Verletzte Würde, Empörung und kein gutes Ende

James Schamus. Empörung

Das erste Plus der Verfilmung von Philip Roth´ Roman „Empörung“ ist seine Nähe zur literarischen Vorlage. Bis auf das Auslassen einzelner Episoden, über die gestritten werden könnte, ob sie redundant sind, konzentriert sich die Verfilmung auf das problematische Verhältnis eines nicht in die Passung des Durchschnitts fügbaren jungen Juden aus Newark, New Jersey, seinerseits Sohn eines (koscheren) Metzgers, den ein Stipendium nach Winesberg, Ohio, bringt, wo er die Engstirnigkeit und Bigotterie des amerikanischen Mittelwestens zu spüren bekommt. Die Hochschule, die er dort besucht, steht mit ihren Prinzipien zwar auf den Säulen der demokratischen amerikanischen Verfassung, wer diese allerdings interpretiert, das sind die weißen, dort mittelständischen und ultrakonservativen Protestanten.

Das Drama manifestiert sich in der Beziehung des jungen Protagonisten zu einer Mitstudentin, die ihrerseits bereits Erfahrungen mit Alkohol und einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Sie hat die bereits größere sexuelle Erfahrung und zeigt sie dem Jungen, der dadurch sehr verunsichert wird. Zum Showdown kommt es bereits früh, als der Protagonist zum Rektor der Hochschule geladen wird, weil er sich mit lauten Zimmermitbewohnern nicht einigen konnte und seither eine Einsiedlerwohnung im toten Trakt eines Gebäudes vorzieht.

Der Dialog zwischen Marcus Messner und dem Dean wird zum zentralen Ereignis auch des Films. Es gelingt, die durchdachte und klar Stellung beziehende Position des Jungen darzustellen und wie sie durch die Anwendung einer fintenreichen, mit Andeutungen und formalen Analogschlüssen arbeitenden Gesprächsführung des Rektors in eine Anklage umschlägt. Aus beanspruchten Freiheiten werden so Angriffe auf die still arbeitende und guter Dinge seiende Mehrheit, aus logischem Denken wird so sehr schnell kaltherziger Egoismus. Jedes Argument Marcus Messners wird in diesem Sinne gedreht und es führt zu dem, was sowohl dem Roman als auch dem Film den Namen gegeben hat: Empörung.

Und so sehr es Empörung ist, die die Reaktion des jungen Studenten kennzeichnet, so sehr trifft es nur die halbe Wahrheit, obwohl sie in der Übersetzung des englischen Begriffs „Indignation“ bereits auch enthalten ist. Mit Empörung wird der Unwille Messners beschrieben, sich durch die manipulative Herrschaftslogik und Herrschaftsrhetorik des Rektors unterkriegen zu lassen. Aber neben der Empörung schwingt auch noch das mit, was in Indignation, dem Eindringen in die Würde, mitschwingt. Es ist die Verletzung der Würde des jungen Menschen, der diesen immer mehr in die Rebellion treibt und es ist die Verletzung der Würde, die den jungen Messner auch ahnen lässt, dass seine Geschichte nicht gut ausgehen wird. Die angeschlagene, morbide und extrem feinfühlige Freundin ahnt das bereits früher als er, was zu ihrem Zusammenbruch führt.

Marcus Messner, der Jude, der dem Mainstream die Stirn bietet, nicht weil er ein Rebell par excellence ist, sondern weil der Mainstream seine demokratischen Rechte wie seine Würde verletzen, begibt sich in einen Kampf, der nicht an den Kathetern des College, sondern an der Freiwilligenfront in Korea endet, in einem Krieg, bei dem es um Einflusssphären der neuen Weltmacht ging, und nicht um Verfassung oder Demokratie. Der Konnex von Weltmacht und der Autonomie ihrer Bürger bekommt zumindest am Horizont eine Kontur. Alles in allem, für das selbstbewusste, sich selbst bestimmen wollende Individuum ein einziges Desaster. Ein grandioser Film, der Nachdenklichkeit zur Folge hat.

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