Von Mossadegh bis Gaza

Michael Lüders. Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Es kommt selten vor, dass ein geladener Gast in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bei seiner Vorstellung in einer Talkrunde durch die Moderatorin so beschädigt wird wie kürzlich im Fall Michael Lüders. Anne Will, gut besoldete Polit-Moderatorin, stellte Michael Lüders als einen Geschäftsmann vor, der daran interessiert sei, Informationen zu verkaufen. Und John  Kornblum, Mit-Diskutant und seit einem Jahrzehnt Bankenlobbyist, der regelmäßig im gleichen Format immer noch als Diplomat vorgestellt wird, obwohl er das schon lange nicht mehr ist, schmähte besagten Lüders als abenteuerlichen Verschwörungstheoretiker. Das Thema des Abends war Syrien.

Bei so einem Aufschlag ist es von besonderem Interesse, etwas mehr Licht in die Vorwürfe zu bringen und herauszufinden, was sich hinter den Beschuldigungen verbirgt. Mit seinem 2014 erschienenen Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ hat Michael Lüders genügend Material geliefert, um sich ein Bild von ihm zu machen.

Lüders Ansinnen ist es, etwas Klarheit in eine schier nicht mehr darstellbare Komplexität von Interessen und inneren Widersprüchen unter der Überschrift Syrienkonflikt herzustellen. Um die Kulturbrüche, Interessenkonflikte, Hegemonialschlachten, strategischen Gemetzel und kommunikativen Irrlichter verständlicher und erklärbarer zu machen, wählt der Autor eine historisierende Beschreibung eines immer größer werdenden destruktiven Sogs.

Die Zeitreise beginnt mit der Darstellung des aus Sicht des Autors vorliegenden Sündenfall des Westens im Nahen Osten, nämlich mit dem forcierten Regimewechsel im Iran im Jahre 1953, dem Sturz des demokratisch gewählten und die Ölindustrie sozialisierenden Präsidenten des Iran, Mossadegh. Die Modalitäten seines Sturzes, im Hause CIA designed, sollten fortan in unzähligen geplanten Regime Changes Anwendung finden und der Sturz selbst der erste Akt in einem Schauspiel werden, das immer noch anhält und ein Endlosthema zu sein scheint, bei dessen Spiel der Westen heute so wenig begreift wie vor sechzig Jahren.

Nach dem Iran folgt in der Reihe vom Autor ausgewählter Beispiele die Geburt von Al-Qaida. Wiederum handelt es sich um eine amerikanische Strategie, eine islamische Guerrilla gegen den sowjetischen Krieg in Afghanistan auszubilden und zu unterstützen. Die Installation des heutigen Islamistischen Terrors wäre ohne Zutun der USA so nicht möglich gewesen.

In einem weiteren Kapitel geht er auf die Dschihadisten ein, um die Unfähigkeit des Westens, aus Fehlern zu lernen, anschaulich zu illustrieren. Und so geht die Geschichte weiter über den Irak, der Unterstützung Saddam Husseins bis zu seiner Verteufelung, die Zerschlagung des irakischen Staates bis zu der ohne die Zerstörung nicht denkbaren Genese des Islamischen Staates, die zunächst freundlichen Beziehungen zu Syrien bis hin zur Kriegserklärung, weil Assad sich nicht für eine Pipeline unter westlich-saudischer Regie hat hinreißen lassen und der konkreten Interessen Russlands in diesem Zusammenhang, das als Gaslieferant gar kein Interesse an einer solchen hat. Und es endet mit dem Konflikt in Gaza, diesem entsetzlichen Kapitel einer kaum mehr denkbaren Befriedung, indem der palästinensische Souveränitätsgedanke keinen Boden mehr findet, ohne dass ein Frieden in absehbarer Zeit eine Chance hätte.

Das vorliegende, gut lesbare und mit Quellen versehene Buch weist Michal Lüders als einen seriösen Autor und exklusiven Kenner des Nahen Ostens aus. So, wie das Buch jedem zu empfehlen ist, der sich Klarheit über die unübersichtlich erscheinenden Widersprüche im Nahen Osten verschaffen will, genauso desavouiert es das Format Anne Will. Aber das spielt hier keine Rolle.

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2 Gedanken zu „Von Mossadegh bis Gaza

  1. Pingback: Wer den Wind sät | per5pektivenwechsel

  2. almabu

    Talk-Shows erscheinen mir als vergeudete Zeit, mit der ich in meinem fortgeschrittenen Alter klüger umgehen muß 😉 Anne Will, jedoch ich nicht!

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