Eine vernünftige Stimme aus der Loge

Heribert Prantl. Gebrauchsanweisung für Populisten

Seitdem der Begriff des Populismus in der öffentlichen Diskussion ist, hat er seine Attraktivität verloren. Er ist beliebig geworden, Vertreter unterschiedlicher politischer Meinungen bezichtigen sich gegenseitig, den Mechanismen des Populismus zu folgen. Populismus ist mittlerweile genauso präzise wie Nachhaltigkeit. Ist Letzteres etwas Gutes, so das Erstere etwas Böses. Mehr aber auch nicht. In einem derartigen Kontext auf ein Buch zu stoßen, dass sich „Gebrauchsanweisung für Populisten“ nennt und dann noch als Autor mit Heribert ein Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung ausweist, ein Signet für die herrschenden Medien also, hat meine Lust, den Essay zu lesen, nicht unbedingt beflügelt.

Ich habe es dennoch getan, um zu erfahren, wie ein etablierter Journalist in der mir geläufigen Weise auf achtzig Seiten die neue Rechte in die Zange nimmt und vor allem, wie er die bestehenden Verhältnisse apologetisch verteidigt. Denn beides gehört zu der Rezeptur, die mich seit langer Zeit gewaltig ärgert, weil sie den Konnex von Verhältnissen und dem aus ihnen hervorgehenden Dissens leugnet und alle, die sich auf den Weg der Kritik machen, über einen Kamm schert und ausgrenzt. Das Hier und Jetzt ist für sie das Nonplusultra und die Kritik daran dokumentiert allenfalls Dummheit oder etwas Notorisches.

Heribert Prantl macht das jedoch in seiner Schrift nicht. Natürlich basht er die neue Rechte, und zwar ohne große journalistische Rücksichten. Aber dann macht er etwas, was die meisten seiner Kollegen unterlassen. Er legt den Finger in die Wunde und betrachtet die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Und er bleibt nicht auf der abstrakten Betrachtungsebene stehen, sondern er benennt die Ursachen für das Auseinanderbrechen der gesellschaftlichen Kohärenz, für das Abwenden vieler von dem, was immer wieder als die grundlegenden Werte bezeichnet wird.

Da ist die beobachtete Tendenz, dass immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft, die in der harten Konkurrenz des globalisierten Marktes kein Auskommen mehr finden, immer mehr als Abfall oder Ausschuss bezeichnet werden und von denen gesagt wird, sie müssten mit harter Hand erzogen werden. Da ist die Politik der Schwarzen Null und die vor allem gegenüber den südeuropäischen Ländern verfolgte Autsteritätspolitik eines Wolfgang Schäuble, die Banken rettet, aber ganze Generationen junger Menschen in Südeuropa vor die Hunde gehen lässt.

Da sind die immer wieder propagierten Werte des Westens und da werden Waffen an die größten Schurken des Planeten verkauft. Da ist eine kurzatmige, immer nur auf Projektzyklen reduzierte Integrationspolitik, die nur dann aktiv wird, wenn akute Herausforderungen da sind. Da ist eine Presse, die den größten Krakeelern die Aufmerksamkeit widmet, aber nicht denen, die sich gesellschaftlich engagieren und gesellschaftlich sinnvolle Dinge verfolgen. Und da ist die immer weiter fortschreitende Spaltung von Stadt und Land, die den ländlichen Raum immer mehr veröden lässt und zunehmend zu einer unbewohnbaren, trostlosen Zone macht.

Und trotz dieses mächtigen Portfolios von Leistungen, mit denen die Bürger nicht zufrieden sein können, ist nach Prantl nicht die Legitimation dafür gegeben, sich in die Barbarei fallen zu lassen, und mit einer völkischen, nazistischen Terminologie das Klima zu vergiften und gewalttätig zu werden. Prantl selbst fordert demokratische Tugenden ein und eine Opposition, die den Namen verdient hat. Und da hat er einfach Recht!

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7 Gedanken zu „Eine vernünftige Stimme aus der Loge

  1. Pingback: Eine denkwürdige Stimme aus dem journalistischen Establishment | per5pektivenwechsel

  2. alphachamber

    Das haben Sie wieder gut geschrieben. Aber diese Dinge sind alles nur Symptome. Symprombehandlung hilft bei Kopfschmerzen – nicht Krebs.
    In einer Gesellschaft ohne vernünftige Mitte kann es nur Extreme geben. Tatsache bleibt, dass wichtige kulturelle Institutionen aus der BRD gebannt oder unterdrückt werden, die für ein Land unersetzlich sind, z.B. nationale Identität. D. wird immer links-bunt-lastiger. Der Preis ist intensiver Rechtspopulismus. Aus unserer Sicht ist es fahrlässig z.B. die AfD zu verteufeln; wird die auch immer angepasster, verliert der „seriöse“ Konservatismus ein Auffangfeld – und rechts wird es viel übler werden.

  3. aschicklgruber

    „Prantl selbst fordert demokratische Tugenden ein und eine Opposition, die den Namen verdient hat. Und da hat er einfach Recht!“ Was ist eine Opposition, die den Namen verdient hat ? Wenn Herr Prantl das bestimmt, dann …….
    Sehr geehrter Herr Mersmann, um zu dieser Feststellung zu gelangen, haben sie sich durch dieses Buch gelesen ? Es war doch bestimmt ein Rezensionsexemplar. Dann sei Ihnen verziehen. Bei Amazon lese ich gerne Ihre Beiträge.
    Frage an „alphachamber“:
    Wer steckt ausser Herrn Bovet noch dahinter ? Bitte nennen Sie Roß und Reiter.
    Was „Alphachamber“ auf dem Blog Vitzlies Vierter (jetzt gesperrt) Nachfolgeblog vizlies erben schreibt, ist für mich nett zu lesen.§130 stgb kommt bei Vitzli sofort zur Anwendung und das ist wohl der Grund der „Unsichtbarkeit“

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ach, Herr Schickelgruber, was ist eine Opposition, die den Namen verdient hat? Eine, die aufgrund der Mehrheitsverhältnisse die Regierung in Schwierigkeiten bringen kann, also keine große Koalition. Und, manche Leute, wie ich, machen sich die Mühe etwas zu lesen, bevor sie darüber urteilen, wie im Text auch ausdrücklich dargestellt. Und schon ist man ein Lohnschreiber, wie einfach kann die Welt doch sein!

      1. aschicklgruber

        Das haben sie wieder schön geschrieben. Diese Frage stellte ich ihnen nicht , auf Tischtennisdialektik kann ich nicht antworten.Nach all dem hatte ich nicht gefragt. Ich bewundere sie, dass sie sich die Mühe machen zu lesen, aber was ……
        Ich bitte um Entschuldigung , dies ist ernst gemeint.

  4. aschicklgruber

    Sehr geehrter Herr Dr. Mersmann,
    sie können meine Beiträge löschen, wenn Sie es möchten.
    Ich trunket zu viel Wein.
    Das Zitat von Herrn Dr. Pohrt reicht .
    „Ich muss nicht an jeder Mülltonne schnüffeln um der Wahrheit näher zu kommen.“

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