The American way: check and action

Timothy Snyder. Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand

Wahrscheinlich ist es kein Zufall: Da kriselt es in der gesamten westlichen Welt, erst ökonomisch und dann politisch. Und irgendwie, schleichend, gewinnt ein Trend an Kontur, der in der Kritik an dem System westlicher Demokratie an sich gar nicht vorgesehen war. Und trotzdem ist er da, dieser Trend, der bald den hässlichen Beinamen des Populismus trägt, obwohl dieser falsch ist und zu nichts führt. Dass in Europa niemand in der Lage ist, Ursache und Wirkung, Problem und Lösung auf den Begriff zu bringen, zeigt die gewaltige Dimension der Krise. Dass ausgerechnet ein Amerikaner kurz und prägnant dazu in der Lage ist, spricht nicht nur für den angelsächsischen Pragmatismus, sondern auch für die Klarheit bei der Benennung dessen, was man unter Demokratie versteht.

Timothy Snyder, seinerseits Professor zu Yale mit einem Forschungsfokus auf Europa, hat sich das Kriseln in den USA mit wachsendem Unbehagen angesehen. Für ihn ist die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten seines Landes eine dramatische Eskalation. Seine Schussfolgerung daraus ist die vorliegende Schrift „Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand.“ In nahezu genial angelsächsischer Prägnanz hat Snyder zwanzig Grundsätze formuliert, die als praktische Aufforderung dazu dienen sollen, den worst case zu vermeiden.

Auf dem Buchrücken sind die zwanzig Grundsätze zu lesen. Im Buch selbst sind sie etwas elaborierter formuliert und in einer folgenden Betrachtung mit historischen Entwicklungen und Ereignissen belegt, die den Niedergang der Demokratie in den unterschiedlichen Phasen der europäischen Geschichte begleitet haben. Was daraus entstanden ist, sind Appelle für den praktischen Kampf für die Demokratie, die trotz ihrer Prägnanz nicht platt und die historisch belegt sind. Dass Snyder als Amerikaner bei bestimmten Nuancen der europäischen Geschichte den Blick eines Amerikaners beibehält, sollte weder ärgern noch verwundern.

Die zwanzig Prinzipien, die in dieser Anleitung gegen die Tyrannei zu lesen sind, sind deshalb so hilfreich, weil sie bestimmte politische Tendenzen nicht nur analysieren, sondern auch immer mit der Praktikabilität für den Einzelnen verbunden sind. „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam (1)“ ist etwas, was zum deutschen Alltag gehört und sofort jeden Tag und immer wieder thematisiert werden kann. „Verteidige Institutionen (2)“, ist grandios richtig und amerikanisch, weil hier der große blinde Fleck europäischer und besonders deutscher Sichtweise ausgeleuchtet wird. Der Bestand der demokratischen Institutionen ist der Garant schlechthin für die Überlebenschance der Demokratie. Und „Denk an deine Berufsehre (5)“ sowie „Sei freundlich zu unserer Sprache (9)“ sind Hinweise, die ebenfalls sehr gut nachvollzogen wie praktiziert werden können. Gleichermaßen ist die Art und Weise, wie sich ganze Berufsstände (Ärzte, Ingenieure, Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Lehrer etc.) verhalten und mit welchem politisch getränkten Vokabular die Menschen arbeiten wunderbar aufschlussreich und gleichsam Indikatoren für den Zustand der Gesellschaft.

„Über Tyrannei“ ist eine Kampfschrift gegen die Tendenzen der Diktatur und für die Verteidigung der Demokratie. Sie ist kurz und präzise formuliert, sie ist historisch erklärt und sie weist auf die praktischen Möglichkeiten hin, die jeder Mensch besitzt. Deshalb ist das Werk so gut und so zu loben. „Über Tyrannei“ ist aber auch subversiv. Nimmt man nämlich aktuelle Tendenzen, die besorgen, als Erklärung für die Notwendigkeit des Widerstandes, dann sind das nicht nur die so genannten Populisten, die sich als Feinde der Demokratie entpuppen. Aber das herauszufinden ist die Sache einer hoffentlich zahlreichen und natürlich klugen Leserschaft.

Advertisements

7 Gedanken zu „The American way: check and action

  1. aquasdemarco

    Es gibt die Demokratie und den Kapitalismus, Letzterer will immer mehr, et ist so lange Freund der Demokratie, so lange er bekommt was er will.
    Bekommt er es nicht, sucht er neue Wege.
    Wie ein Seeungeheuer, welches erst die Fische ist, bis der Teich leer ist und dann die verarmten Fischer, irgendwann säuft es sogar den See leer.
    Die Demokratie hat ein Problem, es sind ihre Mechanismen zu Verteidigung gegen den Kapitalismus.
    Es benötigt vielleicht eine neue regulierbare Idee des Kapitalismus, damit Fischer und See bis zum Ende der Geschichte glücklich und voll mit sauberen Wasser überleben.

    1. lawgunsandfreedom

      Nicht der Kapitalismus ist schlecht, sondern die Verquickung von Politik und Konzernen. Der militärisch-industrielle-politische Komplex ist das Problem.

      In einem „normalen“ Kapitalismus hätte man die Banken nicht mit Steuergeldern gerettet, sondern sie wären eingegangen. Im Kapitalismus werden Verluste nämlich nicht sozialisiert und damit die Kosten auf den Schultern unbeteiligter Leute abgeladen. Dieses politische Spielart wird heutzutage „Neo-Liberalismus“ genannt, ist aber tatsächlich Raubtier-Sozialsimus, d.h. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. (Neo-Liberalismus war früher übrigens auch völlig anders gedacht, bevor es zum politischen und ideologischen Kampfbegriff wurde).

      Wir brauchen keinen „neuen Kapitalismus“ sondern eine Politik, die kein Appeasement gegenüber unverantwortlich handelnden Firmen und Konzernen betreibt. Da sich aber immer mehr eine gegenteilige Entwicklung abzeichnet bin ich pessimistisch.

      Mir kommt es so vor, als wüssten viele Leute nicht mehr, was Kapitalismus, Sozialismus, etc. wirklich sind, wie sie sich unterscheiden und welche Auswirkungen sie haben. Da wird munter alles mögliche in einen Topf geschmissen. Wir haben in Deutschland keinen echten Kapitalismus und auch von der sozialen Marktwirtschaft sind mMn. nur noch Reste vorhanden.

      Die Demokratie™ hat übrigens auch ein Problem (nicht nur eins, aber das würde hier zu weit führen), nämlich wenn sie unzureichend legitimiert ist. Ich halte die Möglichkeit, alle 4 Jahre ein Kreuzchen machen zu dürfen und dann kein Mitspracherecht mehr zu haben für undemokratisch. Vor allem, da die meisten (Bundes-)Politiker ihre Wählerschaft nicht wirklich repräsentieren und nur durch dreiste Lügen ins Amt kommen. Aktuell gibt es keine politische Partei, die man als ernsthafte Alternative in Betracht ziehen könnte.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.