Ruhrpott. Von Hartwig Maly

Eine Woche lang habe es auf mich einwirken lassen. Wie Sauerkraut in den grauen Steinbottichen meiner Mutter, im kühlen Keller, fing die Erinnerung an zu gären. Geburtsort Bodelschwingh nahe Castrop-Rauxel. Eine kleine, behütete Welt nahe Schloss Bodelschwingh im Renaissancestil mit englischem Landschaftspark, im Besitz derer von Knyphausen, alter friesischer Uradel. Große weich geschwungene, wie in die Landschaft gepinselte Felder und Wälder, typisch westfälisch, Fuchsschwanzjagd, Gulaschkanone im Herbst. Zeche Westhausen, Kokerei, Bergarbeitersiedlung, weiße Wäsche, die draußen auf der Leine schon nach kurzer Zeit grau wurde. Grau-schwarze Fassaden, Schrebergärten, der erste Tomatensalat Ende der Fünfziger. Im Innenhof gepölt. Angefeuert von Kraschewskis, Wojschinkis und Szaszaks und dem einen oder anderen aus Ostpreußen vertriebenen Hugenotten.

Großvater Bergmann, aus dem heute polnischen Wartheland, südlich von Danzig, Vater Bergmann. Mein Lebensweg schien vorbestimmt. Ein Blick auf die Lebenslinie meines Vaters und auf meine, um zu verstehen wie Willi Brand meinen Blick und den vieler Arbeiterkinder auch auf den Ruhrpott zu verändern half. Mein Vater, Jahrgang 1914. Mit 14 Bergmann geworden. Das ´Ius primae noctis´ auch im Bergbau noch nicht lange Vergangenheit. Kohle wurde noch mit Spitzhacken abgebaut. Pferde transportierten die Kohle unter Tage zu den Körben, um zu Tage gebracht zu werden. Knochenarbeit. Kriegsbeginn 1939, Ostfront. Dazwischen Kriegsverletzung, Lazarett, verliebt in eine Pflegerin. Alter Stadtadel seit dem 13. Jahrhundert aus der südbadischen Stadt Waldshut, derer von Hildenbrandt. BDM. Stalingrad. Überlebt. Kriegsgefangenschaft in Tiflis. Zu Fuß über 1.000 Kilometer. Im Winter. Überlebt. Tuberkulose, Leberzirrhose und vieles mehr beim Ausbau der georgischen Hauptstadt. Überlebt. 11 Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft. Unglaublich aber überlebt. Dann wieder Kohle abbauen mit Presslufthammer. Sein Blick auf den Ruhrpott. Meist unterirdisch. Dazwischen der eigene Schrebergarten und Sonntag vormittags Bier und Korn bis zum Mittagessen mit der Familie. Rente mit 52. Steinstaublunge und Tod mit 67.
Ich 1952. Mein Ruhrgebiet bestand aus einer kleinen Bergarbeitersiedlung, einem nahen Bach, Wäldern in denen wir spielten, Heuschober, in denen wir aus vielen Metern Höhe ins Stroh sprangen. Natürlich nicht erlaubt. Realschule wenige Kilometer entfernt. Zugangstest. Arbeiterkinder waren nicht unbedingt erwünscht. Mein Deutschlehrer ließ mich das immer wieder spüren. Auch heute noch ohne erkennbaren Schaden in meinem Selbstbewusstsein. Welche Parallaxenverschiebung, als ich ihn zum 25jährigen Jubiläum unserer Abschlussklasse wiedersah. Aus dem gefürchteten Lehrer von einst wurde ein nicht unsympathischer intellektuell eher unauffälliger älterer Herr. Phantastische Deutsch- und Geschichtslehrer in der Realschule und auf dem darauf folgenden Gymnasium folgten. Mein Ruhrgebiet wurde schon etwas größer. Um die Innenstadt Dortmunds wegen meines Gymnasiums, um das Stadion Rote Erde wegen meines Leichtathletikvereins. Aus unerklärlichen Gründen die Mao Bibel ständig in der Schultasche. Erste Blicke über den Ruhrpott hinaus. Besichtigung der Ruhr-Uni in Bochum mit Freunden aus der Oberprima in 1972. Alle wollten Germanistik und Geschichte