Universalismen, Systeme und Subjekte

Hierzulande, im Herzen Europas, ist man dazu geneigt, die existierende Welt nach Theorien und Lehren zu interpretieren und zu gestalten. Vor allem im politischen Denken wie in der Führung von Wirtschaftsunternehmen geht es zumeist nicht ohne ein Bekenntnis zu einem Theorem, einer Doktrin oder einem ganzen System. Der Glaube, der diesem Denken zugrunde liegt, begründet sich durch die Überzeugung, dass nur eine formulierte Orientierung es ermögliche, komplexere Systeme zu steuern.

Politik- wie Managementtheorien leben davon, Programme sowie Kodifizierungen zu produzieren, die garantieren sollen, dass eine bestimmte Konsistenz herrscht und in dem System das entsteht, wofür man es geschaffen hat. Der systemische Mangel dieser Auffassung liegt allerdings in der nahezu konsequenten Ausblendung des Subjektes, d.h. der in dem System entscheidenden und handelnden Menschen. Vor allem die modernen Theorien von Politik und Theorie neigen dazu, dieses radikal zu betreiben und nennen das Ganze die Versachlichung.

Die Historie wiederum bietet unzählige Beispiele für die Notwendigkeit, die Befindlichkeit, die Interessen, das Können und Wollen der handelnden Subjekte stärker in den Fokus zu nehmen. Denn auch Demokratie bedeutet Herrschaft, und nicht immer wurden die Beherrschten in dieser Staatsform mit Glacéhandschuhen angefasst. Und auch die Herrschenden in diesem System haben allzu oft dokumentiert, dass ihnen keine Form der Korruption, der Kollusion oder des Nepotismus fremd ist. Andererseits sind die Bücher voll von Monarchen, denen das Wohlergehen ihrer Völker wichtig war und deren Vorstellung von Toleranz bis heute beispielhaft ist.

In der Betriebsführung ist es nicht anders. Das, was heute an Managementtheorien auf dem Markt ist, hat immer reale Protagonisten und nachprüfbare Vorgehensweisen, die in der Regel selten konsistent sind und deren Abweichung von der reinen Lehre allzu groß ist. Die kolportierte Antwort bei der Beobachtung derartiger Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in der Regel die Formulierung, es menschele halt überall. Und genau das ist es, was den nahezu religiösen Glauben an Politik- und Managementtheorien nachhaltig zugunsten einer weiter führenden Betrachtung schädigen sollte.

Das Scheitern der besten Theorien liegt zumeist in dem begründet, was die menschliche Unzulänglichkeit genannt wird. Letztere ist das, wovon wir ausgehen müssen, wenn wir uns Gedanken über andere Formen der sozialen Organisation machen. Die handelnden Subjekte sind diejenigen, die mit ihrem konkreten Verhalten bestimmen, wohin sich ein System entwickelt. Und wenn wir uns ansehen, worin momentan, im Jahre 2017, die so genannten Unzulänglichkeiten bestehen, sind wir sehr schnell bei dem Kanon dessen, was man in jeder Bäckerei oder an jedem Marktstand als Kritik an dem bestehenden politischen System hören kann: Die handwerkliche Unsicherheit, die Angst vor Konflikten, die Verpackung unbequemer Botschaften, die Entscheidungsschwäche, der Opportunismus, die Versessenheit auf Status, die Armut an Strategien und der mangelnde Respekt gegenüber anderen.

Letzteres jedoch ist eine Erscheinung, die nicht als Konsequenz einer Staatsform wie der Demokratie oder einer Managementkonzeption missverstanden werden darf, sondern ein Form der menschlichen Unzulänglichkeit, die es immer schon gegeben hat, die quasi universal ist, wie die Literatur zur Genüge dokumentiert. Und nur, wenn es Subjekte gab, die als fähig und kompetent galten, konnte man davon ausgehen, dass Systeme auch funktionierten. Die Aufklärung gab sich dezidiert das Programm, den Menschen, das Individuum, zu einem verantwortungsvollen Subjekt zu bilden. Die Aktualität dieser Programmatik könnte höher nicht sein!

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2 Gedanken zu „Universalismen, Systeme und Subjekte

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