Das Reaktionäre an der Bedienung des Geschmacks

Ich erinnere mich an eine Zeit, als sich alle möglichen Leute in einer asiatischen Metropole trafen, um das betreffende Land dabei zu unterstützen, nach Jahrzehnten der Diktatur wieder auf die Beine zu kommen. Diejenigen, die sich aus dem saturierten Europa auf einen solchen Weg begeben, wollen in ihrem Leben noch etwas reißen und sind in der Regel nicht Vertreter so genannter Durchschnittsbiographien. Und wie das so ist, wenn Menschen unter besonderen Umständen aufeinandertreffen, wenn sich die Gelegenheit bietet, dann erzählen sie von sich, woher sie kommen und was sie geprägt hat. So bekommen alle langsam einen Einblick in die Geheimnisse dieser Gruppe Gleichgesinnter.

Einer dieser Experten erzählte beim Bier immer wieder die Geschichte, wie er in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als er bei einem Hamburger Radiosender angestellt war, den Mut oder die Impertinenz besessen hatte, ein Stück von John Coltrane aufzulegen, das sechzehn Minuten dauerte. Das war etwas, was überhaupt nicht in die Programmvorstellungen der Verantwortlichen passte, es führte zu einer sehr schnellen Trennung von dem besagten Bekannten, hatte aber auch zur Folge, dass beim Sender nicht wenige Briefe großer Zustimmung eingingen.

Das Interessante an dieser Geschichte war die Art der Selbstheroisierung, die durch die ständige Wiederholung der Erzählung erfolgte, denn damit wurde das Gegenteil von dem erreicht, was die ursprüngliche Aktion zur Folge hatte. Dort hatte nämlich ein bewusst eingegangenes Risiko zu einer Innovation geführt. Der nostalgische Blick auf das Geschehene in der Vergangenheit wiederum stand weiteren Innovationen immer wieder im Weg.

Es handelt sich um die immens aktuelle Frage, inwieweit die Bedienung eines Massengeschmacks nicht dazu führt, den Stillstand zu konservieren und damit neue Formen von Innovation zu verhindern. Bleiben wir im Genre: Wohl in jeder Region der Republik existieren Radiosender, die sich über die Zustimmung ihrer Hörerschaft definieren. Und zwar einer Hörerschaft, die sich über die Heroisierung ihrer eigenen Vergangenheit definiert und an keinerlei Veränderung interessiert ist. Dort werden Musiktitel aus vergangenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts gespielt, die immer wieder als Hits und Megahits oder als größte Hits aller Zeiten bezeichnet werden. Einmal im Jahr findet dann eine Hitparade statt, die die Reihenfolge der beliebtesten und damit der zu spielenden Titel bestimmt. Sie entsteht aufgrund der Befragung des Publikums und das Kuriose dieser Hitparade besteht darin, dass oft über Jahre keinerlei Veränderungen an diesem Geschmack festzustellen ist.

Die Redaktionen dieser Sender sind auf die Festschreibung ganzer Generationen auf eine bestimmte Geschmacksform festgelegt, die Hörerschaft fühlt sich durch den Stillstand wertgeschätzt und alle verfallen dem Mythos, dass früher alles besser war. Personen, wie der eingangs erwähnte Bekannte, die es wagen würden, einmal was Neues, Avantgardistisches, die Hörgewohnheiten Herausforderndes einzuspielen, scheint es nicht mehr zu geben. Der Stillstand wird zelebriert und das Publikum zu einer hermetischen Abschirmung von neuem Gedankengut erzogen.

Was das Beispiel der beschriebenen Radiosender belegt, ist die These, dass der exklusiven Bedienung des vorhandenen Geschmacks etwas renitent Reaktionäres anhaftet. Und es ist nicht nur reaktionär, sondern auch etwas Lächerliches. Nichts gegen einen nostalgischen oder auch romantischen Blick in die eigene Vergangenheit. Aber die menschliche Existenz definiert sich immer über die Perspektive für die Zukunft. Eine solche Zukunft Teilen der Gesellschaft abzusprechen, aus welchen Gründen auch immer, ist eine immens zynische Angelegenheit. Das erfordert doch einen rebellischen Gestus. Egal, welche Generation betroffen ist!

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4 Gedanken zu „Das Reaktionäre an der Bedienung des Geschmacks

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