Chuck

Der Kronzeuge gegen die These, der Rock ´n´ Roll sei eine weiße Angelegenheit gewesen, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Dabei wäre ihm diese Zeugenschaft völlig egal gewesen. Wichtig war ihm, dass seine Musik Dampf machte und alles stimmte. Der zornige und zielstrebige junge Mann beschritt sozial den Weg, den es brauchte, ein junges, rebellisches Genre wie den Rock ´n´ Roll ins Leben zu rufen. Der Preis war hoch, aber es hat sich gelohnt.

Als junger Mann war der 1926 in St. Louis, Missouri, geborene Charles Edward Anderson Berry bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Oder, um es wahrheitsgemäß auszudrücken, er hatte sich an mehreren Einbrüchen beteiligt und einen Raubüberfall auf dem Gewissen. Das hieß mehrere Jahre Jugendgefängnis, genau bis zu seinem 21. Geburtstag. Danach jobbte er hier und da herum und die Sozialprognose für ihn wäre nicht sonderlich positiv ausgefallen. Ihn rettete jedoch eine Anstellung als Pförtner bei einem Radiosender, wo er nicht nur gute Musik hören, sondern auch noch eine gebrauchte Gitarre erwerben konnte.

Es folgten die autodidaktischen Exzesse, die alle treiben, die sich aufs Neuland begeben und irgendwann kam ein Chuck Berry zunächst mit Blues Klassikern auf die Bühne, die er eigenartig intonierte und inszenierte. Und dann kam der Besuch in Chicago, bei dem dieser Chuck Berry Ikonen wie Muddy Waters und Elmore James hören und sehen wollte. Und, als er sich ein Autogramm von Muddy Waters holte, wagte er sich ihn zu fragen, ob er ihm ein gutes Studio empfehlen könne. Dieser nannte ihm Chess Records, das bis dahin den Blues promovierende Label. Leonard Chess erkannte in Berry das, was er war: ein Revoluzzer, der eine ganze Generation mit treiben würde.

Es folgten Hits über Hits, die heute bereits zum Kulturgut Nordamerikas gehören. Jeder von ihnen durch die dynamische Performance eines Chuck Berry, der nebenbei die E-Gitarre zum lead-Instrument machte, durch Texte, die sich von dem sonstigen Gesülze durch harte Botschaften abhoben, genauso bekannt wie durch überzählige, unendliche Cover-Versionen, von den Beatles bis zu den Stones und bis zu jeder Hobbyband in irgendeinem Keller in der Provinz: Back in The USA, Sweet Little Rock ´n´ Roller, Maybeline, Roll Over Beethoven, Memphis Tennessee, Sweet Little Sixteen, Johnny B. Goode, No Particular Place To Go…

Chuck Berry spielte zunächst nur vor schwarzem Publikum, bis sich herumsprach, was in diesen Konzerten passierte. Nach und nach wagten sich die ersten Weißen zu den Konzerten und es dauerte nicht lange, bis der Rock ´n´ Roll sich von der Rassenfrage etabliert hatte. Chuck Berry blieb seiner Musik treu, auch als der Rock ´n´ Roll anderen Genres in Sachen Popularität weichen musste. Der Mann aus St. Louis schaffte es vom Jugendknast sowohl in die Rock ´n´ Roll als auch in die Blues Hall of Fame. Er spielte bis vor kurzem auf vielen Bühnen der Welt. Der Rock ´n´ Roll war sein Leben. Er hat ihn bis zum letzten Atemzug leben können. Was für ein Privileg!

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6 Gedanken zu „Chuck

  1. almabu

    Chucks Leben war nach benachteiligten Anfängen wie ein einziges, positives, Hoffnung stiftendes Märchen und dabei war der Typ nur sechs (6!) Jahre jünger als mein Vater ;-))

  2. Lena Riess

    Die zweite Platte meines Lebens war ein Chuck Berry Livealbum. Unvergessen, eine Legende dieser Mann. Und die besten Rock’n’Roll Songs ever …

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