Ein schlafloses Europa und ein bräsiges Deutschland

Es gibt kaum etwas wichtigeres, als Polizistinnen in Saudi Arabien auszubilden. In der Hochburg des Wahhabismus, dort, wo die intoleranteste Form des Islam immer wieder Impulse in die weite Welt schickt, dort, wo mehr Menschen jedes Jahr geköpft werden als in der Bundesrepublik Deutschland in zehn Jahren zu einer lebenslangen Haft verurteilt werden, dort, von wo sich ein Osama Bin Laden aufmachte und finanziell unterstützt wurde und dort, von wo die Strippen für den IS gezogen werden, setzt sich die Kanzlerin für mehr Möglichkeiten der Frauenemanzipation ein, die natürlich bei der Polizei beginnt. Eskortiert wurde diese Meldung von der Schreckensvision, Saudi Arabien wolle keine Waffen mehr aus Deutschland importieren. Ja, wäre es so, dann hülfen doch die Ausbildungsgänge für die saudische Polizei im Ganzen gar nichts.

Die Nachrichten für Deutschland sind nicht gut in diesen Tagen. Saudi Arabien, wiewohl der satanischste aller Bündnispartner, ist nicht der einzige, der Böses im Schilde führt, wobei das Böse immer nur das ist, was sich gegen Deutschland richtet und nicht das, was diese Partner ausmacht. Denn auch die Türkei und deren Präsident sind auf keinem freundlichen Kurs. Denn bereits in den drei auf das Referendum folgenden Tagen wurden 10.000 weitere Menschen aus dem öffentlichen Dienst entfernt und 1.000 inhaftiert. Dennoch, so die Position der Bundesregierung auf dem EU-Gipfel in Malta, solle man die Tür für die Türkei nicht zuschlagen. Ja, zu wichtig ist sie als Tor zum Nahen Osten, zu wichtig als Puffer für die Flüchtlinge aus Syrien, an dessen Verursachung man kräftig mitmischt und zu wichtig als Markt. Das sind natürlich harte Fakten, die wichtiger sind als Gabriels nett gemeinten Hinweise, man müsse den Austausch von Wissenschaftlern weiterhin zulassen und den Handel von Unternehmern unterstützen. Das ist die laue Position des alten Deutschland gegenüber einer jungen Diktatur.

Und schon zeigt sich auch Europa in einem neuen Licht. Die Hinweise, dass sich mehr und mehr Länder nicht nur von der dominanten deutschen Politik abwenden, nein, die Fliehkräfte der EU scheinen das herbeizuführen, was es bereits schon einmal gab. Die Niederlande und Skandinavien werden sich mehr den Briten zuwenden, und irgendwann, vielleicht schon Morgen, wird sich eine mediterrane Allianz um Frankreich bilden. Deutschlands Bund wird eher im Osten liegen, dem Block von Staaten, in denen der Neokapitalismus die Staatsinstitutionen aus der sozialistischen Ära zerstört hat, in dem aber die alten, skrupellosen Eliten den Zugriff behalten haben. Dort weht aus allen Fugen das anti-russische Ressentiment, mehr ist von dort aber nicht zu erwarten. Eines morgens wacht alt Deutschland wieder auf und befindet sich in sehr schlechter Gesellschaft.

Wehe dem, der sagt, es könne an der Hybris liegen, mit der man in diesem Land bräsig bis an die Spitze gelangen kann. Dem Diktum von der deutschen Tüchtigkeit und dem Fluch der Faulheit und des Unvermögens, dem die anderen unterliegen. Nein, alles, was an Isolation jeden Tag deutlich sichtbarer wird, ist hausgemacht von einem irrwitzigen Ignorantenstadl, das die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und in Großmachtsphantasien schwelgt, die schon einmal das größt anzunehmende Chaos herbeigeführt haben. Ein Kurswechsel, der Europa als halbwegs handlungsfähiges politisches Gebilde retten wollte, kann nur von Deutschland ausgehen. Dort dominiert jedoch das „Weiter so!“. Frei nach Heine könnte man sagen: Denkt Europa an Deutschland in der Nacht, so ist es um den Schlaf gebracht.

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5 Gedanken zu „Ein schlafloses Europa und ein bräsiges Deutschland

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  2. Arabella

    …die Jahre kommen und vergehen, seit ich die Mutter nicht gesehen…
    Heine gilt nur im Gesamten, Deutschland auch.

  3. almabu

    Wenn die möglichen Brüche der EU in der auch von mir so beschriebenen Weise eintreten, dann wird sich Deutschland am Ende in einer Lage wiederfinden, die in erschreckender Art an die Ausgangsposition vor den beiden Weltkriegen erinnert. Das alles weil der Exportweltmeister und Spar-Zuchtmeister die ganze EU nach seinem schlichten Bild formen will. Viele EU-Staaten leiden bereits direkt und konkret unter dieser Politik. Bald wird auch Deutschland leiden und die Konsequenzen von Merkel, Schäuble & Co. tragen müssen. Das alles, weil man die Lohnkosten in Deutschland Dank Schröders Agenda 2010 zu deckeln versucht.

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