats musikkritischer Philosophen werde ich mich damit herausreden, dass ich immerhin Helene Fischer immer weggezappt habe, wenn ich ihr medial begegnete – das muss reichen. 🙂

  3. dienstagsform

    Sie haben es im 1. Abschnitt sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Wahrheit hat einen Zeitkern ( Wolgang Pohrt)
    Ich bin dem Herrn, der selbst schwurbelt wie ein Heidegger ( Jargon der Eigentlichkeit mal andersherum) auch Jahrzehnte “ hörig“ verfallen.
    Mit folgenden Zitaten von Herrn Adorno kann ich mehr anfangen. Ich sehe ihn jedoch jetzt in einem anderen Licht.
    Hier willkürlich zusammengestellte Zitate.
    In der Zeitschrift Europäische Revue glossierte er das von den Nationalsozialisten durchgesetzte Verbot des „Negerjazz“ dahingehend, dass das Dekret nachträglich bestätige, was sich musikalisch bereits vollzogen habe.

    „Warum läßt sich Elisabethchen nicht als Nutte ausbilden? Ich bin sicher, daß bei den 2,500.000 Tommies sie in ihrem zarten Alter große Chancen hätte, und vielleicht würden auf diese Weise wenigstens einmal in ihrem Leben ein paar Menschen Spaß an ihr haben.“

    er möge „mit mächtigen Hauern und Wildgebrüll der Brut den Leib aufschlitzen (noch die letzten Verwandten, in England, werden ihm geopfert!), seinem Kind zur Freude! Ich bin so blöd und sadistisch aus lauter Freude, und fletsche die Zähne vor Glück!“

    „In bezug auf Kreisler bin ich völlig Eurer Meinung. Er ist schon lange auf den Hund gekommen und hat jeden Maßstab verloren. Diese ganze Art des Musizierens gehört liquidiert, und man fragt sich manchmal, ob die deutsche Barbarei, die zu dieser Liquidation beiträgt, nicht hier wie in vielem anderen gegen den eigenen Willen einen sehr gerechten Urteilsspruch vollstreckt.“

    „Fast muß man bitten, daß es nicht zu schnell geht: daß nicht ein politischer Zusammenbruch erfolgt, der den Deutschen die offene militärische Niederlage erspart und sie doch nicht so am eigenen Leibe fühlen läßt, was sie angerichtet haben“

    „was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot, wahrscheinlich dem Volk das Genick gebrochen, sodaß es als Subjekt aus der Weltgeschichte ausscheidet wie die Karthager nach dem zweiten punischen Krieg“

    Die Frau sei heftiger vom Warencharakter beherrscht, glaubt er. Mit ihrem «spezifischen Konsumentenbewusstsein» wirke sie geradezu als «Agentur der Ware in der Gesellschaft». Jede Beobachtung zeige, «dass auch sexuell ganz ungehemmte Frauen die schlimmsten Züge des bürgerlichen Charakters aufweisen können».
    Das Weekend mit Carol. Wir aßen im Rumpelmeier, ich setzte ihr das Programm auseinander, das wir streng innehielten; Genießen der Vorlust … Nachmittag der äußersten Exzesse, in völliger Helle und Klarheit. Echte Masochistin: zweimal ihr Orgasmus nur beim freilich erbarmungslosen Schlagen … Das Kunststück beim Lieben von hinten einen ganz einzuschließen … Morgens nackte Reprise. Menschlich und geistig gereift.
    Horkheimer über Adorno:
    «Adorno sagt zu jeder seiner Analysen auch das Gegenteil. Aber trotz dieser auf die Spitze getriebenen Dialektik bleibt, was er sagt, unwahr. Denn die Wahrheit lässt sich nicht sagen. Und persönlich bleibt er unbeteiligt.»

    „…bedauert man nur, dass die Atombombe nicht an Deutschland ausprobiert ward.“

    So erklärt er, Siegfried Kracauer sei ein „schwieriger Fall“, ja sogar „verrückt“; dessen Buch über den Komponisten Jacques Offenbach halte er für „ein starkes Stück Konformismus und Rückständigkeit“. Leo Löwenthal handhabe die „Kategorie des dialektischen Materialismus in einer Weise, die der roten Tinte des Lehrers nicht ganz unähnlich sieht“. Und Herbert Marcuse sei schlicht ein durch Judentum verhinderter Faschist.

    „Sodomie kommt meist aus Not, Sadismus macht die Backen rot.“

    Adorno hatte unbegreiflicherweise in den ersten NS-Jahren einige regimeberauschte Rezensionen
    geliefert, darunter ein Lob jener Männerchöre, die Gedichte von Baldur von Schirach sangen – für
    Adorno ein Beispiel der neuen Romantik, »die Goebbels als ›romantischen Realismus‹ bestimmt hat«

    Für Quellenangaben dieser z.Teil omnipotenten Phantasien einfach googeln.

  4. gkazakou

    bei all der Adorno-Reminiszenz in den Kommentaren geht leider der Kern des Arguments verloren: dies sich Wohlfühlen in der eigenen Unzulänglichkeit, das Kokettieren mit der Opferrolle – es ist in vielen Kulturen zu Haus, auch in der, in der ich lebe (Griechenland). Die Politiker tun nichts anderes, als noch eins draufzusetzen, indem sie ihr eigenes Handeln bzw Versagen als Ergebnis einer Vergewaltigung durch das Ausland darzustellen versuchen.

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