studieren. Auch ich. Ohne, aus der heutigen Erinnerung, nachvollziehbaren Grund fand ich mich im Studium der Chemie in Dortmund wieder. Geschafft trotz unterirdischer Abiturnote. Ich vermute, weil ich schon seit meiner Kindheit gerne, meist erfolglos, Raketen gebaut habe und ich mir mit 12 Jahren im holländischen Ferienlager des CVJM mit Faszination im Mentor- Repetitorium ´Organische Chemie´ die Struktur von Methan angesehen hatte. Während der Diplom- und Doktorarbeit in Chemie parallel Physikstudium. Eher ein Wissenschaftskloster. 12 Stunden am Tag Labor und Vorlesung. Verheiratet eher mit den Naturwissenschaften. Die Ehe nach sieben Jahren geschieden. 10 Jahre Liebe zur Naturwissenschaft. Mit 32 Jahren bereit für den Arbeitsmarkt als theoretischer Chemiker, der sich fast fünf Jahre damit beschäftigt hatte wie Ramanstrahlung mit organischen Molekülen flüsterte, um ihnen strukturelle Geheimnisse zu entlocken. Fünf Jahre Quantenmechanik. Papier, Bleistifte, Lochkarten, mal längere, meist kürzere, oft fehlerhafte Listings im Rechenzentrum. IBM Jobcontrol. Mein Bild des Ruhrpotts noch nicht größer geworden. Heute ist es mir fast peinlich. Ich war damals auch noch Herta BSC Anhänger. Nach dem Studium sechs Monate Jobsuche zwischen Köln und Dortmund. Mein Bild des Ruhrpotts wurde größer. Hohe Arbeitslosenquoten. Kein Bedarf an Theoretikern. Angebote aus einer Stadt im Süden, deren Name mir wohl, aber deren Standort überhaupt nicht bekannt war. Mannheim. In der Nähe Münchens? Ich begann in einem familiengeführten Pharmaunternehmen stattlicher Größe – 10.000 Mitarbeiter, 5 Milliarden Umsatz als bis dahin ´Missing Link´ zwischen der zentralen Informatik und der Pharmaforschung. Ich beherrschte beider Sprachen und sollte beide Bereiche einander näher bringen. Mein Blick auf den Pott weitete sich mit zunehmendem Abstand. Wie auf einer Weltkarte verschmolzen Städte wie Dortmund, Hamm, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg zum Ruhrpott. Je mehr ich international unterwegs war, desto eher entdeckte ich meine Heimat Ruhrpott. Diese Ansammlung vieler kleiner Dörfer, die großzügig wie zufällig gestreut angeordnet schienen, um meist alte Stadtkerne. Eine Heimat von der Größe Istanbuls, die nach dem Niedergang von Kohle und Stahl in den 60er und 70er Jahren sich träge anschickte wie ein Phoenix aus der Asche hoher Arbeitslosenzahlen aufzusteigen, um eine neue Identität zu finden. Industrieruinen entlang der Ruhr verzaubert durch Kulturprojekte. Industriekultur. Von Christos „The Wall“ 1999, 13.000 aufeinander gestapelten Ölfässern in sieben Farben über Kulturhauptstadt Europas in 2010 zu Christos „Big Air Package“ im Oberhausener Gasometer im März 2014. Eine fast untypische, spielerische Liaison zwischen Kohle, Stahl, Kultur entlang den ab der Stahl- und Kohlekrise wenigen Konstanten im Pott, hoher Arbeitslosigkeit, notorisch überfüllter B1, der zentralen Verkehrsachse, der inzwischen idyllischen Ruhr und einer unglaublichen Dichte hochklassiger Fussballclubs mit hoher emotionaler Volatilität. Natürlich bin ich nach einer Phase fußballerischen jugendlichen Irreseins bei meiner echten Fußballliebe BVB 09 gelandet und es fällt mir inzwischen leicht zu sagen. Jawoll, auch in Schalke können die Fußball spielen. Das ist mein Ruhrpott.

 

 

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