Was haben Berge und Seen mit der Politik zu tun?

Tim Marshall. Prisoners Of Geography

Warum reagieren Völker und ihre Staaten über Jahrhunderte im einen Fall gelassen, im anderen aufgeregt auf bestimmte Handlungen anderer Mächte im internationalen Verkehr? Warum lassen sich bestimmte Muster finden, die sich im Laufe der Jahrhunderte nicht ändern, obwohl sich ansonsten fast alles geändert hat? Die Beantwortung dieser Fragen hat weniger etwas mit dem zu tun, was man Volkspyche nennen könnte, sondern mehr mit der ganz einfachen Tatsache der eigenen Geographie. Die Art und Weise, wie eine Region oder Nation topographisch eingebettet ist, bestimmt in hohem Maße das eigene Sicherheits- oder Unsicherheitsgefühl. Daran hat das digitale Zeitalter nichts geändert, denn die Physik der Existenz ist geblieben. Das gerät in der internationalen Politik das eine oder andere Mal in Vergessenheit und führt umgehend zu markanten Auseinandersetzungen.

Der international versierte britische Journalist Tim Marshall hat sich in einer lesenswerten Abhandlung der Thematik der Geographie im politischen Denken gewidmet. In seinem Buch „Prisoners of Geography. Ten Maps That Tell You Everything You Need To Know About Global Politics“ legt er die Ergebnisse seiner Studien vor. Anhand von zehn Landkarten gelingt es ihm, das politische internationale Gefüge zu illustrieren, seine markanten Bruchstellen herauszuarbeiten und die wesentlichen Fehler politischer Interaktion zu dokumentieren. Obwohl die Überlegung, politisches Handeln von Nationen aus ihrer Geographie zu beurteilen, nicht unbedingt als ein revolutionärer Ansatz betrachtet werden darf, sind die Ergebnisse von Marshalls Studien atemberaubend einfach und plausibel.

Wahrscheinlich nicht umsonst beginnt er mit Russland. Das Sicherheitsbedürfnisse Russlands hat sich vom Zarismus bis heute in seinen Eckpunkten nicht geändert. Dass Ukraine wie Krim für das russische Denken der casus belle sein musste, wird aus dieser Sichtweise deutlich und es lässt die Überlegung zu, dass das Design dieses politischen Falles bewusst auf Eskalation gesetzt hat. Auch die chinesische Karte macht deutlich, warum ein derartig demographisch unterlegter Koloss auf Tibet so nervös reagiert hat und dass keine Menschenrechtsinitiative oder keine Sympathiewelle für den Dalai Lama dazu führen werden, dass China dieses Tor zu seinem Hochplateau jemals freigeben wird. Und auch die USA haben durch ihre Unabhängigkeitskriege Erfahrungen bezüglich ihrer eigenen Topographie gesammelt, die deutlich machen, warum die Kuba-Krise so verlief wie sie das tat und warum sie alles hatte, um die Giganten USA und UdSSR in einen ruinösen Endkampf zu werfen.

Westeuropa hat genug Kriege erlebt, um das Fragile auf dem Kontinent deutlich zu machen. Der Kanal zwischen dem westeuropäischen Festland und Großbritannien wird gerade nach dem Brexit wieder eine hochbrisante Passage werden und die westlichen Tiefebenen von Belgien und den Niederlanden (und Luxemburg) haben eine geographische Affinität zu den britischen Gestaden. Und eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich, allein ausgelöst durch Wahlen, könnte dramatische Kontinentalverschiebungen nach sich ziehen. Marshall sieht auch eine latente Zuneigung Deutschlands zu Russland möglich, die die Tiefebene von Wilhelmshafen nach Moskau vorgibt. Und gerade dieser Gedanke ist es, der amerikanische und britische Bemühungen zur systematischen Verwerfung zwischen Russland und Deutschland so plausibel machen. Wohlgemerkt, der Autor ist ein Brite!

Auch die Karten zu Afrika und dem Nahen Osten sind voller Hinweise auf die Geschichte und die verheerenden Irrtümer, die westliche, entwickelte, koloniale Interventionen nach sich zogen. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das Politik erklärt, ohne sich im Gestrüpp von Ideologien zu verirren.

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2 Gedanken zu „Was haben Berge und Seen mit der Politik zu tun?

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