You can’t go home again!

Didier Eribon. Rückkehr nach Reims

 
Die Geschichte ist so alt wie die Menschheit. Ein junger Mann fühlt sich in den Verhältnissen seiner familiären wie geographischen Heimat zu eingeengt, er wagt den Weg hinaus in die Welt und kehrt nach vielen Jahren wieder einmal heim. Der Vater, der idealtypische Gegenpol der Vergangenheit, ist mittlerweile verstorben und der Diskurs mit der verbliebenen Mutter dient der Vergewisserung des Erinnerten, dem Bericht über das ohne den Sohn Geschehene und dem gescheiterten Versuch einer Verständigung. Für die amerikanische Gesellschaft hat Thomas Wolfe mit seiner Erzählung „You can´t go home again“ Nationalliteratur geschaffen, indem er die Vergeblichkeit der Rückkehr kategorisch an den Schluss setzte.

Nun, in einer Zeit, in dem sein Land Frankreich vor großen Entscheidungen stand und steht, in dem vielen klar ist, dass sich vieles ändern wird, traut sich der heutige Soziologieprofessor und landesweit bekannte Publizist Didier Eribon an die literarische Aufarbeitung seiner eigenen biographischen Rückkehr. Unter dem Titel „Rückkehr nach Reims“ veröffentlichte er bereits 2009 diesen Versuch in Frankreich, seit 2016 ist er auch in deutscher Sprache erhältlich.

Bei „Rückkehr nach Reims“ handelt es sich weder um einen Roman noch eine Erzählung, sondern vielmehr um einen sehr reflektierten, kritischen Diskurs mit sich selbst. Vielleicht könnte es auch als Dialog mit dem anderen Ich bezeichnet werden. Eribons Schilderung seiner frühen Biographie hat insofern klassischen Charakter, als dass er noch einmal das alte, klassenbewusste europäische Proletariat zeigt, dass eine eigene Partei besitzt und vor Selbstbewusstsein strotzt. Die Erzählung zeigt aber auch die Nöte des Underdogs Didier Eribon selbst, der als Jugendlicher, der auf die Bildungsstraße gerät und zudem seine eigene Homosexualität entdeckt. Nach Bildung strebend und außerhalb der Welt der damals paternalistischen Heterosexualität war das Dasein zum Ausgestoßenen vorgeprägt, es sei denn, man bevorzugte die Flucht in die Metropole Paris, was Eribon tat und sich damit rettete.

Dass da jemand schreibt, der sich über die zeitgenössische französische Philosophie zur Soziologie vorgearbeitet hat, wird deutlich, wenn Eribon über die politische Entwicklung des französischen Industrieproletariats reflektiert, das von der mächtigen Säule der kommunistischen Partei abrückte und zunehmend nach rechts driftete und heute in großen Teilen dem Front Nationale zugewandt ist. Die Feststellung, dass der Konservatismus auch in früheren Zeiten präsent war, aber durch den Anspruch der Mobilisierung als politische Kraft neutralisiert werden konnte, während heute die Statik und Passivität dieser verbliebenen sozialen Schicht das Phlegma der unreflektierten Tradition zum größten Faktor macht, gehört zu den Erkenntnissen, die das Buch in Frankreich zu einem Bestseller haben werden lassen.

Die Entschlüsselung des Doppelcharakters sozialer Klassen in Bezug auf ihre politische Mobilisierung ist quasi ein Gewinn der zweiten Art, der sich bei der Lektüre einstellt. Eribon vermittelt mit „Rückkehr nach Reims“, ob willentlich oder nicht, viele Einsichten in das französische proletarische Milieu, in die dortige Klasse der Intellektuellen und die nahezu nationale Affinität zur romantischen Illusion. Vieles, von dem Eribon berichtet, hört sich auch bei deutschen Proletarierfamilien nicht anders an und dennoch existieren viele Details, die es in dieser Form nur in Frankreich gibt. Ein intelligentes Buch, das trotz anderer Absichten auch zu dem Schluss kommt, dass es keine Rückkehr gibt. Allein deshalb ist es zu empfehlen.

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3 Gedanken zu „You can’t go home again!

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